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„Il Giustino“ an der Staatsoper Berlin: Gott, die Welt und die Zukunft

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Von: Judith von Sternburg

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Der Titelheld (mit Südwester) wird Arianna vor dem Seeungeheuer retten. Foto: Matthias Baus
Der Titelheld (mit Südwester) wird Arianna vor dem Seeungeheuer retten. Foto: Matthias Baus © Matthias Baus

Die Staatsoper Berlin gibt Antonio Vivaldis „Il Giustino“ eine ganz große Bühne.

Es gibt hundert, nein, eigentlich zwei Möglichkeiten, heute mit dem Zauber und unendlichen Zinnober einer Barockoper fertigzuwerden. Die eine transferiert die vermutlich irre und zugleich schablonenhafte Handlung in die Jetztzeit – was der Barock ja seinerseits tat, indem Zeus und Cäsar generell aussahen wie ein Sonnenkönig. Die andere greift die Freude am Buhei und am Noch-Mehr auf und setzt die große Theatermaschine in Gang, jene Maschine, deren einzige Aufgabe auf Erden es ist, glücklich zu machen. Antonio Vivaldis „Il Giustino“, mit reichlich Kabale und Ranküne, aber auch mit einem Seemonster und weiteren gefährlichen und gefährdeten Tierarten ausgestattet, ruft nach zweiterer Lesart. Die Regisseurin Barbora Horáková und der Dirigent René Jacobs wissen sie aber mit dem Menschlich-allzu-Menschlichen zu verbinden zu einem flirrenden Abend.

Womit anfangen? Thilo Ulrich hat ein bewegliches Bühnenbild gebaut, in dem barockisierende Laubsäge-Architekturen ihre spröde Sperrholzseite zeigen – es sieht aber gar nicht spröde aus – und das Apparaturhafte des Theaters seine Schönheit präsentiert. Die grandiosen Kostüme von Eva-Maria Van Acker sind nicht nur witzig – Torten kommen ins Spiel, dazu die lustigste Sträflingsmontur der Theatergeschichte, und eine gutmütige Selbstironie ist das Gebot der Stunde. Auch spielen die Kostüme wie verrückt mit den Geschlechterfragen, wie schon Vivaldi mit ihnen spielte.

„Il Giustino“, 1724 in Rom uraufgeführt, ist wie im Grunde jede Vivaldi-Oper eine Rarität und ein Konglomerat an Musik, aus dem sich auch Altmeister Jacobs eine Fassung herausschnitzte. Es ist typisch für Vivaldi, dass die hohen Stimmen dominieren, hier liegt es aber nicht an seiner Tätigkeit am Waisenhaus von Venedig, wo Mädchen musikalisch ausgebildet wurden. Es ist sogar eher kurios, dass er ausgerechnet für Rom – wo der Papst Frauen auf der Bühne verboten hatte, das Problem kennt man heute aus anderen Zusammenhängen – eine solche Partitur ins Rennen brachte. Neben zwei Tenören waren also etliche Kastraten erforderlich.

Jacobs löst das mit einer sagenhaften Stimmlagen- und Timbre-Auswahl innerhalb dieses überschaubaren Spektrums. Im Zentrum neben dem Titelhelden zwei mutige, geerdete Frauen, um sie herum Männer, die nicht direkt Waschlappen sind, aber doch ein wenig – zart.

Kateryna Kasper triumphiert als höchst geerdete Kaiserin Arianna mit ihrem kühnen, eher dunkel grundierten Sopran, ihr eine Spur lichteres Pendant ist Robin Johannsen als Leocasta. Zu Arianna gehört Anastasio, dem Raffaele Pe das Antlitz eines eitlen Gecken gibt, stimmlich weiß er als Countertenor in Altlage mit Vehemenz und Feinsinn zu bezirzen.

Giustino, der kraftvolle und etwas höherliegende Contertenor Christophe Dumaux, ist von anderem Schrot und Korn, ein rustikaler, sympathischer Kraftbolzen, der – eben noch armer Landmann – durch Mut und Kampfgeist eine tolle Karriere machen und Leocastas Herz gewinnen wird. Tenor Siyabonga Maqungo und Altistin Helena Rasker übernehmen die Schurkenrollen (es geht aber gut aus, wenn sich der Deus ex machina schließlich vom Bühnenhimmel herablässt), letztere treibt das Spiel als Frau, die extrem glaubwürdig einen Mann spielt, der sich als Frau verkleidet, am weitesten. Aber auch insgesamt kann das Fluide nicht nur der Geschlechtergrenzen, sondern auch des Schicksals, Glücks und Zufalls kaum kraftvoller in Szene gesetzt werden. Angesichts einer ungewissen Zukunft lässt Horáková eine kleine Schar Kinder mit auf die Bühne und eine Friedenstaube malen oder Klimaprotestplakate hochhalten. Hier wird nicht geträumt, hier wird mitten im Leben Oper gefeiert.

Musikalisch muss sich „Il Giustino“ hinter Händel-Opern nicht verstecken. Wen das Schematische dort manchmal stört, wird sogar die lockereren Formen bei Vivaldi zu schätzen wissen. Szene und Arie können sich hier liebkosen, hier ein Tänzchen zum Tamburin, dort eine Schlummerarie, in der der Sänger (Il Giustino) nachgerade beim Einschlafen zu hören ist. Fulminant die zärtliche, farbenreich instrumentierte Darbietung der Akademie für Alte Musik. Lang der Abend, sehr lang der Premierenjubel für alle.

Staatsoper Berlin: 25., 27. November, 2., 6. Dezember. www.staatsoper-berlin.de

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