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Der Ritter im "Alt-Nürnberg". Marco Jentzsch, hinter der Theke Margarete Joswig.

Oper

Jung und alt in Nürnberg

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Richard Wagners „Meistersinger“, szenisch und musikalisch quicklebendig am Staatstheater Wiesbaden.

Leichtfüßige „Meistersinger von Nürnberg“, sie sind möglich und kommen vor, und selbst Barrie Koskys Inszenierung für Bayreuth gehört dazu, die das Thema Antisemitismus so grell und klug ausleuchtete. Am Staatstheater Wiesbaden wählt Bernd Mottl nun eine besonders lichte, versöhnliche Lesart für Richard Wagners komische Oper (und wenn Wagner komisch wird, kann es einem schon grausen). Und sieh da, das funktioniert gut, so gut, dass das Ganze einen Schwung ins Operettenhafte nimmt. Aber Mottl – im Verein mit Patrick Langes rasant behender musikalischer Leitung – schützt sich und uns und die „Meistersinger“ vor der totalen Bagatellisierung, indem er mit einer plausiblen, detailreichen Personenführung aufwartet, mit einem übergeordneten Thema, das er interessant zu füllen weiß, und mit einer intelligenten Idee für den Problemschluss.

Das übergeordnete Thema: Die (sehr) Alten und die (sehr) Jungen. Friedrich Eggerts Ausstattung macht eine Kneipe namens „Alt-Nürnberg“ zum Hauptspielort. Das 60-Jahre-Haus, in dem sie sich befindet (die Fassade zeigt sich im zweiten Aufzug), ist zugleich ein Altersheim, in dem die wahrlich alten Meister leben. Ihre Lehrjungen – handverlesen den Meistern zugeordnet – sind das Heimpersonal für die teils schwer beeinträchtigten Bewohner.

Das klingt viel platter, als es ist, weil Mottl unaufdringlich damit umgeht und die Figuren so sorgfältig führt, wie die Pfleger die Greise. Blöder sind die überflüssigen Bild-Text-Scheren, wenn David angeblich kommt, obwohl er schon längst da ist, oder Stolzing angeblich schon längst da ist, aber noch im Aufzug steckt.

Die detailreiche Personenführung: Nicht nur der Chor wird in Fahrt gebracht, nicht nur die Clique des jungen Pflegepersonals und der alten Meister als vertraute Trüppchen in Szene gesetzt – eine Folge davon: Nach seiner maximalen Blamage wird Beckmesser von den Freunden gleich wieder einbezogen –, auch im Einzelnen sind Menschen zu sehen, die im übrigen fabelhaft singen. Eva und Stolzing sind ein einleuchtendes, gutmütiges Paar: Betsy Horne mit goldenem, erst zum Schluss etwas spitzig wirkendem Sopran kann zart vermitteln, dass die Geschichte mit Sachs auch für sie nicht nichts war. Und dass sie jetzt bodenlos in den Neuankömmling verliebt ist. Marco Jentzsch, dessen Motorradmontur ein Pendant zu einer Ritterkleidung ist, bezaubert mit stabiler und dabei hinlänglich lyrischer, ungezwungener Strahlkraft, und wenn er seinen Siegersong auch noch so oft singen muss. Und das muss er, wie man weiß. In Wiesbaden teils beim Bügeln, eine an den Haaren herbeigezogene, jedoch reizend versonnene Szene. Das zweite junge Paar – Magdalene, die sonore Margarete Joswig, und David, der offenbar lebenslang wunderbar springlebendige Charaktertenor Erik Biegel – arbeitet im „Alt-Nürnberg“. Hans Sachs hat ja seinen Schusterladen nicht mehr. Im Heimzimmer – im dritten Aufzug zu sehen – konnte er einige geschnitzte Möbel von früher unterbringen.

Oliver Zwargs Sachs, der sängerisch die Fülle des Wohllauts und einen langen Atem mitbringt, ist ein entkomplizierter Sympathieträger. Mottl lässt ihn nachts Dias anschauen aus glücklichen Tagen. Mit Mühe kommt er auf die Umrandung des Fliederbeetes, auf dem Evchen grazil balanciert, aber er schafft es. Auch das gehört zur Sanftmut des Abends, die nicht läppisch, eher hyperrealistisch und doch verspielt ist.

Und auch den klassisch angelegten, aber nicht zur Karikatur degradierten Beckmesser von Thomas de Vries erfasst, einem groß und recht ernst aufsingenden, im Verhältnis zu den Greisen topfitten älteren Herrn. Die Schlägerei am Ende des zweiten Aufzugs verläuft für ihn glimpflich, auch wenn es ein unfreundliches Erschrecken der Alten ist und ein punkiger Klamauk der Jungen. Einmal im Jahr, denkt man.

Die intelligente Idee für das Ende: In Altnürnberg-Verkleidung sind alle guter Stimmung. Der singende Stolzing wird zigfach geknipst, und wenn Sachs dann zum Preis der deutschen Meister anhebt, hört keiner zu, weil alle am Smartphone rummachen. Schließlich denkt die Menge, an der die politischen Fatalitäten also vorbeigerauscht sind, Sachs spreche über Fußball. Die Alten bleiben ratlos zurück, während der Vorhang vor Fan-Schal-schwingenden Jublern fällt. Zu leichtgewichtig? Aber dem Zeitgeist aufmerksam auf der Spur und auch böse.

Dass nie Leerlauf entsteht (und genug Zeit dafür wäre schon), verdankt sich auch dem vorzüglichen Verein von Szene und Musik. Der nachher im allgemeinen Jubel noch besonders bejubelte GMD Lange lässt das Orchester nicht nur diszipliniert und kultiviert, sondern mit Verve und enormer Leichtigkeit an allen Pathos- und Routine-Klippen vorbeisausen. Kein Wunder, dass die jungen Leute dazu tanzen.

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