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„Im Herzen tickt eine Bombe“ in Frankfurt: Mittendrin in den Gefühlen

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Von: Stefan Michalzik

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Abdul Aziz Al Khayat vor blau-gelbem Grund. Bild: Robert Schittko
Abdul Aziz Al Khayat vor blau-gelbem Grund. Bild: Robert Schittko © Robert Schittko

Mouawads „Im Herzen tickt eine Bombe“ zum Saisonende am Schauspiel Frankfurt.

Lokalisiert wird das Land nicht, das spielt keine Rolle, auch wenn offenbar ist, dass die vielgespielten Stücke des frankokanadisch-libanesischen Dramatikers Wajdi Mouawad von seinen eigenen Erfahrungen im libanesischen Bürgerkrieg grundiert sind. Gespielt wird das 2003 uraufgeführte Monodrama „Im Herzen tickt eine Bombe“ vor der Box des Frankfurter Schauspiels von Abdul Aziz Al Khayat, der mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg in Syrien zunächst nach Ägypten geflohen ist und nun an der hiesigen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Schauspiel studiert. Sein Studiojahr am Theater geht gerade zu Ende. Wie zufällig taucht in einem Malprozess irgendwann die Farbkombination blau/gelb auf, die Landesfarben der Ukraine.

In einer stürmischen Winternacht, auf dem Weg durch die Stadt ins Krankenhaus zu seiner sterbenden Mutter, überlagern sich im Innern des Protagonisten die Trauer und die Traumata, der Schmerz und die Wut ob der Gewalterfahrung durch Krieg und Migration. Nicht zuletzt geht es um das Erwachsenwerden, um Bewältigung mittels der Kunst, der Malerei, um einen Aufbruch ins Leben.

Der Text, übersetzt von Uli Menke, enthält neben dem unmittelbaren Geschehen essayhafte Passagen der Reflektion und einer Distanz schaffenden Brechung. Ob beabsichtigt oder eben nicht, gegen Ende der Vorstellung kämpft Abdul Aziz Al Khayat einen Augenblick lang mit den Tränen. Davon abgesehen fügt Martha Kottwitz’ Inszenierung (ausgewiesen als Klassenzimmerstück ab 14 Jahren) weitere Brechungsmomente hinzu. Am Anfang kommt die Stimme aus dem Off, Al Khayat spricht einige Worte in arabischer Sprache, gelegentlich wechselt er an einen Mikrofonständer.

Der mit nicht mehr als ein paar Würfeln ausgestattete Raum von Olga Gromova mit seinen Papierbahnen ist bereitet für eine malerische Aktion mit Rolle und Pinsel zwischen Farbflächen und Momenten, die an Action Painting erinnern. Die elektronisch/instrumentale Musik von Alex Matwijuck und Max Mahlert schafft Atmosphären zwischen bedrohlich-geräuschhaftem Minimalismus und Beatorientierung.

Der Busfahrer aus Hessen

Das Abbild des jungen Manns mit der Wollmütze taucht in großprojizierten Comic-Strip-Bildern auf; die Hochhausstadt Frankfurt ist zu erkennen, unter anderem die verkehrsreiche Kreuzung am Theater. Für einen – dosiert eingesetzten – Humor sorgt die behäbig-hessische dialektale Färbung eines Busfahrers sowie an einer Stelle die karikierende Nachahmung von Mutter und Vater.

Generell alles andere als unheikel die gespielte emotionale Unmittelbarkeit auf dem Theater. Die sehr genau gearbeitete Inszenierung lässt sich darauf ein – aber sie weiß das offenkundig, sie sucht ihre Wege, damit umzugehen. Und, das ist ihr hoch anzurechnen, sie macht die Unmittelbarkeit nicht zur inszenatorischen Sensation mit eingebautem Betroffenheitseffekt.

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