+
Fünf Sprecher/Schauspieler lesen und lauten Kafkas Vokabeln.

Kafka Ruth Kanner Mousonturm

Kafkas Vokabelheft sprechen

  • schließen

Wörter umschwirren einen bei Ruth Kanners theatralem Lesungsabend „The Hebrew Notebook“ im Frankfurter Mousonturm.

Der „Bücherwurm“ kommt vor und die „Opferstätte“, die „Schwindsucht“, „Frechheit“ und „Cisterne“. Es ist ein wortliches Allerlei, das sich Franz Kafka in einem blauen Heft notiert hatte in den Jahren, in denen er versuchte, modernes Hebräisch, Iwrit, zu lernen. In den Tiefen der Nationalbibliothek in Jerusalem fand die israelische Theatermacherin Ruth Kanner dieses Heft, beschäftigte sich mit den Wörtern – den hebräischen wie deutschen – und beschloss irgendwann, einen Theaterabend daraus zu machen, der eigentlich ein Lesungsabend ist. Aber was für einer!

Im ersten Stock des Frankfurter Mousonturms beginnt es mit einer Art lebender Installation: eine Akteurin erklärt die Vorgeschichte, eine spricht einen Kafka-Text, in dem Essen vorkommt, und bietet Bonbons an, einen Akteur sieht man live und im Video, in dem er weißelt. Textauszüge kleben an den Mousonturm-Wänden, bald fühlt man sich von Sprache geradezu eingehüllt.

"Begehren" auf einem Kärtchen

Dann wird man in die Studiobühne gebeten (jeder erhält noch eine Vokabel in Kafkas Handschrift, bei der Kritikerin ist es „begehren“), wo die eigentliche Vokabellesung beginnt. Oder vielmehr: die fünf Sprecher/Schauspieler setzen sich in einer Reihe vors Publikum, artikulieren mit Nachdruck, ziehen jeden Buchstaben und Ton wie mit dem Maßband, grimassieren ein wenig, gucken sich an, als würden sie sich gegenseitig zu einer noch furioseren Lautbildung herausfordern wollen. Parallel werden Kafka-Vokabeln (recht gut lesbar ist seine Handschrift) per Overhead-Projektor an die Wand geworfen, ein origineller Strom, der den ebenfalls originellen, vor Lauten geradezu platzenden Sprech-Strom begleitet. Und wiederum ist man eingehüllt von Sprache, nehmen auch die Wörter, die einem vertraut sind, eine reizvolle Fremdartigkeit an.

Bis die Gruppe am Ende zu zwei kleinen Kafka-Geschichten kommt und plötzlich, huch, die Lautmalereien wieder einen Inhalt haben. „Schakale und Araber“ heißt die zweite Geschichte, sie endet mit dem Satz „Und wie sie uns hassen!“ Bestürzend nah ist man da an alt-neuen Konflikten.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion