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Der Boden bricht auf unterm Dorf. Vorne Samuel Koch.

Staatstheater Darmstadt

Im Innersten beschädigt

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Christoph Frick bearbeitet Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ für die Theaterbühne.

Was macht Menschen anfällig für Ideologien? Die Gretchenfrage der Gegenwart hat der Schweizer Regisseur Christoph Frick in seiner Bearbeitung von Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ am Staatstheater Darmstadt herausfordernd klar ausgearbeitet. Wie die Filmvorlage spielt sein Stück zwar kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, die Nähe zur Gegenwart ist jedoch konstant spürbar.

Schon der erste Blick auf die Bühne schafft Unbehagen. Mobiliar und Wände sind in Weiß getaucht und auf Hochglanz poliert. Kein Staubkorn darf sich hierher verirren. Tisch und Stühle sind überhoch und etwa der Blickperspektive von Kindern nachempfunden. Die Szene, von Viva Schudt gestaltet, spiegelt prägnant die Grundstimmung von Hanekes Film wider, der 2009 in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet worden ist. Alles hat korrekt zu sein. Es gibt nicht einmal einen Teppich, unter den man Unliebsames verschwinden lassen kann. Der Innenraum, in dem sich das Leben eines ganzen Dorfes abspielen wird, wirkt nahezu zeitlos. Die beiden überdimensionierten Drehstühle mit fünfgliedriger Basis dürften jedoch den Sicherheitsnormen der Jetztzeit entsprechen.

Christoph Frick gelingt es an diesem Ort, die Geschichte des komplexen Films auf Bühnenproportionen zu übertragen. Das erfordert beim Zuschauer allerdings ein nahezu kriminalistisch geschultes Gedächtnis und die Bereitschaft, sehr genau hinzuhören. Denn in schnellen Sequenzen, die Filmschnittfolgen nachempfunden sind, wird der Handlungsfaden ausgerollt. Erzähler schildern ihre Sicht der Dinge. Sie geben an, was gerade geschieht oder von ihnen selbst Sekunden später ausgeführt wird. Bewegung erfolgt also nicht durch Ortswechsel, sondern durch erzählten Szenenwechsel. Jeder der neun Schauspieler muss dabei in atemberaubend schneller Abfolge eine Vielzahl unterschiedlicher Rollen übernehmen. Das gelingt meisterhaft. Im Kopfumdrehen verwandelt sich beispielsweise der Erwachsene in ein Kind, der Arzt in den Hauslehrer (Samuel Koch), die Pfarrersfrau in einen Gendarm (Gabriele Drechsel) oder die Hebamme in Tochter Klara (Jessica Higgins).

Sie alle bilden eine eingeschworene Gemeinschaft, die vom Pfarrer (Ben-Daniel Jöhnk), ihrem „geistigen Führer“, und dem Baron (Daniel Scholz), ihrem materiellen Herrn, angeleitet und massiv unter Druck gesetzt wird. Ein Unglück bringt Bewegung in den Untergrund dieses statischen Gefüges. Der Arzt des Dorfes erleidet nach einem Ausritt zu Pferd einen Unfall. Unbekannte hatten einen dünnen Draht ausgespannt. Drastisch bricht durch die weiße Raumdecke ein toter Pferdekörper. Es ist die erste drohende Warnung, die nun an der Decke hängt und nicht mehr zu übersehen ist.

Die Serie unglückseliger, verbrecherischer Ereignisse reißt nicht mehr ab. Sippenhaft, erniedrigende moralische Züchtigung und sexueller Missbrauch durch Vater und Arzt – für all das findet Regisseur Christoph Frick kraftvolle Bilder, die ein zunehmend surreales Ambiente entfalten. Die Leidtragenden dieser destruktiven Dorfstrukturen, für die alle Erwachsenen Verantwortung tragen, sind die Kinder. Der Jugendchor des Staatstheaters (Einstudierung: Elena Beer) gibt diese zentrale Gruppe des Stücks. In weißen Kleidern wirken sie rein und unschuldig. Folgsam singen sie die angesagten Kirchenlieder. Überzeugend unbeschwert beleben sie die Bühne, hüpfen und lachen dort die ganze Theater-Pause lang. Doch gerade sie sind es, die die schmutzige Realität bereits in ihrem Innersten beschädigt hat.

Staatstheater Darmstadt:
26. September, 6., 13. Oktober. www.staatstheater-darmstadt.de

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