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„Die Menschen werden sich erst wieder daran gewöhnen müssen, sich einfach dicht neben einen Fremden zu setzen“, sagt Weber.
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„Die Menschen werden sich erst wieder daran gewöhnen müssen, sich einfach dicht neben einen Fremden zu setzen“, sagt Weber.

Schauspiel Frankfurt

Intendant Anselm Weber: „Wir sind weit weg von einer Normalität“

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Der Frankfurter Schauspielintendant Anselm Weber über Zweckpessimismus, eine beinhart analoge Haltung zum Theater und einen Vertrag, den er nicht mehr unterschreiben würde.

Herr Weber, vor einem Jahr um diese Zeit waren die Theater gerade wieder offen. Hätten Sie sich damals vorstellen können, dass der wirkliche Härtetest noch bevorstand?

Im Mai vor einem Jahr dachte ich: Wir sind gut vorbereitet, wenn wir jetzt so weitermachen, können wir uns im Januar der Normalität nähern. Es zeigte sich allerdings auch hier, dass mein recht ausgeprägter Zweckpessimismus eigentlich immer richtig lag. In fast allen Runden war ich derjenige, der am meisten gebremst hat. Fast immer lag ich damit auch richtig. Womit ich allerdings nicht gerechnet habe, ist, dass die Zahlen jetzt so schnell runtergehen. Aber auch wenn wir wieder spielen können, bleiben die Einschränkungen auf und hinter der Bühne bestehen. Zehn Quadratmeter pro Person in Garderoben und Masken: Das und vieles mehr gilt weiter. Wir sind weit weg von einer Normalität.

Wann wird sie kommen, Stand jetzt und eingedenk Ihres Zweckpessimismus?

Wir haben den Zuschlag für das Theater der Welt 2023 und sind jetzt gerade im Gespräch mit unterschiedlichen Teams aus aller Welt. Sommer 2023: Da sollten wir von Normalität sprechen können. Ich hoffe, dass wir im Laufe der nächsten Spielzeit an einen Punkt zurückkommen, an dem wir Dinge wieder verlässlich planen können.

Ihr Opern-Kollege Bernd Loebe hat angedeutet: Normalbetrieb vielleicht ab Januar, wobei es da vor allem um die vollbesetzten Zuschauersäle ging.

Komplexes Thema, die Situation in den Zuschauerräumen ist das eine, die Bühne und dahinter etwas anderes. Ob wir womöglich im Verlauf des Herbstes über das Schachbrett in eine Vollbesetzung gehen können, müssen wir abwarten. Ich gehöre im Übrigen auch zu denen, die gar nicht sicher sind, wie das Publikum reagiert. Die Menschen werden sich wieder daran gewöhnen müssen, sich einfach dicht neben einen Fremden zu setzen, noch dazu ohne Maske. Ich glaube gar nicht, dass das so schnell wieder gehen wird.

Wenn Sie gewusst hätten, wie lange es dauert: Was hätten Sie anders gemacht? Mehr gestreamt?

Ich muss ehrlich sagen, dass ich kein Freund des Streamens bin. Die Zahlen geben mir auch recht. Nehmen Sie das Berliner Theatertreffen. Weltweit, umsonst, ein wirklich wichtiges Festival. 300 bis 1000 Menschen schalten sich ein. Das ist doch bezeichnend.

Das Schauspiel Frankfurt hat ein paar interessante Filme hergestellt.

Das sind Versuche, etwas Neues zu machen. Das ist Nuran David Calis mit „NSU 2.0“ unbedingt gelungen, auch Alexander Eisenachs „Eternal Peace“ und Jessica Glauses Umsetzung von „Eine posthumane Geschichte“ versuchen, mit einer anderen Situation auch ganz anders umzugehen. Das überzeugt mich. Aber wenn wir irgendetwas in den vergangenen 14 Monaten gelernt haben, dann, dass Theater aus der Symbiose zwischen Publikum und Schauspielerin und Schauspieler besteht. Und dass Menschen ins Theater gehen, um andere Menschen zu treffen. Menschen wollen Menschen treffen. Das klingt banal, aber das ist es nicht.

Hat sich da in den vergangenen Monaten etwas verschoben?

