Theater

Kammerspiele Frankfurt: Fredrik Brattbergs Stück „Wieder da“

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Das kleine norwegische Stück „Wieder da“ von Fredrik Brattberg an den Kammerspielen Frankfurt. 

Fredrik Brattbergs kleines Stück „Wieder da“ ist eine Art mildes Gruselmärchen. Das Begründungslose der Gruselsituation und das rigorose Nicht-wichtig-Machen der buchstäblich existenziellen Situation ist bestechend, und auch wenn es einen kaum länger als eine Stunde interessieren kann, so macht das nichts, denn nach einer Stunde ist es auch bereits vorbei. Wie bei jedem anständigen Gruselmärchen ist es etwas spannender, möglichst wenig vorab zu wissen. Andererseits hält Brattberg auch nicht lange hinter dem Berg mit dem Clou seiner novellenartigen Handlung. Ein Mann und eine Frau mittleren Alters. Der Sohn geht noch zur Schule, aber nun ist er seit geraumer Zeit verschwunden. Dann taucht er wieder auf. Dann ist er wieder weg. Dann taucht er wieder auf. In modernen Interviews würde den gebeutelten Eltern wohl die Frage gestellt: Und was hat das mit Ihnen gemacht? Brattberg hingegen verwickelt seine Kleinfamilie in diese Wiedergängeraffäre, als wäre es lediglich eine weitere Möglichkeit der vielfältigen fatalen Dinge, die Menschen zustoßen können. Man muss damit umgehen, und das tun die Eltern.

Und so lässt es Kornelius Eich auch spielen. Nicht als Konversationsstück, aber doch mit einem zurückhaltenden, traumartigen Realismus: Die Eltern, die sich etwas langatmig in den Abend hineinflüstern, können ihren Sohn zwar fragen, wo er war, aber sie können sich nicht darüber verständigen, was hier eigentlich los ist, warum ihnen (ausgerechnet ihnen) so etwas ins Haus kommt. Dafür gibt Brattberg – Allmacht des Dramatikers – ihnen einfach keinen Text. Der Sohn wiederum darf nicht erklären, was aus seiner Sicht geschieht, und wie im Traum insistieren die Eltern auch nicht. Christina Geiße und Sebastian Reiß, von Laura Krack parabelhaft überzeitlich gekleidet, spielen das zart und ohne Übertreibung.

So unwahrscheinlich das alles ist, so vorstellbar sind doch diese beiden Menschen in dem von Loriana Casagrande karg und unverbindlich eingerichteten, etwas schräg zum Publikum stehenden Bühnenzimmerchen. Einer Bühnenzimmerchen-Wanne, die die Eltern nie verlassen. Der Rand des Zimmerchens ist die Grenze zwischen Leben und Tod, kann man sagen. Von jenseits dieser Grenze kommt Torsten Flassig als Sohn namens Gustav. Er darf sich überhaupt nicht in die Karten blicken lassen, er ist latent gestresst, aber weitgehend gefasst. Und hungrig. Gespenstisch, aber unböse.

Die deutsche Erstaufführung des zum Buchmessen-Gastland passenden norwegischen Stücks, 2012 unter anderem mit dem Ibsen-Preis ausgezeichnet, ergab sich im Zuge eines größeren Saisonbeginn-Umbaus. Geplant war als Eröffnungspremiere in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt Lukas Bärfuss’ „Der Bus“, ebenfalls eine symbolisch aufgeladene Geschichte. „Wieder da“ wird nun diskret genug gestaltet, dass es dem Publikum überlassen bleibt, das Umkreisen des Themenbereichs Tod, Verlust und Weiterleben zu erkennen und anzuerkennen. Mangelnden Ernst kann man Brattberg nicht vorwerfen. Im Verein mit dem Spiel von Geiße und Reiß gelingt es, eine zutiefst menschliche Fähigkeit zu dokumentieren: Jene geradezu unglaubliche (obwohl man sich als Mensch weiß Gott damit auskennen sollte) Fähigkeit, sich an neue Situationen bestmöglich anzupassen. Man begreift, dass das den Umgang mit dem Tod in seiner vermutlich schlimmsten Form – dem Tod eines eigenen Kindes – wider Erwarten eben nicht ausschließen muss.

Dass der Verlauf fast jugendstückhaft einfach und abstrahiert ist – das Ausmaß der Erschütterung bleibt jedem selbst überlassen –, macht den Zeitraffer, der hier bald im Einsatz ist und gegen Ende sogar noch höher eingestellt wird, besonders sinnvoll. Man hat es ja verstanden. Es hilft einem nichts, aber man hat es verstanden. Vielleicht stimmt es auch nicht, dass es einem nichts hilft.

Schauspiel Frankfurt,Kammerspiele:

22. September; 5., 19., 25. Oktober.

www.schauspielfrankfurt.de

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