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Pavel Cernoch, Anna Prohaska, Golda Schultz (v.l.) als Max, Ännchen und Agathe im „Freischütz“ an der Bayerischen Staatsoper in München. Foto: Wilfried Hösl
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Pavel Cernoch, Anna Prohaska, Golda Schultz (v.l.) als Max, Ännchen und Agathe im „Freischütz“ an der Bayerischen Staatsoper in München.

Opernpremieren via Bildschirm

„Jenufa“ aus Berlin, „Der Freischütz“ aus München: Die, die zermahlen werden

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Auch in der Not kann man triumphieren: Die Staatsopern in Berlin und München strahlen ihre Premieren von „Jenufa“ und „Freischütz“ aus.

Ein fast echtes Opernpremierenwochenende. Das ist dringend nötig. An der Berliner Staatsoper gibt es Leoš Janáceks „Jenufa“, an der Bayerischen Staatsoper München Carl Maria von Webers „Freischütz“. Zwei große Musiktheaterwerke, die bei aller Unterschiedlichkeit im Ton die zermahlende Wirkung der menschlichen Gemeinschaft auf den einzelnen dokumentieren. Die menschliche Gemeinschaft produziert mit rigiden, doppelmoralischen Regelwerken ja selbst die Enkelkindsmörderin und den Freikugelkunden, die sie beide nachher mit Abscheu und Entsetzen ausstoßen wird. Die Rolle der Chöre entsprechend: kommentierend, glotzend, ungut. Die irgendwie noch in Hoffnungsvolle gedrehten Enden: brüchig und für das Publikum kein Trost.

Es sind zwei musikalisch erstklassige – auch erstklassig antibräsige, die volkstümlichen Momente anschärfenden –, dazu auf ihre Weise jeweils hochintensive Abende. In „Jenufa“ liegt zweiteres vor allem an der wieder erstaunlichen Evelyn Herlitzius, die auch die Rolle der Küsterin, der Mutter Jenufas, zu einer Vorstellung auf Leben und Tod macht. Im „Freischütz“ liegt es vor allem an den plausiblen Einfällen von Regisseur Dmitri Tcherniakov, die auch den Akteurinnen und Akteuren so offensichtlich einleuchten und Schwung geben.

Dazu zweimal vollgültige (oder dezent ausgedünnte) Orchestergrabenbesetzungen und große Chorszenen. Simon Rattle spitzt die ohnehin drastisch angespannte „Jenufa“-Musik noch an und riskierte dabei (zu Recht, es ist die Sache wert), dass das komplexe Gefüge mit dem eindrucksvoll über den Saal der Berliner Staatsoper verteilten Chor gelegentlich auseinanderzufliegen droht. Die Rasanz von Antonello Manacordas „Freischütz“ ergibt sich ebenfalls aus einem zeitweise beträchtlichen Tempo, dabei regiert hier eine elastische Leichtigkeit, die perfekt ist für die jugendlich wirkenden Stimmen.

Die ansonsten einzige, aber nicht unwesentliche Gemeinsamkeit: Smarte Einheitsbühnenbilder. Paolo Fantin, der aus der Frankfurter Oper schon vertraute Dauer-Bühnenbildner für Damiano Michielettos Inszenierungen, rahmt den stilisierten Kirchenraum in „Jenufa“ mit milchigen, geriffelten Glasscheiben, zwischen denen hindurch man auf- und abtritt. Langsam schiebt sich ein gigantischer Faustkeil bedrohlich von oben herab – wie langsam, das lässt uns die Kamera leider nicht sehen. Im dritten Akt beginnt er in einer spektakulären Wendung zu tropfen, bringt nun also ein Symbol des schmelzenden (und Leichen freigebenden) Eises auf bedrängendste Weise mitten auf die Bühne.

Tcherniakow arbeitet mit einem bühnenhohen Raumteiler – sein „Freischütz“ spielt in den Sälen eines Hotels –, dessen hölzerne Bahnen einzeln bewegt und gedreht werden können. Auch hier kann der Hintergrund also in den Blick geraten, es ist neben dem coronabedingt versprengten Ensemble eine Wolkenkratzergegend, wie sie aus Frankfurter Sicht nur allzu vertraut ist. Beide Bühnenbilder erlauben keine Intimität. Niemand kann sich sicher sein, ob nicht jemand zuschaut. So ist das in der Oper, aber die Figuren auf der Bühne dürfen es gelegentlich vergessen. Diesmal nicht.

Und: Beide Abende entwickeln sich bei allem inszenatorischen Einfallsreichtum (Tscherniakow) und aller zurückhaltenden Konvention (Michieletto) aus den Figuren – Figuren in höchster Not – und ihren Darstellern und vor allem Darstellerinnen.

Camilla Nylund ist eine vehement unglückliche, leidende Jenufa, während ihre gewaltige Stimme durchaus erzählt, dass sie das überleben könnte – dies auch die späte Einsicht ihrer verzweifelten Mutter, die es im entscheidenden Moment dennoch richtig fand, Jenufas uneheliches Söhnchen umzubringen. Ein schlimmer Entschluss, den Evelyn Herlitzius in seiner ganzen Abgrundtiefe zeigt und singt, und, wäre es nicht so schrecklich, könnte man sagen: auskostet.

