+
Johannes Schaaf.

Nachruf

Zum Tod von Johannes Schaaf: Erzählfreudig und sinnlich

  • schließen

Ein Theatermensch von Format: Der Tod des Regisseurs Johannes Schaaf ruft Erinnerungen an seine Zeit in Frankfurt wach.

In einer Klinik in Murnau ist am vergangenen Freitag der Regisseur Johannes Schaaf verstorben, im Alter von 86 Jahren. Schaaf war ein Regisseur, wie sie vor allem am deutschsprachigen Schauspieltheater seltener geworden sind: Es ging ihm in seinen Aufführungen der Dramen Shakespeares, Kleists, Büchners, Tschechows nicht darum, den Regisseur angestrengt auszuspielen gegen den Dichter, vielmehr galt ihm immer das Werk des Dramatikers als wichtigstes Ereignis eines Theaterabends. Zu gewinnen allerdings nur mit den Schauspielern, für deren Möglichkeiten (und Schwächen) Schaaf den Blick hatte, mit dem er nicht nur den Protagonisten seiner Aufführungen, sondern oft auch Randfiguren zur Entwicklung von Menschenbildern verhelfen konnte, die sich einprägten für länger.

Der Regisseur hatte schon früh durch Filme wie „Tätowierung“ und „Trotta“ mit seiner Begabung für die aufmerksame Schilderung durchaus disparater Eigenschaften von Menschen auf sich aufmerksam gemacht. Nach suchenden Jugendjahren mit manchen Kehren, vom Taxifahrer bis zum Medizinstudenten, dann dem Erfolg der Filme, holte ihn der große Entdecker-Intendant Kurt Hübner zunächst an die Ulmer Bühne und später, als Hübner an das Bremer Theater wechselte, an die mutigste deutsche Bühne der sechziger und siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Mit Wilfried Minks, dessen Bühnenbilder dem Theater neue, aus der Malerei der Zeit abgeleitete Energien zuführten, war Schaaf schon bei seiner ersten, noch schülerhaften Inszenierung in Stuttgart zusammengetroffen. In Bremen sahen die beiden sich wieder. Und daraus entwickelte sich ein Abschnitt der Geschichte der Städtischen Bühnen in Frankfurt, historisch gesehen nur ein Zwischenstück, aber mit weitreichenden, die Stadtgesellschaft seinerzeit bewegenden (und spaltenden) Spannungen.

Was war da geschehen? Der Magistrat der Stadt, von dem Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann dazu bewogen, berief Schaaf und Minks 1978 als Doppelspitze in die Leitung des Frankfurter Schauspiels, das sich vertraglich als einzige deutsche Bühne dem Konzept der Mitbestimmung vor allem des Ensembles an den Entscheidungen der Leitung verpflichtet hatte. Nach der zunächst sehr erfolgreichen, gegen Ende jedoch schwächelnden Intendanz von Peter Palitzsch, bot die Entscheidung für Schaaf und Minks die Aussicht auf ein erzählfreudiges, sinnliches Theater. Schaaf wurde aus München begleitet von seiner Frau Rosemarie Fendel, einer der wirkungsstärksten Schauspielerinnen des Landes. Als Dramaturg kam der kluge Peter von Becker, dessen Überarbeitung von Büchners „Dantons Tod“ im November 1980 Grundlage für Schaafs Frankfurter Regie-Debüt wurde.

Vieles sah also gut aus für das Frankfurter Schauspiel. Schaaf und Minks wirkten, wenn man sich mit ihnen traf, unzertrennlich wie Blutsbrüder.

Schaaf, vielleicht eine Spur bedächtiger als Minks, war immer ein aufmerksamer Zuhörer, in Erinnerung bleibt von ihm, wie er vor seinen Antworten, als würde er stocken, gern einen Moment innehielt, um dann aber die zügige Rede gleichsam flüssig freizulassen. Das gute Einvernehmen der beiden einander ohne Frage freundschaftlich verbundenen Theatermenschen ist dann aber doch schon im Frühling 1981 überraschend schlagartig zersplittert.

Schaaf hatte gerade Tschechows „Der Kirschgarten“ herausgebracht, es war ein glänzende Aufführung, mit der Fendel in der zentralen Rolle der Ranjewskaja, sein letztes Geschenk an des Frankfurter Publikum.

Der Anlass für den Bruch waren nicht die politischen Querelen um Solidaritätserklärungen einer kleinen Gruppe im Ensemble für die RAF, sondern eine unversehens gegen Schaaf ins Werk gesetzte Intrige, deren Antreiber nicht einmal Wilfried Minks selbst gewesen ist. Das Schmierentheater „Frankfurter Zerwürfnis“ war ein Weiberstück. Eine Tragödie für Schaaf wie für Minks.

Noch Jahre später, wenn man mit einem der beiden darauf zu sprechen kam, war das Bedauern, ja: ein Schmerz zu spüren darüber, dass und wie das gemeinsame Frankfurter Projekt gescheitert war. Aber, so stand es auf einem französischen Aschenbecher im Büro der beiden: Ce que le diable ne peut, femme le fait. (Was der Teufel nicht kann, kann die Frau).

Johannes Schaaf hat, nach Frankfurt, mit schönen Erfolgen an den großen Opernhäusern in-und außerhalb Deutschlands gearbeitet. Ein Mensch und ein Regisseur, der sich eingeschrieben hat in das Gedächtnis seiner Zeit.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion