Wie die Kreuzung einer Orchidee mit einem Hampelmann: Tänzerin Anne Jung. Dominik Mentzos
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Wie die Kreuzung einer Orchidee mit einem Hampelmann: Tänzerin Anne Jung.

Tanz

Jacopo Godani „Selflessness“: Das lebendige Museum

  • vonMarcus Hladek
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„Selflessness“, eine bewegte Installation der Dresden Frankfurt Dance Company im Bockenheimer Depot.

Von den Herausforderungen und Hindernissen der Künste in Corona-Zeiten hat man noch nicht alles, aber viel zu viel gehört. Wann und wie geht es endlich weiter, lautet die bange Frage, auf die „Selflessness“, die neue Performance-Installation des Choreografen Jacopo Godani und der Tänzerinnen und Tänzer seiner Dresden Frankfurt Dance Company auf fünfzehn Stationen im Bockenheimer Depot, eine erste Antwort sucht. Gezeigt wird das Stück, dessen Titel die Ich- und Selbstlosigkeit beschwört, noch vom 19. bis 21. Juni: mit Masken- und Abstandspflicht.

Basis des Projekts waren Clips der Künstler aus der Kontaktbeschränkung. Auf sich zurückgeworfen, wahrten sie Bindung und Disziplin, indem sie sich nach Godanis Idee mit möglichst fantastischen Stoffen und Dingen kostümierten, die Gesichter bedeckt haltend. Wie die parallel vorliegenden „Vimeo“-Filme ihrer musikunterlegten Darbietungen zeigen, war so der Weg zu den „lebenden Skulpturen“ vorgezeichnet, die sich uns heute im Depot zeigen und zuwenden.

Der Anteil des Installativen vor der Performance ist groß. Wer das Bockenheimer Depot von vorne rechts betritt, findet sich in der fast sakral abgedunkelten Halle wieder und beginnt einen Rundkurs gegen den Uhrzeigersinn, der uns in rund 25 bis 40 Minuten um die maskierten Tänzerinnen und Tänzer führt.

Die tragenden Strebesäulen und eine Linie am Boden markieren die Grenze, die Tänzer sitzen, stehen und agieren ortsfest wie beleuchtete Museumsvitrinen im Mittelschiff des Tramdepots, das einem Kirchen- oder Raumschiff gleicht. Entscheidend sind die Kostüme (Masken), Aktivitäten der Künstler und ihre Interaktion mit uns. Untereinander kommunizieren sie nur klanglich. Exponate sind keine Socialiser. Wo die häuslichen Einzelperformances anarchische Vielfalt boten, hat Jacopo Godani seine „lebenden Skulpturen“ gleichgestimmt und gedämpft.

Ihre Kostüme sind noch bunt, nun aber stylish edel-bunt und geschneidert, wo man im Video Reste aus dem Kleiderschrank erkannte. Sam Young-Wright ergeht sich vorn am Boden als Torwächter in Silberglitzer mit überlangen Ärmeln, Beinen und Kopfmaske. Felix Berning lagert hinten, an der Wende dieses Circus Maximus, als amorpher Klops in Rot. Anne Jung, die Letzte vor dem Rettungsfolien-Mann Tars Ian Vandebeek, sieht aus wie die Kreuzung einer Orchidee mit einem orientalischen Hampelmann und lässt Arme und Beine fliegen. Und so fort.

Statt dass jeder seinen Rhythmus, Klangpegel und so weiter behauptet, sind sie alle einem lebenden Museum oder Zoo eingegliedert, geben kleine Klagelaute und Geräusche wie Tierstimmen oder Horrorfilmästhetik von sich. Sie wurden „selfless“: das Schrille erst gewollt, dann zurückgenommen.

Den Betrachter erinnern ihre verrückten Kostüme, die für Köpfe wie Ameisenbären und Gliedmaßen wie Stabheuschrecken sorgen, an Luc Bessons opernhaften SciFi-Film „Das fünfte Element“ mit Milla Jovovich. Andere mögen an „Per Anhalter durch die Galaxis“, an Weltraumzoos und an die jüngste schreckliche Fernsehmode mit kostümierten Sängern denken.

So ansprech-wütig aus der Covid-Matratzengruft zu steigen, ist immerhin ein Zeichen von Lebendigkeit.

Dresden Frankfurt Dance Company im Bockenheimer Depot: 19. bis 21. Juni. dresdenfrankfurtdancecompany.com

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