1. Startseite
  2. Kultur
  3. Theater

Jan Böhmermann in Frankfurt: Was ist sein Geheimnis? Seine Philosophie?

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Volker Schmidt

Kommentare

Moderator Jan Böhmermann, Preisträger in der Kategorie Bestes Buch Unterhaltung, bei der Verleihung des Deutschen Ferns
Jan Böhmermann. © IMAGO/Christoph Hardt

Ein politischer Abend mit Jan Böhmermann in der knallvollen Frankfurter Jahrhunderthalle.

Die Weltraumexpedition beginnt im Verkehrskollaps. Jan Böhmermann und das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld (RTO) verschieben den Start von „Ehrenfeld Intergalactic“, bis alle den Weg durch Schneegestöber und Parkchaos in die Frankfurter Jahrhunderthalle geschafft haben. Dann ertönt die Titelmusik zu „Raumpatrouille Orion“ – leider vom Band; man hätte den wohl besten deutschen Fernsehsoundtrack gern vom RTO gehört. Nach dem instrumentalen Jackson-Five-Stück „Can You Feel It“ kommt Böhmermann mit dem pandemischen Apres-Ski-Wummerer „Ischgl-Fieber“. Ob seine Bühnenjacke wirklich vom idiotisch überteuerten Label Balenciaga stammt, wie er immer wieder betont: Es bleibt nicht die einzige Ambivalenz an diesem „politischen Liederabend“.

„Böhmi“ covert Rocko Schamonis „Gegen den Staat“, einen süffisanten, Song über sich von einer großen Macht ferngelenkt fühlende Benz-Fahrer. Er besingt als gangstarappender POL1Z1STENSOHN die Macht der Justiz („Recht kommt“) und den Swag des Gewaltmonopols („Ich hab Polizei“). Und er disst mit „Rainer Wendt, Du bist kein echter Polizist“ den Vorsitzenden der Zwerggewerkschaft DPolG als „menschgewordenen Räumpanzer populistischer Sicherheitspolitik“.

Die Reizfigur für Querdenker, Rechtsextreme und „Welt“-Herausgeber Stefan Aust ist unter dem blasenförmigen Dach der Jahrhunderthalle konsensfähig. Als abgebrochener Historiker erinnert er an die Verstrickung der Hoechst AG, Erbauerin der Halle, in den Holocaust. Einen Angriff auf unzureichende Radwege der Stadt konnte er am Abend vorher in Köln mit größerer Ortskenntnis reiten; seine Zeit als Moderator der hr3-Morningshow ist länger her.

Das Propagandalied „Meinst Du, die Russen wollen Krieg?“, 1961 über den Eisernen Vorhang geworfen, müsse man nun zurückwerfen. Das Vokalquartett „Jade-Buben“ unterstützt bei retro-gewandeten Songs wie diesem und dem verwandelten Kay-One-Cover „Style & das Geld“, in dem Pejorative für primäre weibliche Geschlechtsorgane fast schon salonfähig klingen.

Richtig gute Musik

Von der Singstimme Böhmermanns können sich viele hauptberufliche Musiker etwas abschneiden. Und mit dem großartigen RTO und seiner Mixtur aus Synthesizer, Big Band und Funk verbrächte man gern einmal einen völlig apolitischen Tanzabend. Hier liegt der instrumentale Schwerpunkt im All, mit dem Soundtrack von „Captain Future“ etwa, dem Beastie-Boys-Cover „Intergalactic“, und war das nicht eben ein Schnipsel Planeten-Suite?

Ach, das richtige Leben im falschen: Das „Kampflied der Paketkuriere“ dürfte wenige in der knallvollen Halle abhalten, bei Amazon & Co. zu bestellen, und das verkehrspolitische Manifest „Warum hört der Fahrradweg einfach hier auf?“ tritt in Kontrast mit den SUV auf dem Parkplatz, deren Standheizung noch vor Konzertende anläuft. „Warum dies, warum das und was ist seine Message“, singt der „Blassedünnejunge“ in seinem „Asi mit Abi“-Rap „Mit herz und faust und zwinkerzwinker“: „Okay, jetzt kriegst du Message in die Fresse.“

Auch interessant

Kommentare