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„Juditha triumphans“ an der Stuttgarter Oper: Holofernes und die anderen Frauen

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Von: Judith von Sternburg

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Holofernes in Judiths Armen, die anderen Frauen helfen dabei, sie bequem zu betten.
Holofernes in Judiths Armen, die anderen Frauen helfen dabei, sie bequem zu betten. © Martin Sigmund

Vivaldis Oratorium „Juditha triumphans“ grandios in Stuttgart.

Juditha triumphans“, ein toller Titel, dazu ein sensationell schönes Werk, das außerhalb etlicher Üblichkeiten steht. Antonio Vivaldi schrieb es 1716 im Auftrag der Stadt Venedig sehr geschwind für die Mädchen des Waisenhauses „Ospedale della Pietà“, deren Musiklehrer er war. Wer diese ungewöhnliche Konstellation – die bald hochprofessionell musizierenden Kinder und jungen Frauen, ihr genialer Lehrer, in einer Zeit und einer Welt, die nach Musik gierte und zugleich penetrant frömmelte – interessant findet, hat längst den Roman „Vivaldi und seine Töchter“ (2019 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen) von Peter Schneider gelesen.

Man will die Musik, man fürchtet um die Sittlichkeit: „Gewiss“, heißt es bei Schneider, „die Uraufführung von ,Juditha triumphans‘ war ein enormer Prestigewinn für das Institut, aber einige der dramatischen Arien erinnerten doch sehr an eine Oper – eine neue Musikform, vor der die Mädchen unbedingt geschützt werden müssen.“ Denn „Juditha triumphans“, bestellt, um einen militärischen Sieg zu feiern (gegen die Türken, die von der Insel Korfu vertrieben worden waren), ist ein Oratorium, aber so klang es schon damals nicht, wenn Juditha süß, Holofernes markig und sein Vertrauter Vagaus rasend virtuos sangen. Die Künstlerinnen – Orchester, Chor und Solistinnen – blieben für das (vor Begeisterung ausflippende) Publikum möglichst verborgen.

An der Staatsoper Stuttgart sind sie selbstverständlich hervorragend zu sehen, und im von Benjamin Bayl dirigierten Orchester sitzen auch viele Männer. Aber die Regisseurin Silvia Costa lässt sich auf die besonderen Umstände zart und originell ein. Die Geschichte von Judith und Holofernes dreht sich ja um einen klassischen weiblich-männlichen Antagonismus – und das ist jetzt eine sehr kurze Zusammenfassung –, wie also damit umgehen, dass auch Holofernes eine Frau ist? Costa hat sich für eine – auch der Form des Oratoriums extrem angemessene – Ritualisierung entschieden. Erzählt wird nicht die (bekannte) Geschichte selbst, sondern davon, wie eine Gemeinschaft von Frauen sie sich in offenbar eingeübten Szenen vergegenwärtigen.

Costa, Rosabel Huguet Dueñas (Mitarbeit Regie), Maroussia Vaes (Mitarbeit Bühne) und Laura Dondoli (Kostüme) haben dafür ein weißes Zelt aufstellen lassen. Ein mysteriöses Logo erinnert an UN-Einsätze, nach dem martialischen Paradieren des Anfangs werden hier in der Tat „Verwundete“ versorgt. Die Verletzungen scheinen nicht tief zu sein. Die schneeweiße Funktionskleidung bleibt unbesudelt, erst nach und nach mischen die Frauen selbst Blutrot in die Szene. Sie färben stilisierte Handfeuerwaffen und Hemden, sticken und schwenken Fahnen, tanzen als Grazien, kämmen ihr Haar, bringen gar einen einzelnen künstlichen Unterleib herbei, aus dem sie anscheinend Nachwuchs ziehen können. Eine Szene, in der sie amazonenhaft unabhängig wirken, zugleich, wie man sieht, spielen sie – stets ernst und gemessen – das Repertoire des Lebens durch.

Das zunehmende Rot-Weiß lässt an Politik (rote Fahnen) wie an Religion (Priesterkleidung) denken, ferner durchaus an Waisenhausuniformen (wer etwa Max Liebermanns Bild im Städel vor Augen hat). Zugleich wird immer deutlicher, dass wir einer eingeschworenen Gruppe zuschauen dürfen, die das alles nicht zum ersten Mal macht. Judith wird wunderlich geschmückt, wie ein Pfingstochse. Die Köpfung des Holofernes ist ein hochsymbolischer, geheimnisvoller Vorgang.

Costa, 1984 in Treviso geboren, in Venedig ausgebildet, hat vielfach mit und für den Regisseur Romeo Castellucci gearbeitet, einem Meister der Rätselbilder. Dass diese bei ihr nun womöglich sogar triftiger und feiner durchdacht erscheinen, als es beim Lehrmeister gelegentlich der Fall ist, passt zum Thema.

Während offensichtlich Opferung und Selbstopferung thematisiert werden, kommt jedenfalls niemand zu Schaden – und das Denkmal, das inzwischen als einzige männliche Figur ins Bild gekommen ist und ritualhaft gestürzt wird, hat bereits keinen Kopf mehr. Zum köstlichen Schlusschor können die Protagonistinnen friedlich ihrer Wege gehen, für dieses Mal ist das Ritual vollzogen und beendet.

Der unaggressiven Ruhe der Bewegungen entspricht die Musik, die die Schönheit von Frauenstimmen feiert, damals wie heute ein großes Erlebnis. Auch dass es so viele kleine und trotzdem interessante, anspruchsvolle Partien gibt, hängt mit den Mädchen des Waisenhauses zusammen. Die Oper Stuttgart kann hier selbst auftrumpfen: Mit großartigen Stimmen im Zentrum, die warme, goldene von Rachel Wilson als Judith, die vehemente, voranstürmende von Diana Haller als Vagaus, die breite, ruhige von Stine Marie Fischer als Holofernes, die jugendliche von Gaia Petrone als Abra. Fabelhaft der Frauenchor, aus dem durch die Bewegung auf der Bühne immer einmal individuelle Stimmen hervortreten. Bayls Orchester ist so farbenreich besetzt, dass man auch davon nicht genug bekommen kann.

Staatsoper Stuttgart: 22. Januar, 11. Februar, 6., 10., 12. März. www.staatsoper-stuttgart.de

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