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Jedermann Tobias Moretti und Caroline Peters als neue Buhlschaft.

Salzburger Festspiele

Der Teufel ist unbewaffnet

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Auch der „Jedermann“ vor dem Salzburger Dom wird hundert und ist entgegen den berichteten Ereignissen nicht totzukriegen.

Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern, jetzt war es wieder so weit, zum hundertsten Geburtstag, den er zusammen mit den Salzburger Festspielen feiert. Die Wiederaufnahme von Hugo von Hofmannsthals vielbespötteltem, heißgeliebtem Dauerbrenner, dieser insofern einmaligen Verbindung aus Mysterienspiel, Kasperletheater und Berühmte-Schauspieler-Gala musste prosaisch ins Festspielhaus verlegt werden. Aber die besuchte Vorstellung fand vor dem Dom statt, wo sie hingehört und gut ausschaut, aber es war auch eine Vorstellung um 17 Uhr: die Hitze brutal, die Illumination vergeblich. Dafür der Dom vor knallblauem Himmel, die weißen Stoffbahnen des Vorhangs wehten eindrucksvoll (wenn auch kein Hauch des Windes hier herunten ankam).

Auf dem Programm steht weiterhin die Inszenierung von Michael Sturminger, die 2017 nachbestellt wurde, als mit der nicht sehr glücklichen Vorgängerproduktion angesichts von Umbesetzungen anscheinend kein Zurechtkommen mehr war. Sturminger setzt die Profanisierung des Werkes wacker fort, übergießt alles mit der stets angeschrägten Musik von Wolfgang Mitterer, lässt Jedermann von einer schicken Umnutzung des Doms träumen – natürlich: was für Räumlichkeiten! – und expediert ihn schließlich in ein Krankenhausbett. Der ebenfalls 2017 gekommene neue Titelheld Tobias Moretti prägt den Abend als großer Schauspieler und offensiver Nichtgroßschauspieler, die körperlichen Leiden werden ausgestellt wie in einem anderen Film und weisen auf einen Hirntumor hin. Moretti versucht, wirklich einen Mann zu zeigen, für den mit einem Mal alles wegbricht – in einem dramatischen Effekt ja auch der herunterklappbare Boden unter seinen Füßen, Ausstattung: Renate Martin, Andreas Donhauser. Moretti setzt aber gerade nicht auf Effekt. Schwierig.

Denn um ihn herum entwickelt sich dann doch das übliche Defilee von mehr oder weniger lustigen Prominentenauftritten, in das sich auch die neue Buhlschaft Caroline Peters letztlich einreiht. Dabei hat sie einen guten Auftritt, als sie nicht etwa aus der riesigen Torte springen kann, sondern zu spät eintrifft, eilig am Plastikbackwerk hochklettern muss und eine eigenwillige Version von „Happy Birthday, lieber Herr Jedermann“ singt. Nachher geht aber auch diese Geschichte schlicht und einfach zu Ende.

Dazwischen die noble Edith Clever als Jedermanns hier wahrlich unantastbare Mutter oder Gustav Peter Wöhler als fideler Dicker Vetter, Peter Lohmeyer als androgyner Tod, Mavie Hörbiger als ziemlich luderhafte Werke und Gregor Bloéb mit einer possenhaften, sehr witzigen Teufelsnummer. Der Teufel ist unbewaffnet, wohingegen der reglos wie John Wayne auftretende Glaube, Falk Rockstroh, seine Kreuze als Colts einzusetzen weiß. Verflixt.

Trotzdem liegt Lieblosigkeit vor allem über den Großszenen, selbst wenn oder gerade weil auf Kommando auch getanzt oder erschreckt geguckt wird. Wir können gleichwohl vermelden: Im Publikum wurde gelacht, es wurde sogar geweint, Fünkchen (keine Tropfen!) sprangen über. Und anders als Jedermann hat das Stück jedes Jahr wieder eine Chance.

Salzburger Festspiele vor dem Dom (bei schlechtem Wetter im Festspielhaus): 13., 14., 17., 20., 22., 23., 24., 26. August. www.salzburgerfestspiele.at René Pollesch: „Ich möchte nicht sitzen bleiben auf dem, was ich geschrieben habe“

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