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Kann man sich auf Erinnerungen stützen? Vier von zwölf beim Performanceprojekt „Weiße Flecken“ im Historischen Museum Frankfurt.

Schauspiel Frankfurt

Jugendliche erinnern sich

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Das facettenreiche Performanceprojekt „Weiße Flecken“ im Historischen Museum.

Unverfälschtes Erinnern gelingt dem menschlichen Gehirn nur für wenige Sekunden. Einen Atemzug später beginnt das Verfälschen, Verdrängen, Vergessen. Auf diese nüchterne Erkenntnis der modernen Gehirnforschung hat jüngst Antje Rávik Strubel in ihrem Stückbeitrag zur Schauspiel-Reihe „Stimmen einer Stadt“ aufmerksam gemacht. Was dort den Juristen Sternthal an Aussagen im Strafvollzug zweifeln lässt, beschäftigt im neuen Jugendperformanceprojekt des Frankfurter Schauspiels auch zwölf Jugendliche. In ihrem Stück „Weiße Flecken“ fragen sie danach, wie Erinnerung funktioniert und wie sie zu ihrer eigenen Identität beiträgt. Sie nutzen als Folie für ihre Performance die Sonderausstellung des Historischen Museums, die unter dem Titel „Vergessen – Warum wir nicht alles erinnern“ das Denken über Vergangenes interdisziplinär analysiert.

Das Projekt unter der Regie von Philipp Boos und Martina Droste gliedert sich in zwei Teile. Der eine erfolgt interaktiv und spielerisch im Vorraum der Museumsausstellung, der zweite Teil im Innern. An drei Tischen sind Karten zu einem Memoryspiel ausgelegt. Die Zuschauer decken abwechselnd Kartenpaare auf und suchen nach gleichen Motiven. Bei Erfolg beginnt einer der jugendlichen Akteure zu erzählen, welche Erinnerung mit diesem selbst gezeichneten Bild verbunden ist. Eine Ameise erinnert beispielsweise an einen Aufenthalt bei den Großeltern in Georgien. Heimlich hatte Makeda Totzer dort die Ameisen gefüttert und ihnen Krümmel unter den Teppich gelegt. Samsom Abraham hat einen Avatar gezeichnet, den er als Zwölfjähriger besonders schätzte, weil er gegen das Böse kämpfte. So werden Erinnerungsbilder wachgerufen, die über Herkunft und Angsterlebnisse erzählen oder auch Lieblingsspielzeuge beschreiben.

Ist eine Runde abgeschlossen, tauschen die Zuschauer Tisch- und Spielergruppe. Das Konzept, der eigenen Neugier zu folgen, Erzählorte zu wechseln, sich treiben und anziehen zu lassen, wird für den weiteren Verlauf der Performance bestimmend bleiben.

Auch im Innern der Ausstellung verteilen sich die Akteure vor unterschiedlichen Stellwänden, gefolgt von jeweils informell entstehenden Publikumsgruppen. Bereiche der Ausstellung integrieren sich so in die Performance und schieben sich manchmal unvermutet in den Vordergrund. Das passiert zum Beispiel leicht beim Video des Autors Umberto Eco, in dem er über Wirkmechanismen des Erinnerns spricht. Während Jugendliche vor diesem Bild live sprechen, erhascht man ganz nebenbei auch die übersetzten Unterzeilen des Eco-Beitrags.

Diese Überlappungen können verwirren und je unterschiedlich ablenken. Die Inszenierung erhält so auf vielfältigen Ebenen eine inhaltliche Unschärfe, die jedoch gewollt ist und das Erlebnis zur gleichen Zeit am gleichen Ort erkennbar unterschiedlich macht.

Junges Schauspielim Historischen Museum Frankfurt: 30. April, 14. Mai. www.schauspielfrankfurt.de

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