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Der König, Claudius und Gertrude, mit Masken dargestellt in Hamlets Theatervorführung.

Theater

Sie ist jetzt am Ruder

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Lisaboa Houbrechts’ moderner „Hamlet“ im Frankfurter Mousonturm.

Da steht sie nun, händeringend und scheinbar mit sich hadernd. „Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll“, sagt Gertrude und berichtet, was das Publikum natürlich weiß: Ihr Mann, der König, sei gestorben. Sie habe daraufhin dessen Bruder Claudius geheiratet, der nun Staatsoberhaupt sei. Und sie versichert: „Ich hatte keine Wahl. Es ging um das Wohl des Landes.“

Dass die erste Szene – Hamlets Mutter Gertrude tanzt und rollt sich auf der Bühne mehrere Minuten lang fast in eine Ekstase – und die ersten Worte dieses Stücks – Gertrudes Behauptung, ihren Schwager um des Landeswohls willen geheiratet zu haben – einer Frau gehören, lässt bereits erahnen, worum es hier geht: um die Frauen. Die stehen im Zentrum von Lisaboa Houbrechts’ „Hamlet“, der ein sehr moderner ist und im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm erstmals im deutschsprachigen Raum aufgeführt wurde.

Modern deshalb, weil die junge Theatermacherin die Tragödie Gertrudes zum eigentlichen Mittelpunkt macht und ihr und auch Hamlets Geliebten Ophelia statt Neben- Hauptrollen zuweist. Beide Frauen sind zwar nach wie vor Opfer des intriganten Spiels der Männer in diesem Stück; aber sie sind nicht mehr willensschwach, sie begehren auf. Beiden gehören außerdem die wenigen Tanzszenen des Stücks, in denen sie barfuß und in fließenden und flattrigen Kleidern (Kostüme: Sietske Van Aerde) über die Bühne tippeln und schweben.

„Ich habe jetzt das Ruder“, verkündet Gertrude schließlich selbstbewusst, als sie Claudius berichtet, dass sie Hamlet nach England geschickt habe. „Ich bin das Ruder“, schickt sie hinterher und schlägt sich wie zur Bestätigung mehrmals auf die Brust.

Es ist Gertrudes Körper, der Hamlet verfolgt, nicht der Geist seines Vaters – entsprechend reduziert sind die Szenen, in denen er mit ihm spricht. Nur die unglaublich lauten Gewittergeräusche deuten darauf hin, dass es der Geist seines toten Vaters ist, den Hamlet (nicht aber das Publikum) sieht und hört und der ihm erzählt, sein Bruder Claudius habe ihn getötet.

Auch später ist lediglich ein weißes Laken zu sehen, das bis dahin den Boden der Bühne bedeckt und dann von einem kleinen Kran nach oben gezogen wird (Bühne: Oscar van der Put), sodass es wie ein sich erhebendes Gespenst wirkt, und zu Hamlet „spricht“. „Los Papa, kommt, wir gehen“, entgegnet der salopp am Ende der Szene.

Überhaupt ist Houbrechts’ Inszenierung locker. Nicht nur, weil sie die weiblichen Aspekte stärker betont als Shakespeare. Auch die Sprache des Stücks (übrigens Niederländisch mit deutschen Übertiteln) ist irgendwie 2.0, nur hin und wieder gespickt mit aus dem Original bekannten Zitaten. So verabschiedet sich Hamlet eines Abends von Gertrude mit den Worten: „Gute Nacht, Mama. Aber treibe es nicht mit meinem Onkel!“

Houbrechts inszeniert ihren Hamlet mit nur sechs Personen, die den beiden verstrickten Familien angehören: Hamlet, Gertrude und Claudius sowie Polonius, der oberste Berater des Königs, und dessen Kinder Laertes und Ophelia. Zwischen diesen Menschen, in einer geschlossenen Welt, entfaltet sich das Drama, das Houbrechts mit einer dritten, einer echten Familie, kreuzt: der Theaterfamilie Lauwers-Barkey, besser bekannt als Needcompany.

Grace Ellen (Gertrude) ist die Mutter von Victor (Hamlet) und Romy Louise (Ophelia), die gemeinsam mit Lisaboa Houbrechts im Theaterkollektiv Kuiperskaai wirken. Daneben sind Lobke Leirens (köstlich: Polonius), Seppe Decubber (Claudius) und Maxime Rouqouart (Laertes) zu sehen.

Dieser Doppeltwist verleiht den Fragen nach Schuld, Rache, Macht(-Missbrauch) und Verantwortung, dem Kampf der Generationen und auch der herausgehobenen Stellung der Frauen in diesem Stück eine ganz eigene Dimension. Houbrechts macht ihren „Hamlet“ zum Drama der verwandten Blutsbande – ganz nach dem Motto: Die großen Tragödien sind immer Familientragödien.

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