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Traumpartner: Das Einhorn, David Rodriguez, tanzt mit Laura, Alina Cojocaru. Kiran West

Ballett

John Neumeier „Glasmenagerie“: Das gläserne Herz

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John Neumeiers fabelhafte Ballettfassung der „Glasmenagerie“.

Seit Jahrzehnten habe bei ihm der Wunsch bestanden, Tennessee Williams’ „Die Glasmenagerie“ als Ballett zu bearbeiten, so erzählt es John Neumeier im Programmheft. Aber es musste erst eine ganz besondere Tänzerin kommen, die auch als Darstellerin intensive Rumänin Alina Cojocaru, um ihn die Rolle der Laura anpacken zu lassen, jener kranken, zarten jungen Frau, die Williams mehr als nur angelehnt hat an seine Schwester Rose. Cojocaru, die für die Rolle der Julie in Neumeiers „Liliom“-Fassung 2012 den Prix Benois de la Danse erhielt (als einzige schon zum zweiten Mal erhielt), tanzt nun in der Uraufführung (als vom English National Ballet ausgeliehener Gast) ein Mädchen, das zerbrechlicher ist als die Glasfiguren, die es sammelt. Und wie es auf einem Foto von Rose zu sehen ist, trägt die Ballerina links einen Schuh mit klobiger Sohle. Nur in ihren Träumen hinkt Laura nicht, trägt Cojocaru zwei Spitzenschuhe.

In hohem Maße autobiographisch ist „Die Glasmenagerie“, gleichzeitig als „Spiel der Erinnerungen“ der Realität etwas entrückt. Tom Wingfield ist das Alter Ego des Dramatikers und der Erzähler, der zurückblickt auf seine Jugend und Familie. Hamburgs Ballettchef lässt darum Tom, Félix Paquet, und als fast ständige Präsenz und Zwilling auch Tennessee, Edvin Revazov, auftreten.

Aber wo Williams mit vier Personen auskommt – zu den Geschwistern noch Mutter Amanda sowie Jim, Freund und Kollege Toms – reichert Neumeier das gut zweistündige Ballett notgedrungen, gleichzeitig sehr geschickt mit Ensembleszenen an: Amanda versucht, im Passantengewimmel Zeitschriften zu verkaufen; Tom arbeitet in der Schuhfabrik, es gibt dazu eine Art Fliegende-Schuhschachteln-Choreografie; Laura verzweifelt beim Scheibmaschinenunterricht und geht ins Kino (es läuft „Vom Winde verweht“); Tom ist verstört und betört zugleich in „Malvolio’s Magic Bar“, einer Schwulenkneipe mit zauberndem Glitzerboy.

Die Familiengeschichte, bei Tennessee Williams ein Kammerspiel, muss sich der Welt öffnen, um ein Tanzstück zu werden; dies nicht nur, weil ein wunderbares Ensemble beschäftigt werden will. John Neumeier lässt den Dramatiker sich zu Anfang auf einem Schiff erinnern, in einem schlichten Film (Kiran West) laufen Wellen an den Strand. Das genügt atmosphärisch allemal. Mit windschiefen Wänden ist dann das Holzhaus der Wingfields angedeutet (Bühne, Licht, Kostüme: Neumeier), darin Tisch und Stühle nur und ein Bett für Laura. Links steht ihre glitzernde Glasmenagerie (man dankt der Firma Swarovski).

Aus der jahrzehntelangen Beschäftigung mit dem Dramatiker – Neumeier hat bereits 1983, damals für Stuttgarts Primaballerina Marcia Haydée, „Endstation Sehnsucht“ choreografiert – sind Zutaten entstanden, die Frische bringen, dabei jede Länge vermeiden, die trotzdem das Klaustrophobische, Trübe, Angedunkelte im Haushalt der Wingfields erhalten. Mutter und Kinder haben ein Ritual, bei dem sie sich an den Händen fassen, als wollten sie sich ewige Treue schwören. Und mit ihrem Kindermädchen Ozzie, Stacey Denham, lässt Neumeier die Geschwister Gespenst spielen: Man neckt sich, man erschreckt sich. Es ist auch ein Menetekel.

Überhaupt – und das ist das Entscheidende – ist John Neumeier hier die Bewegungssprache in all ihren Nuancen und Unterschieden gelungen. Ein Ballett, in dem die Hauptdarstellerin hinkt? Das ist so erkennbar wie gleichsam symbolisch integriert, immer wieder als Kontrapunkt, mit fließenden Übergängen zum „normalen“ Spitzentanz. Und Alina Cojocaru ist in der Tat die Idealbesetzung, ein Hascherl (wie man im Süden sagen würde) mit immenser Ausstrahlung.

In der Rolle Amandas, der Mutter, vereint Patricia Friza das Hektisch-Verzweifelte mit dem Entschlossenen, die Sehnsucht, auch als attraktive Frau erkannt zu werden („Gentlemen Caller“ tanzen auf), mit der Sorge um die Tochter. Bar- und Traumboy Malvolio, Marc Jubete, ist nicht nur sexy, sondern hat sich offenbar tatsächlich ein paar kleine Zaubertricks antrainiert. Und so verblüffend wie herausragend tanzt Christopher Evans als Jim auf, wenn er in der scheuen Laura Hoffnungen weckt, obwohl er doch verlobt ist: Neumeier lässt ihn intrikate, kuriose kleine Sprünge machen. Eine aufgesetzte, darum beklemmende Fröhlichkeit kommt da zum Ausdruck. Ein junger Mann spielt nur den Sonnyboy und gleichzeitig mit dem Herzen des Mädchens. Er stolpert über das gläserne Einhorn, an dem Laura so hängt, wie zuvor schon Tom, als er einmal betrunken nach Hause kommt.

Neumeiers „Glasmenagerie“ ist sowohl erweitert wie werktreu. Nie überschreitet er – selbst wenn das Einhorn, David Rodriguez, in ihren Träumen mit ihr tanzt – die Grenze zum Kitsch. Es hilft ihm dabei die Musik, die er bei Charles Ives (u. a. „The Unanswered Question“), Philip Glass und Ned Rorem gefunden hat; dessen „Bright Music“ begleitet die bizarren Sprünge Jims. Es spielt das Philharmonische Staatsorchester unter der Leitung Simon Hewetts.

Im Februar ist John Neumeier 80 geworden, seine Amtszeit in Hamburg hat er, gegen eine vorherige Ansage, verlängert bis ins Jahr 2023. Nun kann man sagen, dass „Die Glasmenagerie“ zu seinen gelungensten Balletten gehört, dass, was sehr lange währte, ein wirklich überzeugendes Ergebnis gebracht hat.

Hamburgische Staatsoper:3., 5., 7., 12., 13. Dezember. www.hamburgballett.de

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