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Jelinek und Camus: Vor dem Fiskus oder unter dem Tyrannen

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Von: Ulrich Seidler

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Fritzi Haberlandt, Susanne Wolff, Linn Reusse in Jelineks „Angabe der Person“.
Fritzi Haberlandt, Susanne Wolff, Linn Reusse in Jelineks „Angabe der Person“. © Arno Declair

Wettstreit der Staatsformen am Deutschen Theater. Es treten an: Diktatur gegen Demokratie. Albert Camus gegen Elfriede Jelinek.

Mit zwei Premieren an einem Wochenende stellte das Deutsche Theater in Berlin einander zwei Staatsformen gegenüber, was insgesamt fünf anstrengende Stunden in Anspruch nahm. Tyrannei tritt gegen Demokratie an, ein Albert-Camus-Thesenstück gegen eine Elfriede-Jelinek-Textfläche, absolute Freiheit gegen die Mühen beim Ausfüllen der Steuererklärung. Wenn das nicht verlockend klingt!

Auf dem zweiten Platz, vernichtend geschlagen, landet Camus mit „Caligula“. Zum Wesen der Tyrannei gehört, dass sie undramatisch ist. Denn der Tyrann handelt nicht, wie er muss, sondern wie er will. So funktioniert, weil der Unterschied zum unfreien Zuschauer prinzipiell ist, die Identifikation nicht mehr, und zwingende Situationen lassen sich auch nicht bauen, wenn der Protagonist je nach Gusto die Regeln bricht. Deswegen kann man mit Tyrannen auch nicht verhandeln, sie halten sich an nichts. Umbringen und fertig – das ist, bei allem Gerede, das diesen Ausgang verzögert, nicht abendfüllend.

Rhetorische Brillanz und edle Argumente in der Gegenrede sind nicht zu erwarten, wenn auch die Regeln des Denkens dem Willen und der Laune des Kaisers unterworfen sind: „Da ich die Macht habe, werdet ihr sehen, wie teuer die Logik euch zu stehen kommt. Ich werde die Widersprechenden und die Widersprüche ausrotten“, kündigt er an und macht gleich mit dem ersten Axiom einen Fehler, indem er behauptet, dass die Patrizier das Leben nicht achten würden, weil sie den Staatsschatz für lebenswichtig halten. Wieso sollte das eine das andere ausschließen? Aber egal, die Willkür fordert Konsequenzen und die Bürger werden, sobald sie ihr Testament geändert und Rom als Erben ihres Vermögens eingesetzt haben, hingerichtet. Keine nachhaltige Wirtschaftsstrategie.

1938 war Albert Camus als 25-jähriger Dramatiker und Philosoph unerschrocken genug, „Caligula“ dennoch zu schreiben. Der Erfolg hält bis heute an, das Zeitdokument mit Ewigkeitsanspruch wird immer wieder aus der Schublade geholt, um den Freiheitsdiskurs zu erden. Und als solches funktioniert es, denn dem Publikum wird der Gedanke gründlich ausgetrieben, dass es erstrebenswert wäre, konsequent frei zu sein und zu handeln.

In der Inszenierung von Lilja Rupprecht in den Kammerspielen des Deutschen Theaters ist der Tyrann, Elias Arens, nun wirklich kein besonders helles Licht, auch wenn er am Beginn noch so glitzert in seinem Paillettenanzug. Rom besteht aus einer dunklen Aschewanne und ist – auch wenn Nero ein paar Jahre nach Caligula regierte – schon längst abgebrannt. Die untergebenen Herren bringen Farbe in das Ganze, weil sie neben Langhaarperücken und BHs, rote Feinstrumpfhosen oder rote Latexbodys mit Schleife vor der Brust tragen müssen, bevor sie auf eine Weise umgebracht werden, dass das Theater eine Triggerwarnung für nötig hält. Aber auch diese Erwartung wird enttäuscht.

Fast zweieinhalb qualvolle, verblasene, pathetisch gespreizte Stunden suhlt sich der Abend auf der Stelle, bis das sparsame Licht gänzlich erlischt, ironischerweise zu den Worten „Noch lebe ich“, eigentlich müsste es heißen „Noch labere ich“. Dass der freigelassene Sklave Helicon, der Caligula den Mond bringen soll, von vier Mitgliedern des Inklusionstheaters Rambazamba gespielt wird, bringt einen nur für Momente zurück auf die lebensbejahende Spur. Was für ein depressiver Kitsch.

Um den lebenswichtigen Staatsschatz geht es auch in „Angabe der Person“ von Elfriede Jelinek, das am Freitag Premiere und mithin die staatsbürgerliche Freude feierte, Steuern entrichten und ein demokratischen Gemeinwesen mitfinanzieren zu dürfen. Ist es nicht schön, wenn vor dem Fiskus alle gleich sind, sogar eine Literaturnobelpreisträgerin? Gut für das Theater, dass dies nur eine Idealvorstellung ist. Harmonie ist ja auch Gift fürs Drama.

