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John Neumeier mit „Dona Nobis Pacem“: Daran der Schatten eines Menschen ist

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Der kleine Mann (Aleix Martinez), angekommen in einer Gemeinschaft. Marcus Brandt/dpa
Der kleine Mann (Aleix Martinez), angekommen in einer Gemeinschaft. Marcus Brandt/dpa © Marcus Brandt/dpa

„Dona Nobis Pacem“: John Neumeiers Tanzstück zur Stunde in Hamburg

Es ist John Neumeier wichtig, dass er Titel und Musik für sein jüngstes, jetzt in Hamburgs Opernhaus uraufgeführtes Tanzstück lange vor dem 24. Februar 2022 ausgesucht habe, dass es keine Antwort auf aktuelle politische Ereignisse sei. Aber „Dona Nobis Pacem“ (Gib uns Frieden) beschäftigt sich zu Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe mit dem Menschen, Mann wie Frau, im Krieg, seinen seelischen und körperlichen Verletzungen, seiner Verzweiflung, aber Hoffnung auch, so dass es als Ballett zur Stunde gelesen werden kann und wird. In Neumeiers vorletzter Spielzeit als Ballettintendant – 2024 wird dem dann 85-Jährigen Demis Volpi nachfolgen – ist „Dona Nobis Pacem“ ein großer Wurf. Berührend, ja, aber dem Gefühligen stilsicher ausweichend.

Nur die helle Fußsohle

Einen (Kriegs-)Fotografen hat sich Neumeier unter anderem ausgedacht, seine Schwarz-Weiß-Fotos erscheinen auf der Rückwand, doch sind es keine Bilder des Grauens, zeigen sie zum Beispiel nur die nackte, helle Fußsohle der zentralen Figur „ER“. Lennard Giesenberg ist dieser fotografierende Zeuge, er spricht aber auch Texte, unter anderem Günter Kunerts „Der Schatten“: „In Hiroshima zeigt man einen Brückenbogen, /Daran der Schatten eines Menschen ist“. Alessandro Frolo wird später der „Schatten“ sein, ein Mensch aus Fleisch und Blut, dessen Umriss zuletzt die gewaltige Bombe in die Steinmauer brennt (Bühne und Kostüme: Neumeier).

Anna Laudere tanzt eine Witwe, Louis Musin noch vor Einsetzen der Musik einen jungen, traumatisierten Soldaten, Edvin Revazov einen Offizier. Noch offensichtlicher Stellvertreter des kleinen Mannes und der kleinen Frau, denen mal schlecht, mal besser mitgespielt wird, sind „ER“ und „SIE“: Ida Praetorius tritt erst nach der Pause, mit dem „Credo in unum Deum“ auf, Aleix Martinez trägt anfangs und am Ende einen großen Koffer, ist ein Unbehauster, Heimatloser. Er legt den Koffer um, stellt sich darauf, scheint dann aber nicht zu wissen, in welche Richtung er soll. Seine Füße schweben, rudern in der Luft.

Die Bewegungsabläufe habe er „stets möglichst einfach“ halten wollen, so teilt es Neumeier ebenfalls im Programmheft mit. Und in der Tat behauptet diese wohlüberlegte Schlichtheit der Bewegungen sich gegenüber der Musik Bachs umso besser. Man kann sie ohnehin nicht übertrumpfen, so dass die Ensembles mit ihr und in ihr fließen, die Soli sich von ihr tragen lassen ohne Hast.

Ballettschüler des Hamburg Balletts sind wie betäubt voranstolpernde Kindersoldaten. Doch – wir hören schließlich eine Messe – Neumeier lässt auch elegante Engel-Ensembles in zartem Weiß auftreten, Geistliche und eine „Gemeinde“, außerdem „Jogger“. Letzteres klingt zunächst abwegig – aber sind sie nicht genau wie wir, die sich um ihre Fitness kümmern, während auf der Welt schlimme Dinge passieren, die wir eh nicht ändern können? Oder von denen wir glauben, sie nicht ändern zu können?

Anders als seine Handlungsballette nennt John Neumeier diesen Abend „Choreografische Episoden, inspiriert von Johann Sebastian Bach“; aber diese „Episoden“ werden durchaus zusammengehalten, sei es durch einzelne Figuren, sei es durch Bewegungsmotive. Und stets auch durch ihn, ER, Aleix Martinez, ein kleiner, eigentlich unscheinbarer Tänzer, der umso ausdrucksstärker ist, mimisch, aber auch bis in die Finger- und Fußspitzen.

Mit einem prächtigen Ensemble und auch sonst in aller Fülle konnte diese Premiere stattfinden. Holger Speck dirigierte das Ensemble Resonanz und Vocalensemble Rastatt, Solisten waren Marie Sophie Pollak und Sophie Harmsen, Sopran, Benno Schachtner, Altus, der Tenor Julian Prégardien und der Bass Konstantin Ingenpass.

Das Publikum jubelte – und nochmal mehr, erhob sich dafür, als schließlich John Neumeier auf die Bühne kam. Die Hamburger und Hamburgerinnen (und regelmäßig Anreisende) werden mehr als nur ahnen, dass er ihnen fehlen wird – das richtet sich keineswegs gegen Demis Volpi. Denn für ein Stück wie „Dona Nobis Pacem“, in das so leicht ein falscher, ein kitschiger oder pathetischer Ton geraten könnte, braucht es künstlerische Souveränität. Man könnte es auch Abgeklärtheit nennen. Oder das Gefühl für Schlichtheit.

Hamburg Ballett in der Hamburgischen Staatsoper: 7.-9. Dezember, 4., 5. Januar, 2. Juli. www.hamburgballett.de

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