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„So sanft wie Du“ mit der Kammeroper im Frankfurter Palmengarten: Annette Fischer singt „Ombra mai fu“. Foto: Paul Williams
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„So sanft wie Du“ mit der Kammeroper im Frankfurter Palmengarten: Annette Fischer singt „Ombra mai fu“.

„So sanft wie Du“

Kammeroper Frankfurt im Palmengarten: Die Treue eines Bonsais

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Das Pasticcio „So sanft wie Du“ mit der Frankfurter Kammeroper im Palmengarten.

Als die Menschen einst von Opern nicht genug bekommen konnten und steter Nachschub herbei musste, half das Re-Mix des Pasticcio, flink aus alt neu zu machen. Ja, die Menschen bekamen nicht nur von Opern nicht genug, es sollten auch nagelneue Opern sein, nicht welche, die Jahrzehnte, heute könnte man sagen: Jahrhunderte alt waren. Im Pasticcio goss selbst der große Georg Friedrich Händel auf, was er schon einmal geschaffen hatte, ein Komponist, dessen Arien so wenig müde machen wie eine Dauerschlaufe aus Depeche-Mode-Liedern. Neben dem Umstand, dass eben selbst er nicht am laufenden Band weitere Meisterwerke schaffen konnte, spielte das übliche Herumgehetze im Theaterbetrieb eine Rolle, Termine, Kompromisse, ein beleidigter Tenor, der noch eine Arie wollte.

Schwierige Planbarkeit und komplexe Probensituationen sind dem Theater auch seit dem März 2020 wieder besonders vertraut, also griff nun die Kammeroper Frankfurt zu dieser Tradition, die auf entzückende Weise allem widerspricht, was sich das 19. Jahrhundert dann als heilige Kunst vorstellte. Die Heiligkeit der Kunst hat in der Kammeroper Frankfurt jedoch nie eine große Rolle gespielt, die Ernsthaftigkeit der Kunst hingegen schon. Auch eine rasante Beliebigkeit – rasante Beliebigkeit als ein Status quo der Barockoper, in der man leicht den Faden verliert, aber die Gefühle sind trotzdem groß und wahr – will sitzen, und sie sitzt.

„So sanft wie Du“ heißt das Pasticcio, das der Dirigent Daniel Stratievsky und der Regisseur Rainer Pudenz zusammengestellt haben. Händel regiert, etwas Henry Purcell kommt dazu, flankiert wird der Abend in der Palmengarten-Muschel von zwei grandiosen Georg-Kreisler-Nummern, hingebungsvoll dargeboten von der zu 100 Prozent in ihrem Element befindlichen Ingrid El Sigai. „Das Triangel“ und „Opernboogie“.

Vier Paare auf drei knallroten Sofas (Bühne Frank Keller, wie immer mit Bildern von Mateo Vilagrasa), denn das vierte stromert unruhig umher. Dies ungefähr die Konstellation: Die Sopranistin Tara Daphne Bethke und der sehr bewegliche, sehr barockaffine Tenor Leilei Xie sind zwei Jungverliebte, die sich noch nicht recht trauen. Die Sopranistin Jana Raine und der Bariton Timon Führ sind ein Paar, das sich bereits absolut alles traut. Die Sopranistin Annette Fischer und der Bariton Thomas Peter sind das Paar, das sich satt hat. Aber: Alle schauen sich gerne auf einem anderen Sofa um.

Zurück aufs eigene Sofa

Songs von Liebessehnsucht, Abschiedsschmerz sowie allgemeinem Operngejammer dienen als perfekter Vorwand, nach hier oder dort zu rutschen. Womöglich hätte man sich das sanft erotische Durcheinander noch größer gewünscht, andererseits ist es vielleicht auch einfach menschlich, dass man am Ende doch wieder dorthin zurückkehrt, wo man sich auskennt und es einem gut geht. Auf das eigene Sofa.

Umherschweifend: El Sigai, die sich (in einem besonders glamourösen Kleid von Katrin Stubbe) verlegen, aber aufwendig in den Schauspieler Philipp Hunscha verguckt hat. Hunscha spielt einen Hagestolz und Rühr-mich-nicht-An und zitiert Bitteres von Heinrich Heine. Und wenn es schon Liebe sein muss, dann Kurt Schwitters. Während ohnehin viel (aber nicht zu viel) los ist, führen El Sigai und Hunscha ein stilles Pas de deux der Mimosen auf.

Das diesmal extrakleine, auf Streichinstrumente reduzierte Orchester spielt unter Stratievskys Leitung balsamisch süß, der Dirigent reichert das am Keyboard an, und das Ensemble bekommt gegenüber der Geräuschkonkurrenz unter freiem Himmel seriöse Unterstützung. Unter den Sängerinnen und Sängern herrscht gewissermaßen eine barocke Einigkeit: Gefühle wallen und sie versickern eben auch wieder, wenn eine Arie zu Ende ist. Nur der aus dem Sprechtheater herüberschießende Zynismus stört die Barock-Atmo, das Ensemble hält sich die Ohren zu, wenn Hunscha rezitiert. El Sigai dagegen ist dann Ohr, die dafür vom Orchester für ihre bezaubernden Kreisler-Nummern ausgebuht wird. Wer auch sonst gerne ins Theater geht, hat noch mehr von diesem zarten, luftigen Abend.

Stratievsky und Pudenz haben viele Hits eingearbeitet, den größten darf Annette Fischer singen und sie singt ihn wunderbar. Für „Ombra mai fu“ (wie alles mit deutschem Text, die Textverständlichkeit: mittel) hält sie ein Bonsaibäumchen in den Händen. Selbstverständlich wirft auch ein Miniaturbaum Schatten und sicher ist auf einen Bonsai mehr Verlass als auf einen Bariton.

Kammeroper Frankfurt in der Konzertmuschel im Palmengarten: 6., 7., 11., 13., 14. August. www.kammeroper-frankfurt.de

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