Schauspiel Frankfurt

Isaak Dentler „Werthers Leiden“: Gegen die Wand

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Isaak Dentlers Solo „Werthers Leiden“ in den Frankfurter Kammerspielen.

Ein weißes Klebeband als Begrenzung zum Zuschauersaal, ein mahnendes „nich’ da rüber“, das muss reichen als Corona-Referenz. Ach ja, Schere (für einen Scherenschnitt von Lotte) und Pistole dürfen nicht aus dem Publikum zugereicht werden. Dieses wäre mehr als bereit gewesen. Man ist ja heutzutage so froh, wenn einem einer was vorspielt, fast exklusiv, wenn Isaak Dentler einem in den Frankfurter Kammerspielen ein Werther-Urviech gibt, dass man ordentlich was zu gucken hat und ihm, also Werther, sogar ein Geburtstagsständchen singt. Dentler dirigiert.

Knapp zehn Jahre alt ist zwar das Solo „Werthers Leiden“ nach Goethe, das der Schauspieler sich damals gleichsam auf den Leib inszeniert hat. Als das Frankfurter Schauspiel sich nun zurückzumelden begann, mit sparsam besetzten Sachen, bot sich eine Verwertherung des durchaus munteren Einstünders an; Dentler gehört zudem immer noch zum Ensemble.

Durchaus munter: Dentler hatte einst auf eine lässige, poppig angehauchte Oberfläche gesetzt, auf Musikeinspielungen wie das westernatmosphärische „Sugar Man“ von Sixto Rodriguez. Er malt sein Gesicht – Punkt Punkt Strich, lange Haare, Bart – auf einen Luftballon und lässt ihn platzen. Er malt später mit Kreide eine Punkt-Punkt-Strich-Lotte an die Rückwand, inklusive Brüste. Er hat „Werthers Echte“ dabei, die inzwischen „Werther’s Original“ heißen (das sei wie bei Raider und Twix) und schleudert sie ins Publikum wie Kamelle. Er hat sogar drei Flaschen Bourbon dabei, eine trinkt er auf ex, spuckend und nach Luft schnappend.

Da arbeitet sich einer ab, darstellerisch. Zieht alle Register. Schwitzt in Anzug und Mantel. Ist dann der Feinrippunterhemd-Rebell. Kiekst ein „sehr schwüüiiil“, rennt gegen die Wand, aua, macht vor einem Paar altrosa Pumps Liegestütz, lässt sein Herz brausen, die Tage rasen, beginnend mit dem 4. Mai 1771. Der August macht einen „44. August“ nötig, dann gleich Billionen, so unaufhörlich, so lang muss Werther weinen, schluchzen, heulen. Dann kommt auch schon die Zeit des „Scheißtannenbaums“.

Und dann macht er Schluss, im Blackout. Das ging schnell, denn natürlich langweilt man sich nicht bei so viel schauspielerischem Furor. Allerdings ist dieser Werther ein weinerliches, eitles Bübchen (woher kennt man das gerade?), dass man mit ihm fühlt, darauf scheint es Isaak Dentler nicht anzukommen.

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