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Eine moderne Pippi, Spitzname Ping. 

Jugendtheater

Jugendstück im Theaterhaus: Wenn anders wieder normal geworden ist

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Moderne Pipi Langstrumpf: „Ping“ erzählt im Theaterhaus Frankfurt von einer Jugendlichen in prekären Verhältnissen.

Ping ist richtig patent. Sie kann Dachteile reparieren und Menschen finden, die verloren gegangen sind. Manchmal helfen ihr dabei Aliens, die sich vom Seegrund aus an die Wasseroberfläche wagen. Doch ganz so unbeschwert, wie es scheint, ist ihr Alltag nicht. Denn schon im Mutterbauch lauschte sie dem ständigen Streit der Eltern.

Wie im Brennglas erzählt die niederländische Autorin Esther de Koning in ihrem Stück „Ping“ die Geschichte einer modernen Pippi Langstrumpf, die sich in prekären Verhältnissen an der Seite eines alleinerziehenden Vaters durchs Leben schlägt. Regisseur Rob Vriens ist mit Susanne Schyns (Spiel) am Theaterhaus Frankfurt eine überzeugende deutschsprachige Erstaufführung gelungen. Beide gemeinsam haben den Text der niederländischen Autorin übersetzt und für Kinder ab neun Jahren bearbeitet.

Ping! Das Essen ist fertig

Eindrucksvoll gelingt es Susanne Schyns, in mehr als zehn Rollen zu schlüpfen. Mal nutzt sie rheinischen oder bayrischen Dialekt, hohe oder tiefe, zittrige oder kräftige Stimmen, um Eltern, Großeltern, Alien oder Lehrerin zu geben. Problemlos können die jungen Zuschauer diesen Stimmungs- und Personenwechseln folgen. „Ich denke immer mit, dann vergisst man den Streit“, erzählt Ping, die eigentlich Maria-Victoria heißt. Der Spitzname „Ping“ ist ihr jedoch lieber, er erinnere sie an den Klang der Mikrowelle, wenn das Essen fertig ist.

Um einen maisgelben großen Ohrensessel herum (Bühne: Rob Vriens) entfaltet Susanne Schyns mit wenig Material und viel Fantasie eine komplexe Welt, die trotz der minimalistischen Ausstattung nicht reduziert erscheint. Ein Klebeband, das gerade noch zum Reparieren kaputter Schränke diente, wird im nächsten Moment zum Sinnbild für den Vater, der nun selbst verletzt zu Boden fällt. Der Streit der Eltern hat in diesem Moment endgültig zum Bruch geführt.

Nun, da der Vater allein und die Mutter bei ihrer neuen Liebe in Mexiko lebt, fehlt es an allen Ecken und Enden. „Du würdest mein Leben nicht überleben“ ruft Ping den Zuhörenden zu. Plötzlich ist es still, niemand flüstert oder lacht. „Ab da war alles anders“, sagt Ping weiter und fügt hinzu: „Aber anders wird irgendwann wieder normal“. Man gewöhnt sich also daran, kein Mittagessen zu haben und morgens nur Erdnussbutter auf das Brot zu streichen. Geschickt klettert Ping auf die Sesselkante und hält mit akrobatischem Talent auf schmalstem Grat Balance.

In starken Bildern zeigt die Inszenierung die Innenwelt eines heiklen, jugendlichen Daseins, ohne die Dramatik des Geschehens zu stark in den Vordergrund zu stellen. Meisterhaft wird selbst die Ausweglosigkeit des glücklosen Vaters in der Erzählung nicht ausgespart. Wie tief man diesen Andeutungen folgen will, bleibt dabei jedem selbst überlassen.

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