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„Ingolstadt“ in Salzburg: Kein Weg ins Freie

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Von: Judith von Sternburg

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Vorne Berta, hinten die Pioniere mit Roelle. Foto: Matthias Horn
Vorne Berta, hinten die Pioniere mit Roelle. Foto: Matthias Horn © Die Verwendung der Bilder ist bei Nennung des Credits im Rahmen der Berichterstattung (Burgtheater) honorarfrei möglich

Noch mehr von allem: Die Salzburger Festspiele stecken Marieluise Fleißers Ingolstadt-Stücke ineinander.

Die Ingolstädter Gesellschaft fühlte sich bloßgestellt und nahm es der Tochter der Stadt und Schriftstellerin Marieluise Fleißer übel. „Fegefeuer in Ingolstadt“ von 1924 – Fleißer war 22 - stand dabei weniger im Zentrum der Entrüstung als die vier Jahre später entstandenen „Pioniere in Ingolstadt“, dies wegen einer unverhohlenen Sexszene und des insgesamt unzüchtigen Betragens der Soldaten und Einwohnerinnen. Dass der Skandal jenes Ausgrenzen, jene Härte, Aggression und Bigotterie beinhaltete, von denen Fleißer in ihren Stücken erzählt, ist eine Ironie der Literaturgeschichte. Ebenso die Förderung durch Bertolt Brecht, aber auch sein Einmischen und Mitreden, während im Text junge Frauen doch gerade mit der Gängelei durch Männer umgehen müssen.

Im Ton sind die beiden Stücke denkbar unterschiedlich, Seelenpein, der Kampf eines jeden gegen jeden und die Erkenntnis, dass nichts stimmt und auch ferner nicht in eine Stimmigkeit zu bringen sein wird, finden im „Fegefeuer“ (mit der ungewollt schwangeren Olga und dem unbeliebten Roelle) ihren Ausdruck in misslingender Kommunikation und verquerem Satzbau. In den „Pionieren“ (mit Berta, die Liebe sucht, und Alma, die Freiheit sucht) werden ähnliche Ereignisse ins Komödiantische verschoben. Wortwitz und Poesie funkeln, aber dahinter zeigt sich ein nicht minder scharfer Blick auf die Verhältnisse. Geht es im „Fegefeuer“ vor allem um sekündlich wechselnde Koalitionen im zwischenmenschlichen Stellungskrieg, wird in den „Pionieren“ Druck nach unten weitergegeben. Beides führt zu Gewaltexzessen.

Trotz veränderter gesellschaftlicher Grundkonstellation (wobei die Eltern bereits seltsam überfordert sind) ist Fleißers Sicht weiterhin pfiffig und aktuell. So oft wird das auf der Bühne gar nicht mehr getestet, bei den Salzburger Festspielen nun gleich im Doppel. Der belgische Regisseur Ivo van Hove und sein Dramaturg Koen Tachelet haben beide Werke „Ariadne auf Naxos“-mäßig ineinandergesteckt. Die „Ingolstadt“-Premiere auf der Perner-Insel, eine Koproduktion mit dem Burgtheater, wurde nach einem Corona-Ausbruch verschoben, zwei Schauspieler in vier Rollen mussten umbesetzt werden.

Viel Ehrgeiz, viel Scheitern

Ein personenreiches, ehrgeiziges Unterfangen. Sein Scheitern liegt anscheinend genau auch in jenem Ehrgeiz begründet, die beiden Stücke zu verbinden. Dem „Fegefeuer“ geht dabei das aussichtslose Kreiseln verloren. Den „Pionieren“ gehen die Pointen (weitgehend) verloren. Dass die Handlung in beiden Stücken stagniert, führt jetzt zu einer knochenlosen Aneinanderreihung von noch mehr Einzelszenen. Das Publikum sollte sich besser bereits auskennen. Die Gewalttaten, finster gegen den sich selbst mystifizierenden Außenseiter Roelle im „Fegefeuer“, klamottentauglich gegen das Bürgersöhnchen Fabian in den „Pionieren“, verlieren durch ihr inflationäres Auftreten die Funktion als Eskalationen und Ungeheuerlichkeiten. Zumal auch Berta von Korl nachher auf offener Bühne vergewaltigt wird. Fleißer sieht ein liebloses Absolvieren vor, keine nackte Gewalt, wie hier ausführlich ausgestellt.

Das Publikum mit „Rheingold“-Länge (zweieinhalb Stunden ohne Pause) und Gewalt auszulaugen: keine Intensivierung, sondern eine Ermüdung. Deprimierend, dass es so vordergründig sicher nicht gemeint war.

Die breite Bühne eine apokalyptisch finstere Wasser- und Industrielandschaft (Wasser ist in der Tat wichtig in beiden Stücken), daran ändern die Gartenwirtschafts-Glühbirnchen nichts. Eric Sleichims Musik grundiert traurig und fromm. An D’Huys’ Kostüme bieten neben den Uniformen provinziellen Schülerinnen-Chic. Die Schauspielerinnen, allen voran Lilith Häßle als gegen die Lieblosigkeit der (Männer-)Welt anliebende Berta, aber auch Marie-Luise Stockinger als Olga und Dagna Litzenberger Vinet als Alma vibrieren vor verhinderter Lebenslust. Jan Bülow wirft sich in die Rolle des ungeliebten Roelle, Maximilian Pulst ist ein smarter, unangreifbarer Korl.

Es wird auf Dauer zwar viel geplantscht und die Mikroports ebenen wie zumeist viele Nuancierungen ein, aber es mangelt an keiner Stelle an Hingabe, die letztlich ins Leere geht. Ebenfalls ein Fleißer-Thema, aber dem Abend hätte man es gerne erspart.

Salzburger Festspiele auf der Perner- Insel in Hallein: 4., 5., 7. August. Von September an im Burgtheater in Wien. www.salzburgerfestspiele.at

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