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Eine streitbare Intendantin verlässt das schauspiel frankfurt.
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Eine streitbare Intendantin verlässt das schauspiel frankfurt.

Schweeger verläßt Frankfurt

Es gab immer alles

  • VonPeter Michalzik
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Acht Jahre war Elisabeth Schweeger Frankfurts Schauspielintendantin. Das Fazit im Rückblick: Wo ständig durcheinander gegessen wird, entwickelt sich selten verlässlicher Geschmack. Von Peter Michalzik

Als beiden klar wurde, dass sie nun viel Zeit miteinander verbringen würden, war es schon zu spät. Den entscheidenden Moment jeder Beziehung, wo Erotik, Erregung und Erwartung ins Spiel kommen, hatten die Stadt und ihr Theater ganz am Anfang verpasst. Zum Flirt haben sie dann nie mehr zurückgefunden. Für ein Theater nicht gerade die ideale Arbeitsvoraussetzung. Leicht hatte es Elisabeth Schweeger, die letzten acht Jahre Frankfurts Schauspielintedantin, nie. Sie ist einfach nicht das, was man sich in Frankfurt am liebsten unter Theater vorstellt.

Mehr zufällig als geplant fand mit Schweeger und Frankfurt ein Experiment statt: Kann man ein großes Stadttheater leiten, ohne in diesem Milieu groß geworden zu sein? Kann man als Quereinsteiger dem Theater neue Impulse geben und trotzdem einen funktionierenden Betrieb hinbekommen? Kann ein Theater etwas werden, dessen Intendantin die Worte Performance und Diskurs vertrauter sind als Spielplan und Schauspieler? Neben Schweeger lief dieses Experiment zeitgleich am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, wo Tom Stromberg schon nach fünf Jahren aufhörte.

Zunächst: Die Stadt Frankfurt und Schweeger haben jetzt, zum Abschied, ihren Frieden miteinander gemacht. Man hat sich darauf verständigt, dass sie nun mal eine streitbare Person ist, und dass das ja auch positive Seiten hat.

Dann: Das Bürgertum, das es in Frankfurt ja gibt, blieb seinem Theater meist fern. Das schauspiel frankfurt (einmal schreiben wir es noch klein, so wie es sich die letzten Jahre selbst schrieb) war deshalb immer ein Theater ohne echtes Gegenüber. Gleichzeitig verjüngte sich das Publikum in Frankfurt aber deutlicher als anderswo, der Altersdurchschnitt dürfte rekordverdächtig niedrig sein.

Eigenartig ist, dass keiner der Regisseure, Gruppen oder Schauspieler, die in Frankfurt unter Schweeger gewachsen sind, mit diesem Theater nachhaltig identifiziert wird. Selbst Armin Petras, der lange hier war, der wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung des Hauses genommen hat, der auch am Großen Haus erfolgreich inszenierte ("Der Zerbrochne Krug", "Die Frau vom Meer") und der die Außenspielstätte in der Schmidtstraße geleitet hat, wird mehr mit Hamburg und Berlin in Verbindung gebracht.

Großartige Regisseure waren hier in diesen acht Jahren: Dimiter Gotscheff, Michael Thalheimer, Jan Bosse, Christoph Schlingensief, Rimini-Protokoll, Alvis Hermanis, Stéphane Braunschweig, Heiner Goebbels, Andreas Kriegenburg, Burkhard C. Kosminski, Peter Greenaway, Peter Stein. Mit niemandem aber gab es eine kontinuierliche, prägende Zusammenarbeit, nie ergab sich eine Tradition, mit der Schauspieler und Publikum wachsen konnten.

Die Stadt, die seit langem im Theater vor allem Stil-Wechselduschen kennt, hat auch in den letzten Jahren wenig Chancen gehabt, Sehgewohnheit und Geschmack zu entwickeln. Man wusste nie, welches nun die Projekte sind, mit denen das Haus nachhaltig in Verbindung gebracht werden wollte. Es war zu unentschieden, es gab immer alles, da mischten sich Reichhaltigkeit und Konturlosigkeit, große Offenheit mit fehlender Überzeugung. Es ist nun mal so: Wo man dauernd durcheinander isst, ist es schwer möglich, einen verlässlichen Geschmack zu entwickeln.

