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Brigitte Fassbaender inszeniert die „Walküre“ in Erl: Wotan und seine Töchter

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Von: Judith von Sternburg

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Simon Bailey als Wotan, von den Walküren umringt. Foto: Xiomara Bender
Simon Bailey als Wotan, von den Walküren umringt. Foto: Xiomara Bender © Xiomara Bender

Brigitte Fassbaender zeigt die musikalisch staunenswerte „Walküre“ in Erl so friedfertig und zivil wie selten

Bevor das interessierte Publikum dem neuen Bayreuther „Ring“ des jungen Valentin Schwarz entgegenstarrt, kann es sich bei den Tiroler Festspielen in Erl entspannen. Hier setzt die 83-jährige Brigitte Fassbaender mit der „Walküre“ fort, was sie 2021 im „Rheingold“ begann und 2023 mit einem Doppelschlag für „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ abschließen will: Wagners Tetralogie in einer zivilen und bisher so sympathisierenden Fassung, dass selbst Hunding nicht mehr nur ein stumpfer Gewalttäter ist. Und Siegmund in höchster Not doch interessiert aufs Metflaschen-Etikett schaut. Das Unheil ist nicht so zwangsläufig, wie es die Unheilsbringer uns weismachen wollen.

Es hat Tradition, im Passionsspielhaus der Gemeinde – daneben ein Festspielhaus, zwei futuristische Überraschungen auf der grünen Wiese – Wagner in Produktionen zu erleben, die von einigen Ausgelaugten anscheinend als puristisch (einfach unkompliziert?) empfunden wurden. Unter der noch jungen Leitung des Frankfurter Opernintendanten Bernd Loebe zeigen sich andere Züge: sommerfestspielkompatibel, aber ausgefeilt. Musikalisch ist diese „Walküre“ ein Erlebnis, obwohl Erik Nielsen im 1. Akt und auch anschließend gelegentlich ein so gemäßigtes Tempo anschlägt, dass auf der Bühne manchem die Luft auszugehen droht. Dass das Festspielorchester ein klassisch zusammengeschustertes ist, kann man allerdings kaum glauben, rund und geschmeidig der Gesamtklang, nichts Grobschlächtiges ist an diesem Abend.

Ein Wagner-Publikum trägt so viele „Walküre“-Bilder mit sich herum, dass es imposant ist, wenn Ergänzungen gelingen, die nah an Text, Handlung und Musik sind. Ein Hunding, der nach dem Mord an Siegmund nicht zur Salzsäure erstarrt, sondern lebhaft und verblüfft die fremden Personen wahrnimmt – namentlich Wotan und seine Frau Fricka, die der Szene ebenfalls beiwohnt –, ehe der Gott ihn niederstreckt. Ein Wotan, der nicht nur „der Traurigste von allen“ ist, sondern in diesem Moment auch zur Seite kippt, ein stürzendes Denkmal, ein Überraschungseffekt, der nicht nur Brünnhilde erschreckt. Der Gott rappelt sich auch gleich wieder auf, es ist noch lange nicht vorbei.

Oder Walküren, die in kein Konzept gedrängt sind, sondern eine Schar durchaus individueller Punks, von denen vor allem eine bereit ist, sich gegen Wotan zu stellen: Waltraute, der wir zwei Abende später noch einmal begegnen werden. Das ist so einleuchtend, dass bloß verwundert, dass es meist ignoriert wird.

Auch wenn man sich, Lust will Ewigkeit, sofort mehr davon wünscht, also noch mehr Einfälle, noch mehr kleine Pointen und Beobachtungen, so ist das bereits einiges. Zum Beispiel begreift man dann auch, dass Wotan am Schreibtisch zu Beginn des 2. Aktes nicht mit seinen lästigen Verträgen beschäftigt ist, sondern für sich etwas aufschreibt. Nachher zeigt sich: Er rekapituliert, was ihm die Wala (Erda) einst erzählt hat. Fassbaenders Wotan ist kein alter, aber bereits ein nachdenklicher Gott. Ein paar Walküren stürmen lustig in sein Arbeitszimmer, er ist nicht zum Toben aufgelegt. Nur Brünnhilde darf natürlich bleiben. Da weht ein Hauch von Eifersucht unter Schwestern durch den Saal.

Von unerhörter Intensität dann Vater und Tochter unter sich, Wotans Erzählung von Nielsen wie in Zeitlupe gestaltet, aber dafür kommt Simon Baileys unorthodoxer Wotan umso besser zur Geltung, eine junge, leichte Stimme, der man im „Rheingold“ das Durchhaltevermögen für die „Walküre“ womöglich nicht zugetraut hätte, aber siehe da: Es geht ausgezeichnet.

Dass das Orchester in Erl hinter der Bühne platziert werden muss – die riesige, steil aufgebaute Formation schimmert reizvoll durch –, ist natürlich sängerfreundlich. Trotzdem beeindruckt das insgesamt vorzügliche Niveau mit frischen Stimmen. Christiane Libor ist eine sehr klar artikulierende, unprätentiös singende Titelheldin, Irina Simmes eine Sieglinde mit goldener Vokalkraft und dem inniglichen Spiel eines völlig traumatisierten Gewaltopfers, Clay Hilleys Siegmund ist ihr stimmlich prächtiges Pendant, wobei das erschütternd kurze Liebesglück zu den flaueren Illustrationen der Inszenierung gehört. Auf knackige Art fertig miteinander sind dafür Wotan und Fricka, Claire Barnett-Jones. Anthony Robin Schneider ist nicht nur kein ganz übler Hunding, er singt auch so schön, dass man ihm seine Mordlust nicht anhört.

Die karge Bühne von Ausstatter Kaspar Glarner wird von Bibi Abels Videos etwas belebt - eine bürgerliche Tapete bei Hundings, bröckelnde Walhallmauern, Gewölk rund um den Walkürenfelsen. Die naturalistische Weltesche steht, wenn auch windschief. Darin steckt das Schwert Nothung und kann allein mit der Beleuchtung unsichtbar gemacht werden. Am Ende ist Loge persönlich anwesend, um das (nicht sehr enorme) Feuer zu entzünden. Dass er und Wotan sich die Hand reichen: ein Fehlgriff in genau diesem Moment, andererseits ist es dennoch rührend. Versöhnlicher kann eine „Walküre“ nicht sein.

Tiroler Festspiele Erl: 15. 17. Juli. www.tiroler-festspiele.at

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