Jugendclub Frankfurt

Jugendclub: Wie geht abwählen?

  • vonAndrea Pollmeier
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Der Jugendclub des Schauspiels Frankfurt hat sich mit dem Grundgesetz beschäftigt.

Was verbindet Menschen im digitalen Raum miteinander? Sechzehn Jugendliche, die trotz Corona-Lockdown nicht auf ihr Mitwirken im Theaterclub verzichten wollten, haben sich diese Frage gestellt und dabei das Grundgesetz als gemeinsame Wertebasis für sich entdeckt. Im mehrwöchigen Workshop, der digital unter Federführung von Theaterpädagogin Martina Droste am Schauspiel Frankfurt stattfand, wurden die ersten zwanzig Artikel des Gesetzestextes genauer unter die Lupe genommen und mit eigenen Erfahrungen verbunden. Entstanden ist eine Präsentation, die die Clubmitglieder – nun nicht mehr virtuell, sondern real – vor dem Theatereingang unter freiem Himmel vorgestellt haben.

Dort wo, es sonst zur Kasse geht, gab es am Sonntagabend eine Art „open stage“ mit schwarzem Podest und Mikrofon. Kurz vor Beginn wurden auf den Asphalt schnell mit weißer Kreide Kreuze gemalt. Die Stehplätze für die Zuschauer waren umgehend belegt. Auch auf den Treppen, die zur Straßenbahnhaltestelle Willy-Brandt-Platz führen, nehmen spontan noch Interessierte Platz. Radfahrer und Passanten, die die Rolltreppe von der U-Bahn aus hochkommen, durchkreuzen gelegentlich den improvisierten Freiluft-Theatersaal.

An den Arkaden des Schauspielgebäudes entlang stehen nun die sechzehn Mitwirkenden und sprechen im Chor zentrale Passagen des Gesetzestextes. Der wird jedoch erst dann mit Leben gefüllt, wenn er sich mit all den Fragen verbindet, die er bei den Jugendlichen wachgerufen hat. In ihren Augen ist der Gesetzestext nicht passgenau, dann zum Beispiel, wenn nur von zwei Geschlechtern die Rede ist oder der Text nicht gendert. Auch der gerade so viel diskutierte Rassebegriff wird abgelehnt.

Wie soll man einem Staat vertrauen, der gegen die eigenen Werte immer wieder selbst verstößt? Stichworte wie „racial profiling“, „Kopftuch-Verbot“, „Eigentum“, „Erbrecht“ und „Vergesellschaftung“ fallen. Was eigentlich ist das „Wohl der Allgemeinheit“? In umgekehrter Reihenfolge werden die Artikel des Grundgesetzes Schritt für Schritt durchleuchtet und hinterfragt. Ich kann wählen, mich wählen lassen – aber kann ich auch jemanden abwählen?

Abwechselnd treten Einzelne aus der Reihe hervor, um ihre persönlichen Fragen auszusprechen. Das wirkt nicht monoton, sondern gerade, weil die jugendliche Gruppe selbst so divers ist, äußerst anregend. Man spürt, wie wichtig es ist, dass auch diejenigen, die nicht zur dominanten Mehrheit zählen, im Gesetzestext berücksichtigt sein müssen.

Vor allem der Gedanke, dass es ein „Recht auf Widerstand“ gibt, entfaltet unter den Jugendlichen starke Wirkung. Mit Vehemenz tragen sie in chorischem Einklang diesen Anspruch vor und beenden ihre Performance ebenso einmütig mit dem Zitat: „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht“.

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