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Idamante liebt Elettra nicht, leidet aber mit ihr: Paula Murrihy (l.) und Nicole Chevalier.

Festspiele

„Idomeneo“ in Salzburg: Der Müll, der Mensch und die Hoffnung

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Szenisch vage, musikalisch großformatig: „Idomeneo“ zum Auftakt in Salzburg.

Peter Sellars hat vorab – auch in seiner Eröffnungsrede zu den Salzburger Festspielen – so beharrlich über die fatale Vermüllung der Meere und den Klimawandel gesprochen, dass sein „Idomeneo“ sich ganz darauf zu beziehen schien. Sieht man von den insofern gefährlich dekorativen (was die Interpretation betrifft, auch gefährlich luftblasenartigen) Plastikmüllskulpturen des Bühnenbildners und Installationskünstlers George Tsypin ab, konnte in der Premiere davon kaum die Rede sein. Oder es musste nicht die Rede davon sein, weil alle schon daran dachten. Schwer zu sagen, ob es ein Geniestreich des Regisseurs war, das Publikum auf seine Lesart einzunorden und diese dann bloß gedanklich neben der Inszenierung herlaufen zu lassen. Oder ob er lediglich intellektuell anfütterte, was seine Bilder trotz sehr starker Momente vermissen ließen: die letzte Stringenz für einen so ambitioniert angelegten Abend.

Denn noch um ein anderes Abfallproblem war es vorher gegangen. Die Hälfte des „Idomeneo“, hatte Sellars erklärt, sei Müll. Eine kecke Zuspitzung. Sie führte in Salzburg zur fast vollständigen Eliminierung der Secco-Rezitative – dafür wurde den begleiteten Rezitativen so viel Liebe zuteil wie selten, hier sauste und brauste die Oper der nächsten Generation. Ansonsten erfolgten die dramaturgisch üblichen und zwingenden Streichungen, von Sellars eben mit Verve vertreten („Müll“). Gleichwohl kam es doch auf fast drei Stunden Musik, inklusive des von Mozart geplanten, aber oft abgehängten Ballettstücks am Ende.

Dafür wurde in wenigen Passagen andere Mozart-Musik aufgenommen. Nicht Idamantes von Sellars im Interview der „Süddeutschen Zeitung“ ausführlich gehasste Opferbereitschaftsarie „No, la morte io non pavento“ erklang am Schluss, sondern die textlich ebenfalls aus dem „Idomeneo“-Umfeld stammende Konzertarie „Ch’io mi scordi di te“. Paula Murrihy erhielt dafür einen Beifall, der klarstellte, dass die Welt durch solche Eingriffe nicht untergeht.

Ob es den Horizont sehr erweitert, ist eine andere Frage, gerade in diesem Fall. Reizvoller das deutlich als Fremdkörper markierte dräuende Bass-Solo plus Chor aus „Thamos, König in Ägypten“ nach der Pause, eine ritualhaft gestaltete Unterwerfungsforderung („Ihr Kinder des Staubes, erzittert und bebet“). Auch hier war der Chor in seiner darstellerischen Hingabe und einem weichen, homogenen, übersensiblen Gesamtklang ein Hauptpfeiler des Unterfangens.

Denn die Kraft des neuen Salzburger „Idomeneo“, vom selben Team, das 2017 die damals umjubelte „La clemenza di Tito“-Inszenierung erarbeitete, lag nicht im Formalen. Im Zentrum stand die musikalische Ausgestaltung durch das Dirigat von Teodor Currentzis, durch dessen fabelhaften Chor Musicaeterna und das nicht weniger sensationell (und im Stehen) spielende Freiburger Barockorchester: groß besetzt, aber nicht um des Pompes Willen, sondern lediglich, um alle Register und Abstufungen zur Verfügung zu haben. Die Gewalt des Pianissimo war die ungeheuerlichste. Die Imitation eines Fernorchesters mit Pauken und Trompeten gelang aus dem Orchestergraben heraus perfekt. Man hätte ohne eigenen Augenschein nicht geglaubt, dass die Musik immer noch von hier kam.

