Jürgen Holtz 2010 in Salzburg als Kreon.
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Jürgen Holtz 2010 in Salzburg als Kreon.

Nachruf Jürgen Holtz

Zum Tod von Jürgen Holtz: Der Mann im Teich

  • vonUlrich Seidler
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Ein Nachruf auf den großen Schauspielkünstler Jürgen Holtz.

Jetzt ist sie also da, die Todesmeldung. Jürgen Holtz ist am Sonntag gestorben. Das kommt nicht überraschend; die schlechten Nachrichten über den Gesundheitszustand des 87-Jährigen ließen in der letzten Zeit wenig Spielraum für Hoffnung. Und schon Anfang Juni war infolge eines der vielen operativen Eingriffe die Stimme des Schauspielers für immer verloren. Seine Donnerstimme, die weit trug, aber nie dröhnte, außer wenn ein Dröhnen vonnöten war.

Holtz hatte schon seit Jahrzehnten mit seinem Körper zu kämpfen. Aber wenn sein Geist sich aufschwang und Besitz von Holtz nahm, straffte und stählte sich seine Gestalt, so dass er in pathetischeren Momenten würdig vom Pult schritt und dort den Stock stehen ließ. War er eben noch genervt von den fiesen Zipperlein und bekümmert in Anbetracht der vergehenden Zeit, die sein Ende nahen ließ, so glättete sich sein Gesicht, wenn ihn eine Erinnerung erfüllte, wenn ihm ein goldrichtiger Gedanke aufstieg. Dann legte er langsam seinen Kopf schief, suchte den Blick des Gegenübers, ob es ihn denn begriffe, dann füllten sich seine Augen mit einem Leuchten, breitete sich sein Mund zu einem Clownsgrinsen, das einen ansteckte und erst einmal jede Widerspruchsfreude freundlich niedergluckste. Schwärmen konnte er. Und nicht weniger vitalisierend wirkte es auf ihn, wenn ihm ein Ärgernis, ein gesellschaftlicher Missstand, ein politisches Versagen in den Sinn kam. Er beherrschte die Form der Tirade.

Unvergessen ist die Rede, mit der er sich im Mai 2013 im Festspielhaus für den Theaterpreis Berlin bedankte. Nicht dass der Preis ihm egal gewesen wäre, aber noch lieber war ihm die Gelegenheit, vor dem Ehrenpublikum samt dem Regierenden Bürgermeister gegen die städtischen Schändlichkeiten und globalen Skandale zu wettern, und keiner saß da im Saale, der nicht sein Fett weggekriegt hätte. Wochenlang hatte Holtz sich vorher munitioniert, und das besagte glucksenauslösende Lächeln stieg erst kurz vor Schluss wieder auf, als Jürgen Holtz den Witz von dem Mann im weißen Anzug vortrug. Dieser Mann schlug dem Zirkusdirektor eine Nummer mit einer glänzenden Kugel voller Fäkalien vor, die unter der Zeltkuppel aufsteigen sollte, um dort zu platzen und ihren Inhalt über das Publikum zu ergießen. Der Direktor fragt nach: „Aber dann sind ja alle mit Scheiße besudelt!“ – „Ja genau“, so der Mann, mit dem sich Jürgen Holtz in diesem Moment voll diebischer Freude identifizierte. „Und dann komme ich. Ganz in Weiß.“

Jürgen Holtz war ein intellektueller Schauspielkünstler. Er selber behauptete zwar, dass sich das in den meisten Fällen ausschlösse, dass der Widerspruch zwischen Reflexion und Präsenz nicht zu überbrücken sei, aber eben um dieser Unmöglichkeit willen war er ja ein Künstler. Und eigentlich ist die Einheit von Reflexion und Präsenz, von Rolle und Mensch der Kern des Theaterspiels. Selten genug, dass man denken könnte, Gehirn und Talent stünden einander im Wege, ist die Schauspielkunst allerdings. Diese Seltenheit machte ihn zum Einzelgänger.

Seinen ersten, prägenden Einzelgang absolvierte er kurz nach Kriegsende durchs zerstörte Deutschland aus Franken, wohin man ihn schickte, als in Berlin die Bomben fielen, heim nach Reinickendorf, wo er hoffte, seine Eltern zu finden; er war zwölf.

Er fand seine Eltern, die Geborgenheit aber war verloren, die hatte der Krieg gefressen. Holtz kam ins Scharfenberg-Internat, auf einer Insel im Tegeler See gelegen, ging nach Protesten gegen die Absetzung des kommunistischen Direktors mit einem Teil der Schülerschaft in den Osten. Seine Eltern blieben im Westen.

