Das Ensemble als Masse Mensch, die helfen und verraten kann. Am Boden Max Simonischek.
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Das Ensemble als Masse Mensch, die helfen und verraten kann. Am Boden Max Simonischek.

Schauspiel Frankfurt

Was jetzt geschieht, geschieht uns

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Zwei Geschichten auf Leben und Tod in Zeiten des Terrors: Anna Seghers? "Das siebte Kreuz" und Wajdi Mouawads "Verbrennungen" am Schauspiel Frankfurt.

Mit zwei Theaterabenden über entsetzliche Zeiten, die nicht so weit weg sind, wie es für die Zuschauer angenehm wäre, setzt die neue Leitung des Schauspiels Frankfurt den Spielplan-Aufbau fort. Beide Abende stellen die Frage, wie sich der einzelne verhält, wenn es auf Leben und Tod geht, für ihn, für sein Gegenüber. Bekommt der Mensch es zu früh mit der Angst? Merkt er zu spät, was furchtbar schiefläuft? Wie und wohin rettet er sich und seine Wünsche nach und Hoffnungen auf Glück? Und wie lebt er dann mit dem, was er getan oder nicht getan hat?

Beide Inszenierungen gehen damit arabeskenfrei um. Das ist – vor allem, was den Umgang mit Anna Seghers’ Roman „Das siebte Kreuz“ angeht – angemessen und grundsolide, das lässt trotzdem – vor allem, was den Umgang mit Wajdi Mouawads Stück „Verbrennungen“ angeht – deutlich Luft nach oben mit Blick auf die Möglichkeiten des Theaters. Vielleicht wohnt jedem Anfang eine Risikovermeidung inne. Fast jedem Anfang.

Der neue Intendant Anselm Weber stellt sich als Regisseur – als der er in Frankfurt freilich schon während der Eschberg-Zeit tätig war, zuletzt dann nebenan in der Oper bei Bernd Loebe – mit einer Bühnenadaption von Anna Seghers’ Exilroman vor. Das ist in vielfacher Weise sinnvoll: Die Geschichte, in der die Emigrantin so glasklar die Situation innerhalb Nazi-Deutschlands erfasst, ist 2018 der Gegenstand von „Frankfurt liest ein Buch“. Die Handlung spielt über etliche Strecken in Frankfurt und zwar so konkret, dass das Publikum mit Georg Heisler durch Straßen und Stadtteile laufen kann und vor sich sehen muss, der geflohene KZ-Insasse würde an der eigenen Haustür schellen. Die Fragen, wie ich mich erstens zur Vergangenheit des Nationalsozialismus, zweitens überhaupt zu Ausgrenzung und Totalitarismus stelle und was ich drittens dafür für mein Verhalten als Wählerin und Bürgerin ableite, sind ebenfalls garstig aktuell.

So will Weber es offenbar auch verstanden wissen, bemüht sich um Konzentration und eine dezente Überzeitlichkeit. Über die helle Rückwand könnten Videos aller Art gezeigt werden, sie ist da, als sollte sie eigens hervorheben, dass genau das hier einmal nicht geschieht. Allein die Wochentage werden an die Wand geworfen. In einer auch sonst dekorfreien Umgebung wirft Weber seinen Georg, Max Simonischek, auf die Bühne, nein, lässt ihn heran-, hervorkriechen, erschöpft, blutend, gezeichnet, eingestaubt, in einer abstrakten (Sträflings-)Kluft (Kostüme: Irina Bartels). Die schwarze, unmöblierte Spielfläche von Raimund Bauer ist ein kleines Stück in den Zuschauerraum des Schauspielhauses geschoben. Flucht (und um Fluchtwege geht es ja) scheint sozusagen nur nach hinten machbar, bevor sich für Georg doch noch eine andere Möglichkeit auftut. Bis dahin muss er hier ausharren, während die anderen Spieler hinter dem Podium ungemütliche Sitzgelegenheit vor einer Kachelwand haben.

Sie sind zu sechst, bilden stille Tableaus, und blickt man in ihre nicht bösen, aber abweisenden Gesichter, will man auf die Hilfe dieser Leute auf keinen Fall angewiesen sein. So verhält es sich aber. Mit unaufwendigen Kostümwechseln – hinten an der Wand liegt offenbar alles bereit – werden Begegnungen Georgs mit Menschen in Mainz und Frankfurt durchgespielt, dazu gibt es oratorische Szenen mit einem chorischen Sprechen, das den bei Anna Seghers angelegten übergeordneten Ton eines mitredenden „Wir“ klug und gut erfasst. Wir sind viele einzelne, aber wir sind auch die Menschheit, die zu einem bestimmten Zeitpunkt zur Verfügung steht. Als Täter und als Opfer, als Mitläufer, als Zuschauer, als Gegner. „Jetzt sind wir hier. Was jetzt geschieht, geschieht uns“: Die in Mark und Bein gehenden Sätze, mit denen Anna Seghers ein Kapitel über historische Vorgänge am ihr so vertrauten Rhein bei Mainz beendet, platziert Weber mehrmals und eindringlich in der von seiner langjährigen Dramaturgin Sabine Reich und ihm erstellten Textfassung.