Currentzis’ genialisches Dirigieren war bloß die äußere Belebung einer Akribie und Vorbereitung sondergleichen, überall waren feine Abschattierungen eingeplant und eingearbeitet, historische Informiertheit äußerte sich nicht im Schmalhanseligen. Die Verwendung des Hammerklaviers bewährte sich erneut enorm: Peter Sellars’ Rede von der „Zukunftsmusik“ (dem Teil neben dem „Müll“) nahm in Marija Shabashovas eloquentem, wirklich pianistischem Spiel Gestalt an.

Auch der Titelheld aus der „Tito“-Inszenierung von 2017 war dabei, Russell Thomas, dessen Tenor nicht ganz so glanzvoll zur Geltung kam wie gewohnt. Es war ein Abend der Frauenstimmen (Countertenöre wurden nicht vermisst). Herausragend die makellose Glöckchenstimme der zarten, aber zutiefst energisch auftretenden Salzburg-Debütantin Ying Fang als Idamantes Frau seiner Wahl, Ilia, und noch mehr der großformatige Sopran von Nicole Chevalier, auch sie erstmals bei den Festspielen. Der abgeschlagenen Rivalin Elettra gab sie eine bravouröse Verstörtheit mit, die an viel spätere Wahnsinnsarien der Opernliteratur Anschluss fand. Ihr verzweifeltes, ihr rasendes Ende war der sängerische Höhepunkt des Abends, dem für die Darstellerin zweifellos eine sehr anstrengende halbe Stunde folgte, in der sie tot auf dem Bühnenboden liegen musste.

Denn jetzt kam – effektvoll abgekürzt – das Schlusswort des mit dem Leben versöhnten Idomeneo, gefolgt vom Ballett. Choreograf Lemi Ponifasio überließ hierfür der Tänzerin Brittne Mahaelani Fuimaono aus Hawaii und dem Tänzer Arikitau Tentau aus Kiribati die Bühne, die wie bei einem Ritual auftraten. Der Raum sollte sich gewiss einer vom Klimawandel heftigst betroffenen Region öffnen, dazu natürlich der Universalität der Musik Mozarts. Vielleicht aber war dieser eigenwillige, auch eher minimalistische Abschluss von den vorangegangenen Stunden nicht ausreichend vorbereitet worden, um sich zu entfalten (auf die Entfaltung der schönen, aber auch rätselhaften Bewegungen wartete man eher die ganze Zeit über).

Denn Sellars’ Regie blieb den großen Wurf schuldig. Bekannt aus „Tito“ schon Tsypins schicke Stelen, die allenthalben aus dem Boden sprießen konnten und Höllenpein wie Meeresbrausen/-grausen glimmend und leuchtend unterstrichen. Vertraut auch Robby Duivemans Kostüme, für die Kreter und Trojaner zunächst jeweils etwas schlafanzug- oder uniformhafte Einheitskleider, dann zunehmend eine Individualisierung, bis schließlich am Schluss die Weltkulturen zu Gast in der Felsenreitschule waren. Die Beschäftigung mit den Plastikobjekten wirkte gelegentlich wie der Versuch, in Bewegung zu bleiben. Die Gefahr des allzu Statischen drohte und drohte nicht nur.

Dabei war die Personenführung überzeugend angelegt, nur irgendwann ohne weitere Entwicklung: Die sanften, großen Gesten des Trostspendens, das fundamentale Mitleiden mit anderen Figuren, das weich Tänzerische im selbst zur Woge werdenden Chor berührten andererseits unmittelbar. Hier wurden Menschen zu Menschen mit einem stilisierten, aber doch wahrhaftigen Bewegungsvokabular, das geeignet wäre, Marsmännchen von der guten Seite, vom positiven Potenzial der Erdbewohner in Kenntnis zu setzen.

Der Applaus ordentlich atemberaubend für Teodor Currentzis und die Akteure, deutlich lapidarer für das Regieteam.

Salzburger Festspiele in der Felsenreitschule: 2., 6., 9., 12., 15., 19. August. www.salzburgerfestspiele.at

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