In der internen Kommunikation hat sich sehr viel verschoben, vereinfacht und rationalisiert. Mindestens einmal im Monat hatten wir jetzt ein Treffen mit dem gesamten Ensemble via Bildschirm. Das wäre unter normalen Umständen gar nicht möglich gewesen. Alle 14 Tage machen wir eine Abteilungsleitersitzung, das verkürzt die Informationswege deutlich. Aber der Bildschirm kann die Kantine nicht ersetzen. Oder nehmen Sie eine Konferenz, das kennen Sie aus der Zeitung sicher auch: Alle im Raum schweigen sich mal fünf Minuten an, aber dann kommt ein guter Vorschlag. Am Bildschirm haben Sie da längst abgeschaltet. Kreativität ist nicht messbar, klar, aber der Bildschirm befördert sie nicht.

Wobei ich eher dachte: Hat sich Ihr Blick auf das Streamen verschoben? Wenn eine interessante Premiere in Ganz-weit-weg jetzt nicht mehr ohne weiteres zugänglich ist, bin ich derzeit durchaus verwirrt. Sie hingegen sind beinhart analog, sagen Sie.

Was heißt beinhart analog? Der Mensch Anselm Weber wird auch in Zukunft einen Zuschauerraum aufsuchen, weil er die Bühne für den richtigen Ort hält, um Theater zu machen.

Ja, das meine ich mit beinhart analog.

Allerdings möchte ich noch einmal betonen, dass ich ein Filmprojekt wie „NSU 2.0“ für sehr gelungen halte. Da hat eine Transformation stattgefunden, die ich spannend finde. Und ich denke, dass auch Regisseure wie Alexander Eisenach künftig noch stärker mit digitalen Mitteln arbeiten werden. Andere, wie das Nature Theater of Oklahoma, die hier „Burt Turrido“ zeigen werden ...

... schon im Januar zeigen wollten ...

... haben klar gesagt: Nein, wir streamen nicht, unsere Arbeit beruht auf dem Gegenteil von dem, was Streamen ist. Bei jeder Produktion war das ein Thema. Wenn das Team nicht wollte, haben wir es nicht getan. Für die Schauspielerinnen und Schauspieler galt das ebenso.

Zur Person

Anselm Weber, 1963 in München geboren, hat dort Fotografie, anschließend in Berlin Germanistik, Philosophie und Anglistik studiert. Mitte der achtziger Jahre begann er als Regieassistent. Am Schauspiel Frankfurt war er von 1991 bis 1993 Oberspielleiter unter Peter Eschberg, unter Elisabeth Schweeger inszenierte er auch nach 2001 weiterhin am Haus. Nach Intendanzen in Essen (2005–2010) und Bochum (2010–2017) trat er hier 2017 die Nachfolge von Oliver Reese an.

Der Spielbetrieb an den Städtischen Bühnen Frankfurt kann nach dem zweiten Lockdown seit Anfang November am 11. Juni wieder aufgenommen werden. Der Vorverkauf hat begonnen, wohl dem, der bereits die eine oder andere Karte hat. Das Schauspiel startet direkt am Freitag mit der Premiere „Malina“ in den Kammerspielen – Lilja Rupprecht zeigt ihre Bühnenfassung des Romans von Ingeborg Bachmann, es spielen Inga Busch, Manja Kuhl, Fridolin Sandmeyer. Am 13. Juni ist die Live-Premiere von Nuran David Calis’ Projekt „NSU 2.0.“ zu sehen, die Film-Version ist noch bis zum 11. Juni abrufbar. Auch Alexander Eisenachs „Eternal Peace“, als Schauspiel-Serie per Video gesendet, wird am 3. Juli auf der Bühne Premiere haben. Insgesamt sind neun Premieren bis Mitte Juli geplant, zu den Höhepunkten gehört gewiss Thomas Bernhards „Theatermacher“ am 20. Juni, von Herbert Fritsch im Schauspielhaus inszeniert. www.schauspielfrankfurt.de

Mein Eindruck ist, dass die, die es gemacht haben, Spaß hatten.

Das stimmt, „Eternal Peace“ zum Beispiel war ja auch als Spaß gedacht.

Es war wie ein Spiel im Spiel. Sie haben ihre Rollen gespielt und zugleich Filmschauspielerinnen und Filmschauspieler.

Sie haben im Verhältnis zu Filmarbeiten zudem sehr lange geprobt, so wie es auf der Bühne eben üblich ist. Das merkt man.

Schon früh in der Corona-Krise wurde darüber nachgedacht, was sie langfristig mit uns machen wird. Was meinen Sie, Stand Juni 2021: Was wird sich am Theater dauerhaft verändern?

