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Joana und Aljoscha Tischkau mit „Yo Bro“ in Frankfurt: Wie sich ein Mensch auf Melmac fühlt

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Von: Judith von Sternburg

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Bei Alf zu Hause.
Bei Alf zu Hause. © Maya Röttger & Fungi Phuong Tra

Joana und Aljoscha Tischkau mit „Yo Bro“ im Bockenheimer Depot

Die beste Szene kommt aus dem echten Fernsehleben: Ein klassisches Sportlerinterview, ein Basketballer, high durch den in letzter Minute errungenen Sieg, ruft dem amerikanischen TV-Publikum zu, dass jeder Mensch fliegen könne und das von seinem Hausdach aus direkt probieren solle. Der Reporter versucht, das Schlimmste zu verhindern. Man kann sich das öfter anschauen, bis man begreift, dass es bloß ein Sketch ist. Jetzt kommt noch dazu, dass man nur die Stimmen hört, die Teil des opulenten Playback-Abends „Yo Bro“ sind. An dem das Publikum zwar sofort davor gewarnt wird, alles zu glauben, was es sieht, aber der, der warnt, ist auch bloß der Schauspieler Jonathan Frakes als Moderator der Mistery-Serie „X-Faktor: Das Unfassbare“, uns besser bekannt als Commander Riker aus dem Raumschiff Enterprise.

Doppelbödigkeiten und Unstimmigkeiten, wohin man blickt, darum geht es hier, und wer dem Begriff der „Stimmigkeit“ bereits misstraut und ihn für eine gesellschaftliche Verabredung hält, kann sich davon trotzdem noch ordentlich verwirren lassen. Und wird feststellen, dass das nicht so schlecht ist. Denn wenn eh nichts mehr zusammenpasst, laufen mit den Zuschreibungen – der Hautfarbe, des Geschlechts, der Körperstatur, des Alters – auch alle Ausgrenzungsversuche ins Leere.

Wer ist wer?

Die Frankfurter Performerin Joana Tischkau und ihr Bruder Aljoscha haben „Yo Bro“ als Koproduktion des Mousonturms und des Schauspiels Frankfurt im Bockenheimer Depot konzipiert: eine fidele Revue, bei der sich eine aufgekratzte Truppe durch das (amerikanische und amerikanisierte) Serien- und Unterhaltungsfernsehen zappt und Szenen im Playbackverfahren und auf Carlo Siegfrieds showgeeigneter Bühne nachstellt. Karl-Ishan Barta, Joanna Bauer, Wadim Jurk, Silvie Mutl, Kaya Otto, Raissa Steinke, Christine Weißbrich und Lovester Wilson, ganz unterschiedliche Typen, werden dabei beliebig zusortiert, so dass Ton und Bild mehr oder weniger offensiv nicht zusammenpassen.

In einem langen Vorspann gruppieren sie sich immer wieder zu Serienanlaufmelodien (Pseudoserienanlaufmelodien?) rund um ein Sofa, ein vertrautes Familienserienmuster, das hier durch die variierte Wiederholung ins Absurde gezogen und durch die fabelhafte Beliebigkeit der Besetzung in seiner Klischeehaftigkeit auf den Arm genommen wird.

Nicht Alf gerät dann nachher versehentlich unter die Menschen, sondern ein Mensch landet auf Melmac, wo die Familie von Alf ihn freundlich aufnimmt. Das ist albern, aber es ist auch eine Lockerungsübung mit Verkleidungskarneval (Kostüme Nadine Bakota) und Tanzeinlagen. Es ist Zeit genug für alles, weil das Ganze nun – sicher sehr vorbereitungsintensiv, und die Lippenbewegungen sind top und das Gesamttempo stimmt – auch nicht so wahnsinnig kompliziert ist. Wer gerne nachts sinnlos fernsieht, kennt aber das Gefühl, dass es trotzdem Spaß macht dranzubleiben. Zudem gibt es Verwirrspiele, die erst durch ihre Länglichkeit an Fahrt gewinnen.

Dass dabei Fernsehunterhaltung reproduziert wird und Fernsehmüdigkeit aufkommen kann, werden die Tischkaus einkalkuliert haben. Schön ist dafür, wie sie selbst in dem fortgesetzten Remmidemmi an individueller Kontur gewinnen, gerade weil sie nicht zwei Minuten am Stück dieselben zu sein scheinen.

Was denken die anderen?

Und wieder wird im kreischigen „Familien-Duell“ geraten, wie Menschen bei Befragungen geantwortet haben. Was man denkt, was andere denken: Das Quiz mit Erwartungen passt natürlich gut zum Thema. Es könnte ewig so weitergehen, auch das kennt man vom Fernsehen, aber nach 75 Minuten ist es klugerweise vorbei.

Mit „Yo Bro“ kündigt sich auch das 11. Festival „Politik im Freien Theater“ der Zentrale für politische Bildung an, diesmal in Frankfurt und von Donnerstag an mit vollem Programm.

Bockenheimer Depot, Frankfurt: 26., 28., 29., 30. September. www.schauspielfrankfurt.de

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