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Kammeroper Frankfurt im Palmengarten – „Die glückliche Täuschung“: Schurken sind zu schlagen

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Von: Judith von Sternburg

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Jared Ice (l.) und Florian Wugk auf der Palmengarten-Bühne. Bild: Kammeroper Frankfurt
Jared Ice (l.) und Florian Wugk auf der Palmengarten-Bühne. Bild: Kammeroper Frankfurt © Kammeroper Frankfurt

Kann aber ein paar Jahre dauern. „Die glückliche Täuschung“, eine köstliche Rossini-Rarität mit der Frankfurter Kammeroper.

Noch in der routiniertesten Opernintrige zeigt sich das Leben unter Menschen im Brennglas verdichteter Empfindungen. Schurken mit schlechtem Gewissen, die das Tun der Oberschurken vielleicht noch im entscheidenden Moment eine Sekunde aufhalten (eine Sekunde in der Oper: circa zehn Minuten im wirklichen Leben). Heldinnen, die einen Opernabend lang schweigen – und den Opernabend damit u. U. erst ermöglichen, wobei in der Oper zu schweigen selbstverständlich heißt: zu singen –, bis sie mit Herz und Tapferkeit den Sieg für das Gute erringen. Das ist im Leben zwar selten, nicht die schweigenden, aber die schweigenden und siegenden Heldinnen. Man kann es sich jedoch trotzdem gut vorstellen. Begehrenswerte Männer, die in verschärfter Tenorlage singen und auf der Grenze zur Lächerlichkeit balancieren. Oder sie zu überschreiten, aber die Liebe macht den Sopran blind dafür. So soll sie sein, die Liebe.

Sie führt in Gioacchino Rossinis Einakter „L’inganno felice“, „Die glückliche Täuschung“, dem Sommerstück der Frankfurter Kammeroper im Palmengarten, ein Paar wieder zusammen, das durch die Mordbuberei eines zurückgewiesenen Rivalen vor vielen Jahren getrennt worden war.

Die Heldin: Jana Raine, die einen eleganten weißen Hosenanzug trägt (Kostüme: Katharina Kraatz), aber Leid und Abscheu klassisch verkörpert und mit feiner Süße singt – als väterliche Figur steht ihr Jared Ice als rüstiger Provinzler und solider Bassbariton zur Seite. Der begehrenswerte Mann: Florian Wugk mit beweglichem, zum Aufblühen befähigtem Tenor und Spaß daran, die Grenze zur Lächerlichkeit drahtig und ausgiebig zu ignorieren.

Der Schurke: Thomas Peter, der sich sonor wird rausreden können (der Oberschurke war so gemein zu ihm) und erneut auch die deutsche Übersetzung hergestellt hat. Italienische Oper auf Deutsch gesungen, heutzutage ein originelles Alleinstellungsmerkmal der Kammeroper. Der Oberschurke schließlich: Marcelo Coelho, der als Tanzbär von Marilyn Monroe endet. Ja, die Anwesenheit von Marilyn Monroe erklärt sich nicht direkt aus der Handlung, belebt aber die ohnehin lebhafte Szene zusätzlich. Erotisiertes im Hintergrund ist in der Inszenierung von Rainer Pudenz wie der Spiegel der Wünsche im Vordergrund, wo sich alle zusammenreißen. Eine Täuschung mag noch so glücklich sein, sie erfordert doch immer eine gewisse Selbstbeherrschung.

Während die Gefühle also vorne durch den Filter von Rossinis delikater Musik gepresst werden und dadurch letztlich noch mehr lodern, geht es hinten und an der Bar zur Rechten (Bühne: Frank Keller) lose zu. Als dritte Ebene schickt Pudenz, und das ist immer eine gute Idee, den Schauspieler Philipp Hunscha auf die Bühne, der mit Blindenstock – denn, so sagt es fast Chamisso, „seit ich sie gesehen, glaub ich, blind zu sein“ – und munteren Zitaten dazwischenfunkt.

Die Musik: echter Rossini, vibrierend, auf dem Sprung, die blank liegenden Nerven in die süße Hast seiner Ensembles gefasst. Der Komponist war 20 Jahre alt, als er das schrieb. „L’inganno felice“, zitiert die Kammeroper Stendhal, sei „wie die ersten Gemälde von Raffael“. Hier ist das Werk als Frankfurter Erstaufführung zu sehen, ein Schatz, der vom Orchester um Daniel Stratievsky auch so behandelt wird: federleicht, aber intensiv genug. Ist nämlich eine kräftige Dosis.

Beim Rausgehen ein paar glückliche Zuschauerinnen, die kein Wort verstanden haben. Stimmt, diese Möglichkeit gibt es bei der Oper immer auch.

Kammeroper Frankfurt im Palmengarten: 22., 23., 27., 29., 30. Juli, 3., 5., 6. August. www.kammeroper-frankfurt.de

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