Ich schätze die Rückkehr in die Normalität als komplexer ein, als es in meiner Umgebung, so mein Eindruck, zum Teil getan wird. Verändert hat sich viel. Ich kenne Frauen, die sagen: Jetzt musste ich 14 Monate lang bei der Begrüßung nicht irgendwelche Männer umarmen, das war super, das habe ich noch nie gerne gemacht. Das erzähle ich, um mal eine Sache zu nennen, die am Rande mitlief, und vielleicht, hoffentlich, hat sich das für die Zukunft dann auch erledigt. Was das Theater betrifft, sind wir in Frankfurt in einer Luxussituation. Vor der Pandemie lief es mit Blick auf die Auslastung von mehr als 90 Prozent außerordentlich gut, fast jeder Abend war ein Ereignis, die Kantine danach voller Menschen, ein sozialer Hotspot in dieser Stadt. Davon träume ich doch, wenn ich Theater mache, und wir beide wissen, dass es an diesem Haus auch andere Phasen gegeben hat.

Können Sie eine Zahl nennen, was den aktuellen Stand bei den Abonnements betrifft?

Wir haben ungefähr eine Kündigung von einem Drittel. Ich sage aber: Das Glas ist halb voll. Denn es ist doch immer erstaunlich, wie viele uns die Treue gehalten haben. Diese Vorgänge haben eine historische Dimension. Noch nie war dieses Haus so lange zu.

Gibt es etwas in Ihnen, das befürchtet, Leute könnten sich das Theater abgewöhnen?

Als jemand, der sein Leben lang nichts anderes gemacht hat als Theater, kann ich mir das sehr schwer vorstellen. Außerdem ist das jetzt unsere Aufgabe: Wege zu finden, die Menschen wieder zurückzuholen. Das wird nicht von heute auf morgen gehen. Ich kenne aber auch viele Leute, die sagen: Ich habe jetzt jede Serie durchgeguckt.

Was ist Ihre ganz persönliche Lehre aus Corona?

Ich bin sehr dankbar, dass ich in meinem direkten Umfeld alles gut hinbekommen habe. Ich weiß, was Krankheit heißt, und ich bin sehr froh, dass wir gesund da durchgekommen sind. Und es haben sich hier am Haus enge Vertrauensverhältnisse entwickelt in dieser Zeit. Not schweißt zusammen.

Noch ein kleiner Schwenk. Hans Neuenfels hat kürzlich im FR-Interview über das Frankfurter Mitbestimmungsmodell vor fast 50 Jahren hier am Haus gesagt: Man müsse überlegen, wie das heute aussehen könnte. Können Sie damit etwas anfangen?

Ich will nach diesen 14 Monaten einmal so sagen: Zur Frage nach der Macht gehört immer auch die Frage nach der Verantwortung. Wer will die Verantwortung haben? Ich darf Ihnen versichern, wenn Sie fast tagtäglich mit der Situation konfrontiert sind, persönlich für das Wohlergehen Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verantwortlich zu sein, dann definiert sich Macht plötzlich ganz anders. Wenn Sie in die Spielzeit gehen und wissen, dass Sie als Geschäftsführer mit einem Defizit von knapp 13 Millionen Euro umzugehen haben, und Ihnen auch deutlich signalisiert wird, dass Sie dieses Defizit auffangen müssen, dann definiert sich Macht plötzlich ebenfalls ganz anders. Ich weiß nicht, wie viele Leute das freiwillig mit mir hätten teilen wollen. In meiner unmittelbaren Umgebung keiner. Die Frage nach der Verantwortung war in den vergangenen Monaten so existenziell, wie ich sie in meinem Beruf niemals zuvor erlebt habe. Und ich werde nie wieder einen Vertrag unterschreiben, in dem steht, dass ich genau das alles machen muss. Das ist nicht das Leben, das ich führen wollte, als ich zum Theater gegangen bin.

Warum ist angesichts der Krisenlage das Thema Intendantenmacht gleichwohl nicht verstummt?

Ich halte es, damit wir uns nicht falsch verstehen, für richtig und wichtig, dass darüber gesprochen wird. Und dass das auch zu Konsequenzen führt. Thema sexueller Missbrauch, Gewaltmissbrauch: Man darf im Theater keine anderen Maßstäbe ansetzen als in anderen Arbeitsstrukturen auch. Dass das Theater sich, wie in allen Fragen, sehr schnell selbst in Frage stellt, ist theaterimmanent. Die Vorstellung aber, dass am Theater bessere Menschen arbeiten, eine besondere Spezies, die einen besonders gut funktionierenden moralischen Kompass in sich trägt, muss ich zerstören. Künstlerinnen und Künstler sind keine besseren oder klügeren Menschen als andere, das haben wir in der Pandemie auch erlebt. Sie sind so gut oder schlecht wie die da draußen. Umso notwendiger, darüber zu reden, auch hier.

Interview: Judith von Sternburg

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