Die doppelte Johanna: Elen Gourio hinter Anabel Möbius.
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Die doppelte Johanna: Elen Gourio hinter Anabel Möbius.

„Johanna von Orléans“

Mythen-Entlarvung ohne Aussicht

  • vonMarcus Hladek
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Claudia Bossard dekonstruiert in Darmstadt Schillers „Jungfrau“.

Regisseurin Claudia Bossard betitelt ihre Spielfassung für das Staatstheater Darmstadt (Dramaturgie: Christina Zintl) „Johanna von Orléans. Am Beispiel Friedrich Schillers“. Was sie interessiert, ist der Akt der Dekonstruktion, dem sie „Die Jungfrau von Orléans“ unterwirft. Statt wie Schiller mit dem Bauernmädchen Jeanne im Dorf unter dem Druidenbaum einzusteigen, beginnt ihre zierlich-kindhafte Erst-Johanna (Elen Gourio) das moderne Theoriegespräch über das Stück auf einem mobilen Dünenstreifen vor gemaltem Küstenprospekt mit hervorbrechender Sonne.

Béla Milan Uhrlau, ihr Gegenüber im Ritterwams samt Schwert und Helm (Bühne und Kostüme: Elisabeth Weiß), spielt später Schillers frei erfundenen Lionel und den Ritter La Hire, der mit dem Ehrennamen („Wut“) als Herzbube „Lahire“ ins Kartenspiel einging: noch mehr Stoff zum Dekonstruieren. Wo sich Schiller Freiheiten nimmt, begleitet Bossard dies im Fußnoten-Stil. Mal verschiebt Schiller die Königsmätresse (liberales Luder in Rot: Katharina Hintzen) und den Tod des Recken Talbot (Stefan Schuster im Steroid- und Mucki-Panzer, versteinernd zur Reiterstatue) auf der Zeitschiene, mal führt er Jeanne märchenhaft bei Hofe ein und gönnt seiner „ersten Protestantin“ (G. B. Shaw) statt des Scheiterhaufens einen Tod im Schlachtfeld – stets kommentiert vom Metatext. Selbst zu Marvel-Mythen greift Bossard, wenn sie die Haupt-Johanna Anabel Möbius und Lionel als Wonderwoman versus Superman ausstaffiert.

Eine Briefmarken-Johanna

Ist Elen Gourio das Mädchen aus Domrémy, so spielt Möbius in gleichen Kostümen die Briefmarken-Johanna mit emporgerecktem Schwertarm. Per Video (und Sound: Annalena Fröhlich) ins Virtuelle exorziert ist der Erzbischof von Reims (Hubert Schlemmer). Das Rest-Ensemble verbrüdert sich im Wohnwagen, vor Wechselwänden und allerlei Projektionen oder vereint sich vor uns zur Talkrunde.

Da sich alles um Johanna dreht, degradieren die Figuren zu Denkfiguren auf niederer Seinsebene; man könnte das blutleer nennen. Da ist der ewig badende, noch im Hermelin schöntuende Karl VII (Ernest Allan Hausmann) und der Orléans-Bastard Dunois mit dem Blutfahnen-Attribut (Daniel Scholz). Da sind Mucki-Talbot zu Pferde (Stefan Schuster) und ein anglophiler Burgund (Mathias Znidarec als Gentleman mit Bowler), sodann die weiß-schwarze Königinmutter Isabeau (Karin Klein), die mit der MG loslegt, und der rasende Du Chatel (Robert Lang-Vogel).

Drama findet nur entspannt statt. Exemplarisch ist die Regie, weil sie Johanna-Mythen entlarvt, nur weist sie keinen Ausweg aus den Lesarten. Mythen schreiben weiter; Bossard schreibt Mythen zurück. Nützlich zu hören, dass „Männer“ Jeannes Bild verzerrt haben. Wenn sie Johanna aber vom „märtyrerischen Kern“ her freischreiben will und doch nur in Wort und Bild (die Glatzen-Madonna Jean Fouquets) die Jungfräulichkeit analysiert, fehlt etwas.

Anfällig wäre die Schweizerin vielleicht für Johanna als ideale Schwester Wilhelm Tells, doch weist sie selbst die „zauberische“ Nationgründerin Johanna in die Schranken und glossiert mit Hannah Arendts „Banalität des Bösen“ die Gefahren charismatischer Macht. Dramatischer macht das den jazzigen Essay noch nicht.

Staatstheater Darmstadt: 30. Oktober, 5., 14. November. www.staatstheater-darmstadt.de

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