Was Kontinuität bewirkt, zeigen vor allem zwei junge Regisseure, mit denen Schweeger langfristig zusammenarbeitete: Florian Fiedler und Simone Blattner erarbeiteten ihre besten Aufführungen hier und machten deutliche Entwicklungsschritte. Und auch was Schweegers Leib- und Magenregisseurin Wanda Golonka über die Jahre erarbeitete, steht zwar am Rand des Theaters, war aber immer wieder interessant.

Es gab auch hervorragende Aufführungen, manche von ihnen wie Alvis Hermanis' "Das Eis" weitgehend unbemerkt. Es gab die "Orestie" von Karin Neuhäuser, "Die Cenci" von Dimiter Gotscheff, "Die Kirche der Angst" von Christoph Schlingensief, Fiedlers "Werther" und "Volksfeind", "Kränk" von Martin Heckmanns und Simone Blattner, schöne Aufführungen von Armin Petras, der Beckett-Abend von André Wilms und einige andere, hervorragende Inszenierungen, die man sich auch beim Berliner Theatertreffen hätte vorstellen können. "Gertrud" von Armin Petras wurde dann ja auch wirklich eingeladen.

Es gab sogar die eher konventionelle Aufführung, die den Frankfurter Publikumsnerv sehr genau traf, wie Braunschweigs "Gespenster", Kosminskis "Endstation Sehnsucht" oder die "Frankfurter Verlobung" von Matthias Beltz. Aufführungen wie die "Frankfurter Verlobung", die aus lokalen Traditionen heraus entwickelt wurde, fehlten aber sonst. Warum musste erst Oliver Reese kommen, um auf jemanden wie Michael Quast zuzugehen? Und warum setzte Schweeger nicht die lokale Tradition, die ihr nahe ist, fort: Warum kooperierte sie nicht enger mit dem Gießener Institut für Theaterwissenschaft, mit Heiner Goebbels, der in Frankfurt seine Aufführungen nur als Gastspiel zeigte? Warum versuchte sie nicht jemanden wie René Pollesch zu verpflichten, der mit seinem kritischen, schnellen, provokanten und lustigen Theater nach Frankfurt gehört?

Es gab erfahrene Schauspieler, Udo Samel, Felix Manteuffel, Friderike Kammer, Jennifer Minetti, Joachim Nimtz, um die herum ein immer homogeneres Ensemble wuchs. Es dauerte lange, aber letztendlich begannen einige junge Schauspieler dann doch zu blühen: Hilke Altefrohne, Anne Müller, Sandra Bayrhammer, Daniel Christensen, Wolfgang Kraushaar, Andreas Leupold, Stefko Hanushevsky, Sebastian Schindegger oder Aljoscha Stadelmann.

Die höchsten Wellen schlug in den acht Jahren die Affäre um den Notizblock eines Theaterberichterstatters. Sie ist heute eine Geschichte, die alle am liebsten vergessen wollen, weil alle dabei nur verloren haben: Die Oberbürgermeisterin, die Intendantin, der Schauspieler, der Theaterberichterstatter und der Regisseur. Alle haben irgendwie schäbige Rollen dabei gespielt: Es gibt sie eben doch, die Schlachten ohne Sieger.

Manchmal hat Elisabeth Schweeger Kratzbürstigkeit mit Kontur verwechselt. Aber sie war doch eine erfrischende und belebende Figur im Kulturleben der Stadt, die ein offenes Wort nicht scheute. Letztendlich kämpfte sie acht Jahre mit bewundernswerter Energie für ihr Theater. Und gegen Ende ist sie dann sogar zu einer ganz normalen Intendantin geworden. Da passte sie dann doch ganz gut zu ihrer Stadt.

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