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„Da kann man nicht absagen“, sagt Martin Kusej.

Interview

Intendant Martin Kušej: „Ich bin keine Bürgerbewegung oder Opposition“

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Martin Kušej, scheidender Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels, über moderne Theaterleitung und die Erwartungen an den künftigen Burgtheaterdirektor.

Martin Kušej, 1961 in Wolfsberg in Kärnten geboren, hat Sportwissenschaft, Deutsche Sprache und Literatur in Graz studiert, anschließend ebendort Regie. In den neunziger Jahren war er Hausregisseur am Staatstheater Stuttgart, anschließend für zwei Jahre Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele. Seit 2011 leitete Kušej das Bayerische Staatsschauspiel München. 2017 wurde bekannt, dass er von der nächsten Spielzeit an Direktor am Burgtheater Wien ist. Hier folgt er auf Karin Bergmann, während in München Andreas Beck die Intendanz des Residenztheaters übernimmt.

Ein Abschiedsfest feiern Kušej und sein Team am Mittwoch auf dem Marstallplatz, Beginn ist um 17 Uhr. Das Buch zur Intendanz von Martin Kušej trägt den Titel „Der Erde ist gewaltig schön, doch sicher ist sie nicht“ und ist im Hanser Verlag erschienen, 352 Seiten, 25 Euro.

Herr Kušej, als der Verein der Freunde des Residenztheaters Ihnen den Kurt-Meisel-Preis verliehen hat, haben Sie den Zuschauern ein Kompliment gemacht: „Dieses Publikum ist nicht besser als sein Ruf. Es ist einfach besser.“ Dann erklärten Sie: „Man muss immer Wien dazudenken bei allem, was ich sage.“ Wie viel Koketterie steckt in dieser Aussage und wie viel Wahrheit?
Koketterie liegt mir grundsätzlich fern, ich sage immer die Wahrheit (Kušej lacht). Es gibt eine liebevolle Beziehung zum Münchner Publikum – und das wollte ich zum Ausdruck bringen. In Wien beginne ich mit meiner Charmeoffensive ja gerade erst.

Wobei die Münchner es Ihnen zu Beginn nicht leicht gemacht haben.
Ich war tatsächlich überrascht, dass hier eine gewisse Sturheit herrscht. Ich glaube, das ist nichts Persönliches. Der Bayer, die Bayerin sind zunächst einfach skeptisch, wenn es etwas Neues gibt – das geht bis ins Theaterpublikum hinein. Damit mussten wir uns auseinandersetzen, wir haben an ein paar Schrauben gedreht und gesagt: Okay, wir ziehen es anders auf. Wir sind jetzt trotzdem gelandet, wo wir landen wollten, aber der Weg war ein bisschen ein anderer.

Mit welchem Gefühl verabschieden Sie sich?
Ich gehe mit einem sehr guten Gefühl weg, weil ich glaube, dass ich ein wohlbestelltes Haus übergebe. Wir haben dem Residenztheater in der deutschsprachigen Theaterszene einen sehr guten Ruf beschert. Und wir haben die Aufgabenstellung der Politik, unter der ich vor acht Jahren begonnen habe, absolut erfüllt: das Haus zu verändern und einen Neuanfang zu wagen. Wenn ich jetzt beim Ausräumen die Stapel der Programmhefte anschaue und sehe, was und wie viel wir hier gemacht haben, dann macht mich das auch stolz.

Ihr erstes Spielzeitmotto lautete: „Hier werden [keine] Wunder geschehen“. Welcher Satz trifft rückblickend zu?
(Lange Pause.) Dass keine Wunder geschehen sind.

Was ist stattdessen passiert?
Es war eine komplett kontinuierliche, ehrliche Theaterarbeit. So.

In Ihrer ersten Spielzeit sackten die Zahlen auf 66,92 Prozent – seitdem ging es eigentlich immer bergauf. Ein Erfolg?
Das kommt darauf an, wie man Erfolg definiert. Aber aktuell 82,59 Prozent Auslastung – das ist schon ein sehr guter Wert.

Trotzdem hat nicht alles funktioniert. In Ihrer ersten Spielzeit hatten Sie etwa die Idee, im Cuvilliéstheater nur Uraufführungen zu spielen. Da ging jedoch das Publikum nicht mit. Was hat in den acht Jahren außerdem nicht so funktioniert, wie Sie sich das erhofft hatten?
Ich bin heute Morgen noch nicht dazu gekommen, so tief in meiner Erinnerung zu kramen. Außerdem tendiere ich dazu, Misserfolge zu vergessen. Aber ich hätte mir von der überregionalen, publikumsunabhängigen Aufmerksamkeit mehr fürs Residenztheater gewünscht. Bezogen auf Regisseure, Ensemble und Spielplan ist das Haus in den Top Ten – trotzdem hätte ich mir mehr Wertschätzung gewünscht für das, was wir hier tun. Wir müssen nicht darüber reden, dass die ein oder andere Inszenierung schiefgegangen ist. Aber dass zum Beispiel der Abend „In Agonie“ mit Stücken des kroatischen Schriftstellers Miroslav Krlea hier – und das zitieren Sie bitte wörtlich – keine Sau interessiert hat, hat mich echt enttäuscht.

Und die Erfolge?
„Die bitteren Tränen der Petra von Kant“. Mit 119 Vorstellungen ist das quasi die Flagship-Inszenierung gewesen, die sich durch diese acht Jahre gezogen hat.