Jeder kennt den Furor, der einen packt, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt. Wenn Elfriede Jelinek die Hutschnur platzt, dann hält sie sich nicht lange mit dem konkreten Prüfgegenstand auf, sondern lässt sich vom Vokabular zwischen Schuld und Abrechnung davontragen, schimpft sich 200 Druckseiten von der Seele, breitet ihre Grundsatzzweifel aus, nimmt die Sachlage mit Lust persönlich, reißt ihre Wunden auf, indem sie ihre jüdischen Vorfahren und deren Leid unter den Nazis hervorkramt, mit dem Erbe der Täter ins Verhältnis setzt, dabei den Aberwitz des Gerechtigkeitsanspruches aufleuchten lässt und abfackelt. Und natürlich lacht sie sich für all das selbst aus.

Das Stück „Angabe der Person“ ist ein Monolog, gespeist aus einem nicht ganz vorschriftsmäßig sortierten Ablageordner, es ist eine biografische Selbstverteidigung, ein Rechenspiel, eine Anmaßung. Man kann es als Buch kaufen oder jetzt im Deutschen Theater, inszeniert von Jossi Wieler und gesprochen von drei großartigen Schauspielerinnen, sehen: Linn Reusse, Fritzi Haberlandt und Susanne Wolff. Ja, das macht Arbeit, aber in diesem Fall lohnt es sich.

Wieler und Jelinek sind künstlerisch seit Jahrzehnten verbunden, der Schweizer ist vielleicht der interessierteste und geduldigste Inszenierer der Österreicherin, „Wolken.Heim“ (1993) und „Rechnitz (Würgeengel)“ (2008) bleiben im Gedächtnis. Im Fall von „Angabe der Person“ hat er sich mit eigenen Deutungen und Bebilderungen noch einmal zurückgenommen. Ungefähr die Hälfte des Textes ist übrig geblieben. Es gibt (Ausstattung: Anja Rabes) eine drehbare Stellwand mit Tür und Fenster, ein rätselhaftes Zählwerk, ein verschnörkeltes Klo, das zwischendurch Nebel ausatmet, den am Tonbandgerät sitzenden Brabbel-Gatten (Bernd Moss) und ein automatisches Klavier, aus dem, sehr stimmungsvoll, aber doch wie fehlprogrammiert romantische Melodien stolpern (Musik: PC Nackt).

Ansonsten geht Text über die Rampe, aufgeteilt in drei Einzelblöcke, zwischen 30 und 45 Minuten lang. Ein anschließendes Sprech-Terzett wird von der Tonbandaufnahme abgelöst, und dann – die Kraft des Publikums ist längst erschöpft – stemmt sich noch einmal Bernd Moss hoch, trottet Richtung Gasse, findet das aufgeschlagene Buch der Souffleuse und liest die letzten Seiten vor, bevor er mit den Achseln zuckt. Nach sehr langen und intensiven zweieinhalb Stunden endet der Abend im Black.

Die virtuose Memorier- und Gedankenbaukunst der drei Jelinek-Spielerinnen in ihrer Verschiedenheit sind des Kenners reine Freude, und man bekommt mehr als genug Zeit, um zu verstehen, dass man nicht hinterherkommt. Linn Reusse ist auf Entdeckungsreise, entfaltet die Worte wie Geschenke, die sie selbst begutachtet und bestaunt, als wären sie ihr eben eingegeben. Fritzi Haberlandt, die die Bühne offenbar genau so vermisst hat wie das Publikum sie, gestaltet und beherrscht ihr Konvolut mit fröhlichster Darstellungslust, nimmt den Text mit brutaler, kumpelhafter, wasserdichter Ironie, die noch die finstersten Gedanken zum bösen Ach-Gottchen-Witz macht. Und Susanne Wolff steigt tief hinein in den Text, raut ihn auf, bewahrheitet ihn mit ein paar lässigen körperlichen und seelischen Andeutungen und verlässt sich auf seine Wucht und seine Wirkung. Denn natürlich steckt mehr in einem Jelinek-Text, als man an einem Abend herausholen kann. Nicht nur im Kontakt mit dem Finanzamt, sondern auch, wenn Elfriede Jelinek einen in die Zange nimmt, kommt man sich doof vor. Hier aber mit mehr Recht.

Deutsches Theater, Berlin: „Angabe der Person“ am 17., 22., 29. Dez., 2., 25. Jan. „Caligula“ am 22., 29. Dez.; 9., 15., 25. Jan. www.deutschestheater.de

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