Einzelgänger war Holtz auch Anfang der 1950er Jahre bei seiner Schauspielausbildung in Weimar und Leipzig, wo laut Holtz die Stanislawski-Methode gerade zum sozialistischen Realismus ausgetrocknet oder zu „triefendem Naturalismus“ aufgeweicht wurde. Holtz wollte Körper, Sprache, Stimme, Denken, ja, sich selbst beherrschen und verwenden lernen, als Werkzeuge, mit denen man Texte befragt, erforscht, aufschließt, ihren Inhalt aufweckt und dann ausdrückt. „Arbeit an einer Sehnsucht nach dem Text“, nannte er das.

Noch bevor er die Schauspielthesen aus dem „Kleinen Organon“ kannte, das in der DDR erst nach Brechts Tod Verbreitung fand, warf man ihm – nicht zu Unrecht, von heute aus gesehen – „Brechtismus“ vor, meinte es jedoch ganz und gar nicht als Kompliment.

Jürgen Holtz’ Widerstand entsprang in den Aufbaujahren nicht einem Dagegen-, sondern einem Dafürsein. Er hoffte auf einen neuen, fortschrittlichen deutschen Staat, auf ein anderes Deutschland. Er trat nach dem Mauerbau – mit dem der Kontakt zum Elternhaus gänzlich abriss – in die SED ein, weil er im Theater Greifswald Betriebsgewerkschaftsleiter sein wollte. Ein Funktionär, aber einer mit Sendung. 1980 schrieb er, worum es ihm ging: „Wie die verschiedenen Abteilungen des Theaters produktiver, als Ensemble, arbeiten könnten. Wir untersuchten auch die Rolle unseres Theaters innerhalb des größeren Ensembles, d.h. der Gesellschaft.“ Dass sich die gelernten DDR-Bürger zu einem Wir mit einem gemeinsamen Interesse vereinen würden – das stellte sich später als Utopie heraus, zum Mai-Demo-Popanz mit Teilnahmepflicht. Später.

Auf der Bühne gab der tatkräftige Holtz einen handlungsunfähigen dänischen Prinzen. Der Tauwetter-„Hamlet“ von 1964, Regie Adolf Dresen, sollte zu einem Menetekel des Kalten Krieges, zu einem Vorzeichen der Stagnation werden, samt Katastrophen-Drohkulisse: bei Shakespeare ein grotesker Leichenhaufen, im Kalten Krieg die Atombomben. Die Anrechtsabteilung war entsetzt, die Genossenschaftsbauern, die sich mit dem Traktor ins Theater kutschieren ließen, nahmen es als Krimi – so erinnerte sich Holtz. Die Inszenierung wurde nach der zehnten Vorstellung abgesetzt.

Nur neun Aufführungen erlebte ein Jahr später in der Volksbühne die von Benno Besson inszenierte Peter-Hacks-Uraufführung „Moritz Tassow“ mit Holtz in der Titelrolle: als utopisch-anarchistischer Sauhirt, der im Schweinestall versteckt die Nazizeit überlebt hat und nun auf dem Gut des vertriebenen Junkers eine Kommune gründet, um nach Herzenslust zu faulenzen, zu huren und zu saufen. Auch ein Gesellschaftsentwurf.

Nach Jahren am Deutschen Theater, in denen Holtz unter anderem wieder mit Adolf Dresen zusammenarbeitete, kam es am Berliner Ensemble zum Höhepunkt seines Schauspielerlebens, der vielleicht der Höhepunkt des Theaters in der DDR war: die Inszenierung von Strindbergs „Fräulein Julie“ (Regie: B. K. Tragelehn und Einar Schleef, 1975). Der „Clou des Abends: Wie viel Knecht ist im Kopf?“, schreibt Jutta Hoffmann, die unter anderem die leere Bühne mit einem Beil zu bearbeiten hatte. Die Inszenierung platzte in die spannungsgeladene kulturpolitische Atmosphäre, die sich im Jahr darauf mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns entlud.

Jürgen Holtz blieb in der DDR, wechselte 1977 zurück an die Volksbühne zu Benno Besson, der allerdings nach Gefechten mit der Kulturpolitik wegen der Spielplangestaltung lieber nach Paris entwich, wer würde es ihm verdenken? Holtz sprach voller Härte von dieser Zeit der künstlerischen Stagnation an der Volksbühne. Er spielte, aber er glaubte auch zu verrotten zwischen einem resignierten Ensemble mit unkündbaren Schauspielerbeamten. Und dort hockend erschien ihm wohl auch die DDR, die so viele Künstlerinnen und Künstler an den Westen verlor, als ein Hort für Spießer, denen man die Utopie für ein bescheidenes Wohlstandsversprechen abgeknöpft hatte.

