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Am Boden: Wolfram Koch in unkomfortabler Lage. Aber sein Geld, Katharina Bach, trägt er auf Füßen, während der Tod, Mechthild Großmann, kalten Bluts zuschaut.

Schauspielhaus Frankfurt

„Jedermann (stirbt)“ in Frankfurt: Mitten im Leben ...

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Jan Bosse und Wolfram Koch mit Ferdinand Schmalz’ wortgewandter „Jedermann“-Version im Schauspielhaus Frankfurt.

Sicher liegen die Probleme auf der Hand, aber der Besuch von „Jedermann (stirbt)“ im Frankfurter Schauspielhaus am Abend nach dem Abend, an dem die Stadtverordneten für den Abriss des Gebäudes gestimmt haben, macht nicht nur irgendwie melancholisch. Er macht auch pessimistisch, denn wozu wird sich die Stadt nun aufraffen? Es ist ein wahrhaft großes Haus mit einer wahrhaft großen Bühne. Die Luft vibriert vom Gebabbel, das hängt mit den hohen Erwartungen zusammen, und noch den ganzen Februar über wird es Glück brauchen, um eine Karte zu ergattern. Der Regisseur Jan Bosse ist nach „Richard III.“ Frankfurter Theatergängers allerbester Freund, und auch Wolfram Koch ist wieder dabei. Es ist so voll wie möglich. Aber selbstverständlich befinden sich immer mehr Menschen in einer Stadt außerhalb als innerhalb des Theaters.

„Jedermann (stirbt)“ in Frankfurt

Dabei kommt Ferdinand Schmalz’ „Jedermann (stirbt)“ wie bestellt, um zu dokumentieren, dass die große, riesige, berüchtigt riesige Schauspielbühne in der Doppelanlage der Städtischen Bühnen Frankfurt auch ein Maßstab ist. Wer damit zurechtkommt, kann hier auftrumpfen und Spektakel machen wie an nicht vielen Theatern im Lande. Bosses Bühnenbildner Stéphane Laimé hat Schmalz’ kapriziöse Ortsangabe – „kein garten, der von keinem zaun umgeben, in dem keine exotischen gewächse sich ranken“ und so weiter – pfiffig aufgegriffen. Der Zaun ist kein Zaun, und die Teile, die hier herumliegen, sind keine Pflanzen und so weiter. Der erste Eindruck ist der einer Manege oder eines Bärenzwingers, bis man dann doch an einen Garten denkt. Der Zaun, der kein Zaun ist, schon alleine, weil jedermann hindurchgehen kann, besteht aus zur Mitte hin gebogenen Metallstangen, die also eher den Aus- als den Einbruch verhindern würden. Aber es ist kein Zaun, wie gesagt.

„Jedermann (stirbt)“ mit „Tatort“-Star Wolfram Koch

In der Mitte gibt es ein flaches Wasserbassin, schneeweiße von Riesen abgelutschte Steine, die zu begehbaren Podesten gestapelt sind, und zahlreiche bläuliche Ballons, die durch etwas Wasserbefüllung am Boden gehalten werden. Einige sind präpariert und stellen im Laufe des quietschfidelen Geschehens eine fantastische Elastizität unter Beweis: unter anderem als Gummiband-Folterinstrument und als lustiger Herrenbusen. Noch über das Dümmste ist gut lachen, wenn Wolfram Koch sich seiner annimmt.

Nein, das ist kein Garten, aber es kommt einem Garten so nahe, wie es der Situation angemessen ist. Denn der österreichische Dramatiker Schmalz negiert hier vergnügt die Vorlage, Hugo von Hofmannsthals Salzburger Festspielklassiker „Jedermann“, das „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“. Aber zugleich hält er ihr auf gewisse Weise die Treue. Seine Nach- und Neudichtung entfernt sich in der Sache nicht so fundamental von der Vorlage. Komplett entfällt die moralische Belehrung, und obwohl Gott und Teufel inkognito im Spiel sind, gibt es keine fromme Hoffnung. Jedermann stirbt bloß. Komplett entfallen auch die Hofmannsthal’schen Verse. Wer immer schon unter ihnen litt, kann sich jetzt alternativ dazu mit Schmalz’schen Wortspielen eindecken.

„Jedermann (stirbt)“ hat den Chor ins Publikum gesetzt

Seine sprachliche Vergegenwärtigung, zu der zahlreiche Hiebe gegen die Finanzwelt gehören, aber auch gegen Leute, die mal was spenden, aber kein Steuerschlupfloch auslassen, wurde vor einem Jahr in Wien uraufgeführt und in Österreich schon mehrfach nachgespielt. Dass die Frankfurter Inszenierung die deutsche Erstaufführung ist, hängt offenbar damit zusammen, dass der Autor bereit war zu warten, bis Jan Bosse Zeit hatte.

