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In „Touch“ wird dem Verhältnis von Nähe und Distanz nachgespürt.

Kammerspiele München

Körperfäden spinnen

  • vonK. Erik Franzen
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Das Team der Münchner Kammerspiele um die neue Intendantin Barbara Mundel startet selbstbewusst in die neue Saison.

Zwei Männer in durchsichtigen Schutzanzügen, die an einigen Stellen mit schwarz-gelbem Klebeband markiert sind, in Unterhosen, bewegen sich einige Minuten, die zu einer berührenden Ewigkeit werden, mit einem dritten Mann in Unterwäsche, der ungeschützt ist. Die Bewegung ist ein vorsichtiges Abtasten, ein liebevolles Anfassen, ein Tragen und Getragenwerden, eine erfüllte Sehnsucht.

Die Szene aus Falk Richters und Anouk van Dijks Uraufführung von „Touch“ an den Münchner Kammerspielen entwickelt sich auch deshalb zu einem freien Spiel in eingeschränkten Zeiten, weil der Körper des dritten Mannes, der von Erwin Aljukic, nicht ausgestellt und vorgeführt wird, sondern weil er emanzipiert ist. Aljukic lebt mit Glasknochenkrankheit.

„Touch“ mit der Regie-Doppelspitze Richter (Text) und Van Dijk (Choreographie) darf man nicht als zeitgenössischen Imperativ missverstehen: Leute, berührt euch endlich wieder! Vielmehr wird dem Verhältnis von Nähe und Distanz nachgespürt: vor, mit und nach Corona.

An diesem zweistündigen, kurzweiligen, thematisch überbordenden Abend wird die Programmatik der kommenden Jahre unter der Intendanz von Barbara Mundel extrem kurztaktig entfaltet. Nach der für alle langen Pause präsentieren sich die 13 Schauspielerinnen und Schauspieler, die weder eingerostet noch übermotiviert sind, darunter vertraute und neue Gesichter. Sowohl in den Mikromonologen (unter anderem über Tiermord, Terra X, Rassismus, Migration und das Geschlechterverhältnis), dem Well-Made-Gedächtnis-Play für Yasmina Reza als auch in den bewegten Momenten (in denen sich alle zu einem Ganzen tanzen) vibriert es: Die teils neongrellen Outfits mit und ohne Masken aller Art, die teils historischen Kostüme von Andy Besuch und die Bühne von Katrin Hoffmann, in deren Zentrum eine gelegentlich videobespielte Riesenplatine steht, rahmen die Revue, die wahnwitzig und heiter, ironisch, verzweifelt und diskursiv angelegt ist. Ja, alles hängt mit allem zusammen, man muss die Körperfäden nur spinnen.

Körper zusammenbringen: Genau das war ein Ziel der Performance von Doris Uhlich am zweiten Tag des Eröffnungswochenendes der Kammerspiele, dieses Mal in der von der Zuschauertribüne befreiten Halle in der Falckenbergstraße. In einer „Pandemic Version“ ihres vor Jahren begonnenen „Habitat“-Zyklus versammeln sich, nackt, zwölf in München gecastete Menschen, die sich zunächst demonstrativ auf den Linien eines Vierecks mit Blick Richtung Zuschauer und Zuschauerinnen aufstellen: Face to face und body to body. Stille.

Sehr langsam entwickeln sich einzelne, individuelle Positionen. Die Spielerinnen liegen, sitzen oder gehen, sie zucken, zappeln, drehen sich. Immer mehr einem verborgenen Ritual folgend durchmessen sie den Raum, ihre Blicke ans Publikum wendend, angeführt von elektronischen Beats und Sounds.

In der einstündigen Momentaufnahme dieser textlosen Körpererzählung jenseits existierender Schönheitsideale wird Nacktheit weder gefeiert, noch zum Gegenstand von Voyeuren: Im Lauf der Zeit entsteht ein sperriges, brüchiges Netzwerk von Körpern. Der Energieentladung im Rave-Rausch folgt Erholung, daran anschließend ein ebenso zartes wie konsequentes Aufeinander-Zu und Dauer-Berühren in transparenten Plastikanzügen, deren Innenseite von der Feuchtigkeit der schwitzenden Körper beschlägt. Ein Sound wie Meeresrauschen. Ein einziger, großer Netzwerkknoten. In der letzten Szene gehen alle zurück auf ihre Startposition. Ihre Körper sind neu verlinkt.

Einen Soloabend bestreitet Julia Häusermann am dritten Tag des Spielzeitauftakts. Auf den goldumrahmten Brettern der Kammerspiele ein angedeuteter Felsen – mit eingebauter Zapfanlage, aus der Wasser kommt. Häusermann trinkt während der einstündigen Performance immer wieder ein Glas, „gut für die Haut“. Hinter ihr auf dem Eisernen Vorhang Videos mit Makroaufnahmen von Blumen, Pflanzen, Pferden und Schaumblasen. „Ich bin’s Frank“ lautet der Titel des Projekts der Schweizer Schauspielerin in der Regie von Nele Jahnke und in Zusammenarbeit mit dem Theater Hora.

Mit Frank ist Frank Lewinsky gemeint, eine Figur der deutschen Adels-Seifenoper „Verbotene Liebe“. Häusermann nimmt das Publikum mit auf eine sehr direkte, einstündige Reise in die karstige Landschaft deutscher Schlagerkultur, internationaler Popgrößen, ausrangierter Vorabend-Fernsehserien. Mit grauem Top, roten Leggings und schwarzem Rock aus Gaze mit Streifen schlüpft sie in verschiedene Rollen. Sie singt, lacht, schreit und weint echte Tränen. Die große Kate Tempest wird zitiert: „How many yous will you carry? Weeping and desperate to marry?“

Die Schauspielerin mit Trisomie 21 schont sich nicht. Ihr Thema: ein „Körper ohne Ort“. Ausgestattet mit Trillerpfeife lässt sie ausgewählte Zuschauer gymnastische Übungen nachmachen, wirft blaue Kornblumen ins Publikum und wütend auf den Boden. Konsequent entzieht sich dieser Abend mit Schweizer Sprachfärbung (und deutschen Untertiteln) den gängigen Vorstellungen von Theaterhochkultur – sehr zur Freude des Publikums, das rhythmisch klatschend den irren Schenkelklopfer „Geboren um dich zu lieben“ von Nik P. begleitet. Ende. Enthusiastischer Applaus.

Barbara Mundel und das neu aufgestellte Team der Kammerspiele haben mit diesem insgesamt umjubelten Beginn der neuen Intendanz Mut gezeigt, ästhetisch und inhaltlich. Ganz auf der Höhe unserer (w)irren Zeit knüpft das auf mehreren Ebenen weiblicher gewordene Team selbst- und verantwortungsbewusst an vielerlei Erbe an – an das vom gerade ausgeschiedenen Erfolgsintendanten Matthias Lilienthal (2020 waren die Kammerspiele Theater des Jahres) bis hin zum Erbe der gerade zum Rollenmodell auserkorenen Therese Giehse: Eine neu geschaffene Büste der jüdischen, lesbischen, sozialistischen Münchner Schauspielerin im Foyer des Haupthauses setzt ein Ausrufezeichen. Zudem heißt die zweite Spielstätte nun Therese-Giehse-Halle. Wir dürfen gespannt bleiben.

Münchner Kammerspiele: „Habitat“ am 13., 15., 16., 18. Oktober. „Touch“ am 20., 22., 31. Oktober. „Ich bin’s Frank“ am 24. Oktober. www.muenchner-kammerspiele.de

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