Die Klischees des egoistischen Spießers und des angstgesteuerten Kleinbürgers waren für Jürgen Holtz Objekte des Hohns und des Hasses, er sah sie in direkter Linie mit den Deutschen verwandt, die als Nazis der Erfüllung ihrer herzlosen, kleingeistigen Träume nahekamen. Und natürlich traf er sie auch auf der anderen Seite der Grenze, nachdem er 1983 bei einem Gastspielauftritt im Westen blieb. Dort setzte er sowohl die Arbeit mit Müller in Bochum fort als auch die mit Schleef im Schauspiel Frankfurt. Hoch geehrt wurde er für die Darstellung des Alten in Rainald Goetz’ „Katarakt“ 1993.

Fürs Fernsehen war er viel gebucht, am bekanntesten wurde sein Ossis hassender West-Kleinbürger Motzki, wieder an der Seite von Jutta Hoffmann. Er suchte seine Heimat am Berliner Ensemble und konnte sie nicht mehr recht wiederfinden, auch wenn er mit berühmten Regisseuren wie Peter Stein („Wallenstein“) oder Robert Wilson („Dreigroschenoper“) arbeitete und sich einprägsame Auftritte verschuf, während der die routinierten Abende ein bisschen ins Trudeln kamen, weil Holtz das Zentrum der Aufmerksamkeit in aller Ruhe und Sicherheit auf sich zog.

Seine letzten beiden großen Abenteuer waren die großen Rollen in Frank Castorfs Inszenierungen, nachdem dieser die Volksbühnen-Leitung verloren hatte und innerstädtisches Exil am Berliner Ensemble fand. In Victor Hugos „Les Misérables“ hielt er einen halbstündigen Vortrag über die Modernisierung des Abwasserkanalsystems im Paris des 19. Jahrhunderts, der an den Mann im weißen Anzug erinnert.

Und dann bekam er die Titelrolle in Brechts „Galileo Galilei“, ein großes, tonnenschweres Geschenk. Ein Jürgen Holtz kneift nicht, wenn er vor dem nahenden Lebensende eine solche vermächtnisgeeignete Rolle bekommt, in der er viel von sich und seinen Welt- und Wissenszweifel unterbringen wollte. Castorf konnte sich auf seine Idee, diesen mit Aura und Geschichte angefüllten Schauspieler zu besetzen, verlassen, so dass er gar nicht erst groß mit ihm an der Rolle arbeitete. Holtz war enttäuscht von der Schaffensweise, kämpfte mit den ihm zugeordneten Textmassen, absolvierte viel zu wenige Stellproben, litt körperliche Schmerzen und solche der Versagensangst, um dann bei der Premiere im Januar 2019 eine Spielhöhe zu erreichen, die vielleicht nur dann entsteht, wenn der Abgrund nahe ist. Das war groß, aber es griff ihn an.

Ich interviewte ihn kurz vor der Premiere. Es brauchte eine Kanne Tee, um über die Schmerzen und den Ärger hinweg in Schwung zu kommen. Dann aber segelte er ins Erzählen, ins Erinnern. Er hörte sich beim Sprechen zu, suchte Worte, kritisierte das Gesprochene, formulierte es um, bemühte sich um Präzision, und konnte sich – nebenbei – auch über den Gang der Assoziationen, den Wohlklang seines Sprechens und der deutschen Sprache freuen. Dieses ganz und gar nicht blinde, sondern kritische Interesse an sich selbst stand viel höher als kränkbare Eitelkeit, die lediglich eine Voraussetzung für dieses Selbstinteresse ist. Es ging einher mit einem Staunen über die Leistungen und Begabungen, auch mit einem Schrecken über die Abgründe, zu denen ein Mensch fähig ist. Dieses Staunen ist auch in seinen Bildern zu sehen, die ihn nun überleben werden, obwohl er die bildende Kunst lange nicht so ernsthaft betrieb wie die flüchtige darstellende Augenblickskunst.

Jürgen Holtz verbrachte viel Zeit in seinem Mecklenburger Rückzugsort. Da fand er neben seiner Frau Katharina Holtz die Ruhe in der Landschaft. Hier malte, las, schrieb, gärtnerte er, und wenn es zu warm wurde, legte er sich ins Wasser. Die Augen geschlossen. In der Welt. Fern der Welt. Ich denke, wenn ich an Jürgen Holtz denke, an diesen Mann im Teich.

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