Zuvor haben die beiden zuständigen Männer versagt: der Vater des Kindes, den der Tscheche Ladislav Elgr mit markantem, leicht abgedunkeltem Tenor als unruhigen Dummkopf präsentiert; sein bei Jenufa bisher chancenloser Konkurrent, dem Stuart Skelton mit seinem makellosen, Lyrisches wie Heldisches bietenden Tenor die Unschuld weitgehend zurückgibt. Tatsächlich bekommt der verliebte Laca, als Notnagel-Ehemann für Jenufa herbeizitiert, kaum die Chance, das fremde Kind zu akzeptieren.

Denn schon behauptet Jenufas Mutter sicherheitshalber, das Baby sei bereits tot und spricht damit – und Herlitzius lässt das Grauen der Situation geruhsam sehen und hören – das Todesurteil über das kleine unsichtbare Wesen unter der roten Strickdecke in der unübersehbaren weißen Wiege. Jetzt nimmt sie das Kind heraus und verlässt kurz die Bühne, jetzt ist die weiße Wiege unübersehbar leer. Die Küsterin staunt hinterher selbst, wie leicht es ist, ein Neugeborenes zu töten. Herlitzius, obwohl von Carla Teti in die zeitlose Uniform strenger weiblicher Bühnenfiguren gesteckt, ist eine so hingegebene Küsterin, dass deren fatale Selbstgerechtigkeit zwar nicht verschwindet, aber doch hinter der menschlichen Tragödie zurückweicht.

Offensiver und auch untragischer verhält es sich in Tcherniakows „Freischütz“, dem das Übersinnliche komplett ausgetrieben wird. Das Romantische: nurmehr ein Zitat, vom Chor und von den jungen Frauen eher spöttisch eingesetzt. Vor allem Anna Prohaskas Ännchen mit platinblonder Tilda-Swinton-Frisur und im schnittigen hellblauen Anzug (Kostüme: Elena Zaytseva) kann sich mit Webers Frauenbild ostentativ nicht identifizieren.

Agathe, Golda Schultz, laboriert hingegen an echtem Herzschmerz. Könnte sie Ännchens Gedanken lesen – so wie wir, oberhalb der Bühne –, so wüsste sie, dass die Freundin sie nurmehr für eine Pute hält. Im Duett hört man aber zwei Sopranistinnen – auch Prohaska wenig soubrettenhaft – von überirdisch lyrischer Schönheit (an „Arabella“ zu denken, legt auch nicht jeder „Freischütz“ nahe). Dass Max, wie im Text über der Bühne behauptet, Agathe – die Tochter seines Chefs – aus Berechnung heiraten will, nimmt man ihm übrigens nicht ab. Pavel Cernoch jedenfalls – es ist wirklich auch das Wochenende der topfitten, ungepresst wohlklingenden, angenehm timbrierten Tenöre – zeigt ihn als ganz sympathischen zivilen Mann. Kaspar, Kyle Ketelsen, ist nicht mit dem Teufel im Bunde, aber die Hölle ist in ihm selbst, so dass Samiel nicht eigens besetzt werden musste. In der ansonsten etwas sehr um die Ecke gedachten Wolfsschlucht-Szene entspinnt sich ein gespenstischer Monolog.

Tcherniakows Geschick als Regisseur zeigt sich nicht nur in einer – leider nicht ganz durchgehaltenen – lässig modernen Figurenführung. Der unruhig wandernde, die Hände in den Hosentaschen vergrabende Max, die herumalbernden Frauen oder auch nur der ans Stehtischchen gelehnte Kaspar unterlaufen das traditionelle Operngestenrepertoire erfrischend. Der russische Regisseur nimmt auch einen recht glücklichen Transport ins Hier und Heute vor: Kuno, Bálint Szabó – als Kapitalist erkennbar an der dicken Zigarre und den schlechten Manieren – leitet ein Unternehmen. Agathe meidet den Vater, der sich für den aus seiner Sicht vermutlich etwas schlappen Schwiegersohn in spe einen besonders krassen, dazu justiziablen „Probeschuss“ hat einfallen lassen. Aus der Hoteletage heraus gilt es, einen beliebigen Passanten, eine beliebige Passantin zu erschießen. Ist das (wie zwischendurch im Sprechdialog behauptet) nur ein Spiel?

Agathe jedenfalls wird den Abend nicht überleben. Der halbwegs gute Ausgang ist nur eine Fantasie Maxens (der dafür, originell, flugs einen Kellner, Tareq Nazmi, zum Eremiten macht). Ist der Krimi-Probeschuss eine gute Idee? Ja, er transportiert den Grusel eindrücklich ins Heute. Aber ist das logisch? Nein, gar nicht, jedoch stört das nicht. Der Probeschuss, er war immer schon der idiotischste Einfall, seit es Erbförster und Jägerburschen gibt.

Beim Münchner „Freischütz“ kann man sich am Ende aus der beigegebenen „Soundmaschine“ (auch: Husten, Bonbonpapiergeknister u.v.m.) Applaus zuschalten. Bei der Berliner „Jenufa“ applaudieren die Beteiligten auf anrührendste Weise einander.

„Jenufa“ aus der Staatsoper Berlin steht noch bis zum 15. März in der 3sat-Mediathek. www.3sat.de/kultur/musik

„Der Freischütz“ aus München wird mindestens am heutigen 15. Februar, 19 Uhr, noch einmal ausgestrahlt. Vorgesehen sind ferner Vorstellungen bei den Opernfestspielen im Juli. staatsoper.tv

Evelyn Herlitzius als Küsterin in „Jenufa“ an der Staatsoper Berlin.

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