Es hätten sich viele Zuschauer und auch das Kunstministerium gewünscht, dass Sie die zehn Jahre vollmachen. Das stand nicht zur Debatte?
Das stand grundsätzlich schon zur Debatte. Nach meinen ersten fünf Jahren, die wirklich alle Höhen und Tiefen des Intendantendaseins beinhaltet haben, dachte ich: Jetzt reicht’s – ich möchte mal wieder nur als Regisseur arbeiten. Andererseits hatte ich das Gefühl, noch nicht fertig zu sein, und habe deshalb um weitere fünf Jahre verlängert. Allerdings hatte ich eine Ausstiegsklausel im Vertrag – die war auch meiner körperlichen Verfasstheit geschuldet. Ich habe psychisch und physisch ganz schön Raubbau mit meinem Körper getrieben und deshalb Strukturen geändert. Dann kam das Angebot aus Wien, und da kann man bekanntlich nicht absagen.

Das muss man als Theatermensch einfach machen?
Ganz ehrlich: Wenn ich damals schon alle Dinge gewusst hätte, die ich heute weiß, hätte ich es mir genauer überlegt. Das ist schon ein großer Unterschied, vom Residenztheater ans Burgtheater zu gehen. Es ist in keinem Fall das Paradies oder für was die Menschen sonst landläufig den Job des Burgtheaterdirektors halten.

Worin unterscheiden sich die Häuser vor allem?
In ihrer Organisationsform. München ist ein Regiebetrieb, kameralistisch organisiert – in Wien habe ich es mit einer Holding zu tun, deren Tochterunternehmen ich als künstlerischer Geschäftsführer leite. Da klingt Staatsintendant doch besser (Kušej lacht).

War es Ihr Lebenstraum, im Direktorenstuhl des Burgtheaters zu sitzen?
Nein. Das wird mir immer wieder unterstellt, aber ich habe mich aus einer sehr sachlichen Überlegung heraus zur Zusage entschieden. Dass ich ein Theater leiten kann, ist klar. Mich interessiert dabei vor allem die Frage, wie das Burgtheater etwa auf die Schwierigkeiten reagiert, die auf die Kultur im Allgemeinen zukommen.

Welche Herausforderungen sehen Sie?
Zum Beispiel: Was machen wir, wenn die Zuschauer ausbleiben, weil sich die Kinder nicht mehr für Theater interessieren? Oder: Wie begeistern wir in digitalen Zeiten die Menschen für Schauspieler aus Fleisch und Blut? Oder: Wie gehen wir mit der Sprachenvielfalt um? Kann man noch sagen, wir machen deutschsprachiges Theater, wenn die halbe Stadt bereits in anderen Sprachen spricht?

Ist die Organisationsform von Theater mit dem Intendanten an der Spitze überhaupt noch zeitgemäß?
Das ist ja heute schon nicht mehr so. In Wien wird das total übertrieben mit dem Fokus auf den Burgtheaterdirektor. Aber man kann doch ein Theater gar nicht anders leiten als im Team. Um mich sind mindestens sieben Menschen, die in verschiedenen Bereichen mitentscheiden. Niemand kann heutzutage ein Theater einsam und autoritär leiten. Das habe ich hier nicht so gemacht, und das mache ich in Wien nicht so. Wiewohl ich natürlich auch dafür bezahlt werde, dass ich schlussendlich die alleinige Verantwortung trage.

Sie beginnen in Wien in politisch spannenden Zeiten: Die Wahlen und der Start Ihrer Intendanz fallen quasi zusammen. Wie politisch wollen Sie Ihr Amt angehen?
Von mir wird wahnsinnig viel erwartet in dieser Richtung, weil ich bekanntermaßen ein politisch agierender Mensch bin. Dieser Erwartungsdruck ist mir fast ein bisschen zu groß. Ich bin keine Bürgerbewegung oder Opposition. Ich bin ein Mensch, der in der Öffentlichkeit steht, und habe von Martin Roth (dem 2017 gestorbenen Museumsdirektor, zuletzt des Victoria and Albert Museum in London, Anm. d. Red.) deutlich aufgetragen bekommen, dass man zu seiner Haltung stehen muss. Dafür habe ich ihn bewundert – und das versuche ich auch. Der Posten in Wien ist sicher noch sehr viel öffentlicher als in München. Das werde ich nutzen.

Als Sie 2017 zum Burgtheaterdirektor bestellt wurden, wirkten Sie in einem Moment bei der Pressekonferenz sehr emotional: Sie nannten Ihre Berufung auch einen Erfolg für die Minderheit der Kärntner Slowenen, der Sie angehören ...
Das stimmt. Ich komme aus einem sehr bäuerlich geprägten Gebiet, ein paar Tausend Menschen zählen die Kärntner Slowenen heute noch. Von diesen Menschen, die in ihrem Leben noch nicht in ein Theater gegangen sind, bekomme ich sehr viel Feedback. Die sagen: Danke, dass du das tust, danke, dass du uns erwähnst, danke, dass du den Mund aufmachst und uns vertrittst. Das hat mich überrascht, weil ich durch meine lange Abwesenheit aus Österreich nicht dachte, dass es noch eine Rolle spielt. Hier in Bayern weiß das niemand, und es interessiert auch keinen. Jetzt zurück in Österreich merke ich, dass ich als Künstler noch eine andere Verantwortung als nur für mich selbst habe. Deshalb muss ich diese Arbeit am Burgtheater auf jeden Fall machen: Denn es gibt da Menschen, die einen brauchen, einen, der sich traut, den Mund aufzumachen und seine Haltung öffentlich zu vertreten. Ohne Angst, mit Zuversicht!

Interview: Michael Schleicher

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