Schmalz’ sympathischer Ansatz, das Original (selbst ja eine krass aus der Zeit gefallene Imitation, die eigentlich nur noch Hülle ist) an Pep zu überbieten, es aber nicht lächerlich zu machen – was unangenehm einfach wäre –, wird von Bosse dezent mitgetragen. Vieles ist grell und wird durch Kathrin Plaths glamouröse, aber mehr noch bizarre Kostüme noch greller. Späße und Leichtfertigkeiten fliegen hin und her. Witze, die sich zwischendurch am Wegesrand fanden, wurden nicht liegen gelassen.

„Jedermann (stirbt)“ - Investmentbanker im Zentrum des Geschehens

Das Grelle unterbrechen aber die Prosa und das Subtilere: Wenn in Frankfurt beiläufig salzburgische „Jedermann“-Rufe erschallen, dann kommen sie immer irgendwie zur Unzeit, oder etwas anderes ist gemeint. Wenn der Chor, ins Publikum gesetzt und unter der Leitung von Michael Weber – ein Frankfurter Chor, der Der Chor heißt –, ein Lied von Tod und Ewigkeit intoniert, wird der Ernst des Augenblicks nicht unterminiert – auch wenn sich der Teufel („die (teuflisch) gute Gesellschaft“) die Ohren zuhält. Das ist der cool ungenießerisch mephistophelische Heiko Raulin, auch er im Glitzerteil. Der Tod, eine sehr abgeklärte Mechthild Großmann, ist tödlich und sieht auch so aus, aber sie und Wolfram Koch unterhalten sich zivilisiert und wie auf Augenhöhe.

Kochs Jedermann: Das Zentrum des Geschehens. Bei Schmalz ist er ein Investmentbanker – was ulkigerweise auch mit Blick auf die diese Woche startende neue Staffel von „Bad Banks“ fast schon wieder altmodisch wirkt –, Koch gestaltet das aber unerwartet. Nicht nur, indem Plath für ihn eine gnadenlose Kostümierung vorsieht: Weiße Unterwäsche, angeschnallter Bauch, weiße Kniestrümpfe, schwarze Herrenschuhe, ein schwarzer Hut, der der obligatorischen Kopfbedeckung von Ferdinand Schmalz gleicht wie ein schwarzer Hut dem anderen. Nur selten bedeckt ein festlicher Mantel das Trauerspiel des menschlichen Körpers (obwohl es sogar ein stählerner ist, der liegende Koch kann Katharina Bach als komplettgoldenen Mammon auf den Füßen balancieren, ohne zu zittern).

„Jedermann (stirbt)“ mit Karikaturen und zwielichtigen Gestalten

Und doch: Kochs Jedermann ist überhaupt keine Karikatur. Es wird gelacht, wenn er über die Bühne stolziert, aber eigentlich nicht zu Recht, zumal er im Grunde auch nicht stolziert, sondern geht. So sieht das aus, wenn ein leichtbekleideter, bauchiger Mensch geht. Koch lacht auch, ein routiniertes, geschäftlich vermutlich tausendfach angewendetes, aber kein verblödetes Lachen. Die lächerliche Aufmachung trägt er mit Würde und Nonchalance. Obwohl sein Jedermann offenbar ein Fatzke ist, lärmt er selten herum, die Angst vor dem Sterben macht ihn dann noch etwas stiller. Ein Mensch, ein Jedermann. Das ist es, was den Abend, zweieinviertel Stunden, keine Pause, wirklich schillern, nicht bloß glänzen lässt.

Um ihn her tummeln sich die Karikaturen und zwielichtigen Gestalten: Isaak Dentler und André Meyer als „dicker und dünner vetter“ (spaßeshalber so herum) gehören dazu, im peinlichen Wohlstands-Gangsta-Look. Eine komödiantische Einlage hoher Güte ist Katharina Bachs Auftritt als „gute werke“: Eine von der Decke gelassene zappelnde, ausgelaugte, zu Tode genervte Charity. Manja Kuhl als „jedermanns frau“ bleibt dagegen weitgehend beschäftigungslos, eine statuenartige Dekoration. Peter Schröder ist ein erfrischend humorloser „armer nachbar gott“ – immer wieder wechselt auf diese Weise der Tonfall, geschickt und lebhaft.

In Frankfurt endet es vor dem Schlusstableau, also mit Jedermanns Tod statt mit der Trauerfeier: Großmann und Koch sprechen eine Weile darüber, dass wir mitten im Leben vom Tod umfangen sind: „in wahrheit sind wir lebend tot. von anfang an.“ So bekommt man einen Schreck, und doch dringt Schmalz nicht in Tiefen vor, die dem Publikum unvertraut sein müssen. Einerseits will man sich dadurch sogleich den Stimmen anschließen, die gerne einmal die Schmalz-Version vor dem Salzburger Dom sehen würden. Andererseits fällt der Applaus in Frankfurt vielleicht auch dadurch eher freundlich als euphorisch aus.

Schauspiel Frankfurt:3., 7., 12., 13., 21., 23. Februar, 12., 13., 22., 23. März, 11., 12. April. www.schauspielfrankfurt.de

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