Kleine Spielszenen: Paula Hans ist zum Beispiel Leni, die inzwischen einen Nazi geheiratet hat und nicht weiß, wie sie Georg schnell genug wieder loswerden kann. Christoph Pütthoff ist zum Beispiel Röder, ein kreuzbraver, quirliger Familienvater, der nicht anders kann, als seinem alten Freund Georg zu helfen. Michael Schütz ist zum Beispiel Wallau, einer der Mitflüchtlinge aus dem Lager Westhofen (das Lager Osthofen bei Worms, alles wirklich nicht weit weg von uns) und Vorbild und Folie für Georgs jeweils nächsten Schritt. Was würde Wallau tun? Olivia Grigolli ist zum Beispiel die Kellnerin, die in einer winzigen, starken Szene hilft, ohne sieben Jahre darüber nachzudenken.

Die Panik aller Menschen

Die Bühnenadaption hält sich eng an Georg, das ist dramaturgisch vernünftig und der hauchkurze Auftritt des ebenfalls geflohenen Füllgrabe (Wolfgang Vogler) macht beiläufig klar, dass der Besuch die Romanlektüre nicht ersetzt. Sie nicht ersetzen will. Da zugleich Georg selbst von Simonischek nicht ganz glücklich, aber Roman-kompatibel eine Spur pathetisch, artifiziell gezeichnet wird, bleibt er eine Projektionsfläche für das Verhalten der anderen.

Mit Abstand am spannendsten, anspannendsten wird Webers pausenloses und zweistündiges „Siebtes Kreuz“, als das Geflecht der Helfer und Nicht-Helfer enger wird: ein Spielfeld der Entscheidungen, des Zögerns, der Angst, die von Feigheit schwer zu unterscheiden ist. Liesel Röder (wieder die eindrucksvolle Paula Hans) spiegelt die Panik aller Menschen, die ihre Familie schützen wollen. Schon wird ihr Mann auf die Gestapo bestellt. Die Gefahr ist ja keine eingebildete.

Zwischen den Szenen, in denen er sich auch als Chorist tummelt, singt Thesele Kemane aus dem Studio der Oper Frankfurt umstandslos einige Lieder aus Schuberts „Winterreise“. Das ist in der Tat naheliegend und trägt zu dem Eindruck bei, einen sehr geradlinigen Abend vor sich zu haben. Er kommt einem geradezu bekannt vor, was aber ein großer Irrtum ist. Vor Weber hat seinen Recherchen zufolge nur ein einziges Theater (1983 in der DDR) eine Bühnenversion des Romans aufgeführt.

Das kann man über „Verbrennungen“ des aus dem Libanon stammenden Frankokanadiers Wajdi Mouawad nicht sagen, ein seit seiner deutschsprachigen Erstaufführung 2006 vielgespieltes Theaterstück. In den Kammerspielen inszeniert es die Niederländerin Daria Bukvic. Mouawad konstruiert eine unwahrscheinliche, aber erschreckende Familienkonstellation, von der ein betroffenes Zwillingspaar erst nach dem Tod der Mutter nach und nach erfährt. Es gibt Rückblenden, die in die Welt des nicht beim Namen genannten libanesischen Bürgerkriegs führen und tatsächlich ein Schreckenspanorama ergeben, wie es sich in jeder Generation an mehreren Plätzen auf der Erde wiederholt. Die Geschichte des einzelnen Menschen wird darin gleichmütig zermahlen, auch wenn Mouawad das Wunder behauptet, man könnte sich nach langer Zeit in zwei Stunden wiederfinden und in die Augen sehen. Auch wenn sich dabei so Entsetzliches herausstellt, dass das Schweigen der Mutter sich auf ihre Kinder übertragen muss, steckt darin eine irritierende Übersichtlichkeit.

Bukvic aber zeigt sich keineswegs irritiert, sie lässt einfach mit bescheidenen Mitteln, zu denen nach und nach herunterfallende Folienvorhänge gehören und Tiefe vortäuschen (Bühne: Janne Sterke), die Geschichte vor unsere Augen treten. Die Schauspieler engagiert und unkompliziert. Vielleicht denkt man so sehr an Jugendtheater, weil Heidi Ecks (die Hauptfigur und Mutter) und Stefan Graf im Rückblick das kindliche Liebespaar mit jener unverdrossenen Naivität spielen, die erwachsene Schauspieler für Kinder so oft bereithalten. Altine Emini und Nils Kreutinger sind das Geschwisterpaar, das vom treuen, altväterlichen Notar, Thomas Meinhardt, auf die Suche nach ihrer Vergangenheit geschickt wird. Kristin Hunold (unter anderem die die Mutter engelhaft geradeaus begleitende Sawda) und Thorsten Danner machen den Rest der Rollen fix unter sich aus. Das ist als Theater verblüffend überraschungslos, andere nennen es puristisch.

Beide Premierenabende wurden lange beklatscht. Weber ist beim Publikum in Frankfurt gut angekommen.

Schauspiel Frankfurt:  „Das siebte Kreuz“ 4., 9., 10., 11., 24., 25. November. „Verbrennungen“ 5., 11., 12., 17., 25. November. www.schauspielfrankfurt.de

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