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Julie, Maja Schöne (r.) ist nicht der Typ, der Dinge einfach mit sich machen lässt. Die Beine links gehören Marie, Yohanna Schwertfeger.

Salzburger Festspiele

Julie will

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Es muss auch solche geben: Der berühmte „Liliom“ bei den Salzburger Festspielen, inszeniert von Kornél Mudruczó.

Zwei Sechsachsroboter sind der Clou von Monika Pormales Bühnenbild. Sie heben langsam, aber unaufhaltsam – unendlich geduldig, während man zappelig wird – ein Akazienbäumchen nach dem anderen von links und rechts in die Mitte der Bühne. Dazu die Parkbank, auf der Julie und Liliom nachher, wiewohl von der Polizei kurz unterbrochen, ohne Kompliziertheit miteinander schlafen werden. Der rechte Roboter schafft einen Mond herbei und hält ihn für die beiden hoch.

Das ist keine Herausforderung für Maschinen, die man da schon mag: das unlogischerweise seelenvolle Surren, die Diskretion, die Gleichmütigkeit, die man für Schüchternheit halten kann, die tänzerische Eleganz der Armbewegungen, die den Menschen an sich selbst erinnern. Aber ungleich wendiger, tausendmal stärker sind, ihm heillos überlegen. Industrieroboter sind auf Theaterbühnen selten so blank zu sehen. Bei diesem Versuch jedenfalls ist ihnen die Sympathie des Publikums sicher wie einem Schäferhund oder einem Huhn. Hier verschieben sie noch dazu die Situation – erst recht im Verein mit Xenia Wieners durchaus süffiger Musik – ins Unwahrscheinliche und Fremdgesteuerte. Und nehmen, für die Figuren ja unsichtbar, dräuend die Zukunft der Fabrikindustrie voraus, von der sich Liliom vor dem Ersten Weltkrieg noch etwas verspricht: Arbeit für junge Kerle ohne Ansehen der Person, junge, ungelernte Kerle wie Liliom.

Der Ungar Kornél Mundruczó inszeniert das berühmteste, das einzige berühmte Stück seines Landsmanns Ferenc Molnár bei den Salzburger Festspielen, und man spürt an allen Ecken und Enden, wie es ihm davor graust, in zu vertraute Bahnen habsburgischer Volksschauspielerei zu geraten. Dabei sind die Leute doch interessant.

Das flackernde Viereck aus drei Frauen und einem Mann zum Beispiel: Maja Schöne als sofort und zu allem entschlossene Julie, eine Frau ohne große Träume und Illusionen – mag alles hinter ihr liegen –, aber unerbittlich (wie programmiert) in ihrer Liebe, deren Gegenstand Liliom ist; Jörg Pohl als Liliom, kein Trumm von einem Mann, kein Simpel, aber schon ungeschlacht, und dass er weicher ist als Julie, heißt nicht, dass er sie nicht schlagen könnte, wie es dann ja auch geschieht; dazu Yohanna Schwertfeger als Julies unausgeglichene Freundin Marie und Oda Thormeyer als die berühmte Frau Muskat mit dem Karussell, bei dem Liliom so erfolgreich als Ausrufer, Rauswerfer und derber Charmeur gut hundert Jahre vor einer MeToo-Debatte tätig war.

Noch länger könnte man ihnen zuschauen, wie sie sich umlauern, anraunzen, provozieren, wie sie zurückrudern und sich verbünden. Liliom denkt sicher, dass er es ist, der die Fäden zieht, aber davon kann keine Rede sein. Nicht nur die Roboter erinnern daran. Auch Julie ist nicht der Typ, der sich ziehen lässt.

Diese Szene, die Julie und Liliom zum Paar macht und zugleich Lilioms sozialen Ruin einleitet – er ist nichts ohne Frau Muskats Karussell –, steht diesmal nicht am Anfang. Kornél Mundruczó hat einiges vor, einiges davon geht auch auf, anderes nicht. Letztlich doch eine Schwachstelle des zweistündigen pausenlosen Abends in der Halle auf der Perner-Insel, einer Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg, ist das Vorwegnehmen der hier stark modifizierten Szene im Himmel. Nun beginnt sie schon ganz am Anfang und unterbricht die Handlung immer wieder einmal.

Die Idee, dass das Stück selbst schon eine Erinnerung, eine Rekonstruktion sein könnte, leuchtet ein. Die Idee, dass vorm Himmelsgericht nicht nur eine hanebüchene Bürokratie herrscht, sondern auch ein Anti-Aggressions-Training für schlagende Männer angeboten (anbefohlen) wird, ist zeitgenössisch. Allerdings kollidiert es ein bisschen mit dem Wunsch nach Surrealem. Im von Schauspielern und Laien bevölkerten Vorhimmel – über die Laien müsste man offenbar etwas wissen, weiß es aber nicht – wird beispielsweise Schwanensee getanzt und Speiseeis redlich geteilt. Liliom soll hingegen hundert Mal an die Wand schreiben: Ich bin Teil des repressiven Patriarchats. Aus dem Schwanken zwischen Ironie und Ernst, Irrwitz und Statement zum Tage ergibt sich keine Spannung, sondern eine etwas zähe Mischung.

Hierfür wird jeweils eine rustikale Funktionswand heruntergelassen. Die Himmelswärter tragen Kleidung wie du und ich, während dahinter, in der einstigen Welt von Julie und Liliom, eine zeitlose Altmodischkeit waltet (Kostüme: Sophie Klenk-Wulff). Als das Unglück – Liliom, der alles kaputt macht – seinen Lauf nimmt, baut Mundrusczó Live-Filmszenen ein, die aus der Bretterbude gesendet werden, in der das Paar Unterschlupf gefunden hat. Julie, Liliom, Marie, Frau Muskat in karger Enge: das Menschliche auf sich gestellt, auch hier ist die Intensität zum Greifen. Sandra Flubacher als Hollunder (hier: Frau Hollunder) ist wiederum für das Unwahrscheinliche zuständig, ein großes Gummikrokodil kommt ins viel zu kleine Bassin vor der Bretterbude. Es ist Herbst, die Blätter fallen.

Drinnen erfährt Liliom jetzt, dass Marie schwanger ist, draußen plantscht er daraufhin mit dem Nichtsnutz Ficsur, Tilo Werner, ausführlich im Wasserbecken. Ein idiotisches Stampf-, Platsch- und Spritz-Ritual in zweifacher Hinsicht: Einerseits der viel zu oft plantschende Schauspieler an sich, andererseits, pfiffiger, der glückliche Mann, der selbst in seinem Glück nur Unsinn treibt (nachher bekanntlich noch schlimmeren).

Dies ist eine Konventionsvermeidungsszene, wie die folgende Mordversuchspleite – auf Laufbändern geht’s zum Tatort, Schnee wirbelt – oder Lilioms Begegnung mit seiner Tochter, die Trisomie 21 hat. Geduldig versucht sie, ihm das Seilspringen beizubringen, er steht schwer auf dem Schlauch. Der Übergang zu einem rührenden TV-Film am Freitagabend ist fließend, auch weil heute die meisten Konventionsvermeidungen zu anderen Konventionen hinführen.

Manchmal bummelt man durch den Abend wie über einen Rummelplatz, auf dem dies und das los ist und nicht alles davon neu. Aber man bleibt doch immer wieder hängen.

Salzburger Festspiele, Perner-Insel: 19., 21., 23., 24., 26., 27., 28. August.

Premiere am Thalia Theater Hamburg am 21. September. www.salzburgerfestspiele.at

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