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Juli Zehs „Corpus Delicti“ in Wiesbaden: Sie kann jetzt mit dem Herzen denken

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Von: Sylvia Staude

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Die gesunde Tasse warmen Wassers muss man sich vorstellen: Mia und Kramer, Habicht und Klischat.
Die gesunde Tasse warmen Wassers muss man sich vorstellen: Mia und Kramer, Habicht und Klischat. © Karl und Monika Forster

„Corpus Delicti“, Juli Zehs Dystopie über eine Gesundheitsdiktatur, in der Wartburg.

Corpus Delicti“, die Geschichte einer Gesundheitsdiktatur im Jahre 2057, hat Juli Zeh zunächst als Theaterstück geschrieben, Uraufführung war 2007 auf der Ruhrtriennale; zwei Jahre später folgte der gleichnamige Roman. Dass sich das Staatstheater Wiesbaden jetzt auf den Stoff besinnt, wundert nicht, schließlich geht es bei Zeh um einen zugespitzten Konflikt zwischen dem Einzelnen, der darauf beharrt, über seinen Körper verfügen und diesem auch schaden zu können – Stichwort: Freiheit –, und dem Staat, der jeden und jede zu Gesundheit verpflichtet. Engmaschig erfolgt eine medizinische Überwachung, wer sich ihr entzieht, wie Hauptfigur Mia Holl, landet vor Gericht. Aus der bisher vorbildlichen Bahn geworfen (wenn man es denn so sehen will) hat die Naturwissenschaftlerin der Suizid ihres Bruders.

Nikotin, Ethanol, Sex

Eine Bühne in blendendem, sterilem Weiß wie ein OP-Saal, darauf weißgekleidete Menschen mit weißen Haaren, hat Sophie Leypold, Ausstattung, für den Spielort Wartburg entworfen. Nur Mias Bruder Moritz, Paul Simon, trägt eine bunte Wollmütze – aber er führt sich ja auch Nikotin und Ethanol zu, verliebt sich außerdem in zu ihm genetisch gar nicht passende Frauen. In Ton und Gestik erinnert er ein wenig an Otto Waalkes.

Moritz nun hat sich im Gefängnis mittels Angelschnur das Leben genommen, er soll eine junge Frau ermordet haben. Mia, Lina Habicht, steht plötzlich vor der Entscheidung, ob sie dem DNA-Nachweis oder ihrem Bruder und seinen Beteuerungen von Unschuld glauben soll. Die Rationalistin und Wissenschaftlerin, soll das heißen, muss die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass der „Beweis“ täuschen kann. Was er dann auch tut, denn Moritz hatte als Sechsjähriger Leukämie und trägt die DNA eines anderen in sich, seines Spenders. Mia, die vor diesem Wissen eher verstört als rebellisch war, erklärt: „Ich kann jetzt auch mit dem Herzen denken.“ Der kleine Prinz lässt grüßen.

So sehr „Corpus Delicti“ an die Aktualität von Impfpflicht-Diskussion und Recht auf Selbstbestimmung anknüpft, so sehr bleibt es als Debattenstück im zwar geistreich Formulierten, aber Abstrakten. Daran vermag auch Regisseur Daniel Kunze nichts zu ändern, der den Vertreter des Systems, Christian Klischat als Kramer, mit gespreizter Hand auftreten lässt, stets eine imaginäre Tasse mit warmem Wasser haltend, stets mit „santé“ grüßend. Mias Anwalt Rosentreter, Felix Strüven mit weißer Prinz-Eisenherz-Frisur, hibbelt, stottert, sorgt für Lacher. Wie auch Christina Tzatzaraki, die die resolute Richterin gibt, aber auch eine Moderatorin, die in ihrer TV-Show „Was alle denken“ Kramer mit reizendem niederländischem Akzent befragt.

Immer wieder äußert sich Juli Zeh in diesen Tagen zum Thema Freiheitseinschränkungen (möglichst wenig) und Impfpflicht (eher nein), sie ist ja auch Verfassungsrichterin in Brandenburg. In „Corpus Delicti“ scheint ihre Sympathie aufseiten derer zu liegen, die darauf bestehen, mit ihrem Körper machen zu können, was sie wollen. Sie nennen es: leben! Es ist eine feine Pointe, dass die widerspenstige Mia auch mittels „politischer Bildung“ wieder eingegliedert werden soll.

Staatstheater Wiesbaden, Wartburg: 31. Januar, 1. Februar. www.staatstheater-wiesbaden.de

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