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Ständig im Clinch mit seiner Puppe und in einer Doppelrolle: Nicholas Hart.

English Theatre

Instanzen auf Abwegen

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Derek Anderson inszeniert Robert Askins Broadway-Erfolg „Hand to God“ – angesiedelt zwischen Muppet-Show und amerikanischem Drama.

Der New Yorker Dramatiker Robert Askins weiß ausgesprochen genau, wovon er redet. Er ist in einem frömmlerischen Umfeld in der texanischen Kleinstadt Cypress aufgewachsen – ebendort spielt seine formal aus der Reihe fallende Komödie „Hand to God“, die nach großen Erfolgen am Broadway und im Londoner Westend nun als Deutschlandpremiere am Frankfurter English Theatre zu sehen ist. Ein bisschen Muppet-Show und ein Teil amerikanisches Drama: Diesen Spagat bewältigt das brillant konstruierte Stück und mit ihm die Inszenierung von Derek Anderson in frappierend spielerischer Art.

Das Motiv ist das klassische eines inneren Widerstreits von Gut und Böse, Tugend und vermeintlicher Lasterhaftigkeit, oder, wie gläubige Menschen es sagen, Gott und Teufel. Und natürlich geht es dabei um Sex. Jason ist der adoleszente Sohn einer christlich orientierten Witwe, die eine Puppenspielgruppe leitet, zu der auch er gehört. Im Mittelpunkt steht der ständige Kampf zwischen Jason und seiner Handpuppe Tyrone, die zueinander stehen wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Immer wieder öffnet sich in einer der Kammern auf der von Ausstatterin Rachel Stone entworfenen Drehbühne unvermittelt eine Tür und eine moralische Instanz – die Mutter, der Pastor – bricht in eine „unmoralische“ Szene herein. Während ebendiese Instanzen im nächsten Moment selbst auf Abwege geraten.

Allein schon die Szene mit einer nächtlichen Autofahrt von Mutter und Sohn, die sich, eine Einstellung in einem Film simulierend, in einem engen schwarzen Schlund mit periodisch vorbeiziehenden Scheinwerferlichtern abspielt, lohnt den Abend. Nicht bloß durch den originell-triftigen Bildeinfall, sondern auch der psychologischen Binnenspannung wegen.

Fein tariert ist der Wechsel zwischen beklemmenden Momenten und prächtiger Komödie. Das ist naturgemäß auch der Abend des meisterlichen Doppelrollen-Puppenspielers Nicholas Hart. Ohne unbotmäßige Possierlichkeit lustig sind die virtuos gespielten, gerne auch handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen dem realkörperlichen Jason und dem bärbeißig die Triebe verfechtenden Puppencharakter Tyrone. In einer romantisch motivierten jugendlichen Liebesszene zwischen Jason und dem von Samantha Dakin gespielten Mädchen Jessica gibt es pointiert „lebensechten“ ungezügelten Sex zwischen Puppen, lustig und unbedingt jugendfrei.

Famos sind sämtliche Spieler in dem fünfköpfigen Ensemble, und ganz besonders Sarah Wardell als Mutter. Eine Figur wie der Pastor von Matt Addis ist typisiert, platt wirkt das löblicherweise nicht. Die Besetzung ist in London zusammengestellt worden, doch es wird ein texanischer Dialekt gesprochen.

Bild um Bild, samt einiger haarsträubender Splatterszenen zum Schluss hin, ist das knackpräzise gearbeitet. Jeder Blick und jeder Tonfall ist auf den Punkt genau fokussiert. Ein ungeheuer perfektes und dabei nun keineswegs unterkühltes, mitunter kammerspielartiges Theater. Das Publikum goutierte das bei der Premiere amüsiert und beschwingt.

English Theatre Frankfurt:
bis 29. April. www.english-theatre.de

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