Masken des Glücks in „Ich schaue dich an“. Werksbild/Norbert Goldhammer
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Masken des Glücks in „Ich schaue dich an“.

Staatstheater Darmstadt

„Ich schaue dich an“: Der Glücksquotient sinkt und sinkt

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Wie im Kino: Das Staatstheater Darmstadt zeigt Alexandra Badeas „Ich schaue dich an“ als Film.

Alexandra Badeas Stück „Ich schaue dich an / Je te regarde“ wurde 2015 in Freiburg uraufgeführt, es erzählt von Menschen und ihren aufmüpfigen Avataren, von einsamer Arbeit vor Bildschirmen, penibler Überwachung und von dem Druck, der KI Rede und Antwort stehen zu müssen, auch wenn man zum Beispiel nur zu fünf Prozent glücklich ist, Tendenz: sinkend. Der Sicherheitsbeamte am Flughafen versteht die neue Berechnungswelt nicht mehr, er hat sich doch immer auf seine Erfahrung verlassen. Jetzt sagt ihm eine Maschine, wen er passieren lassen darf, wen er durchsuchen soll. „Ich schaue dich an“ ist mit diesen Themen ein Stück zur Stunde von Homeoffice und Corona-App.

Für das Staatstheater Darmstadt hat Barish Karademir nun inszeniert, mit den Schauspielern Bela Milan Uhrlau, Ulrike Fischer, Edda Wiersch und Robert Lang-Vogel, mit den Tänzern Tatiana Diara, Charlotte Petersen, Kirill Berezovski. In und vor dem Theater, dazu in einem Gebäude des Frankfurter Flughafens wurde gespielt und gedreht – letzteres ist im Film gespenstisch leer, noch leerer, als man es sich vorgestellt hatte (aber man war eben, wie ungefähr alle, nicht dort).

Der 100-minütige Film von „Ich schaue dich an“ hatte jetzt im Kleinen Haus des Staatstheaters „Live-Premiere“: also auf einer großen Leinwand, man wird ihn aber auch online sehen können. Von der Inszenierung, die sich die richtigen Gedanken macht über Körper und Präsenz und die Tanzsequenzen plausibel integriert, versucht der Film (Kamera: Norbert Goldhammer) zu retten, was zu retten ist. Er bezieht die Probenatmosphäre ein in kurzen Schwarz-weiß-Ausschnitten, zeigt die Weite der Bühne und nutzt die Drehbühne, bewegt sich aber natürlich auch zwischen den Darstellern, was die Zuschauerin nicht könnte. Später, im Flughafen, kommen Krimi-Elemente hinzu. Im Saal des Kleinen Hauses blenden die Scheinwerfer auf, als eine Bombe explodiert.

Das erinnert aber schmerzlich daran, dass alles andere Konserve ist dass man im Grunde im Kino sitzt. Das Staatstheater Darmstadt geht damit einen anderen Weg als all die Häuser, die es mit kleinen, aber leibhaftig gezeigten Produktionen versuchen, die die Nähe zum Publikum wiederherstellen wollen, soweit es eben geht. Mag sein, der Theaterhunger ist so groß, dass die Leute sich „Ich schaue dich an“ sogar im kleinen Bildschirm-Format ansehen werden. Am Ende werden sie aber hoffen, bald wieder eine veritable Bühne vor der Nase zu haben.

Online-Termine bei Vimeo: 27. Juni, 3., 4., 9., 10. Juli, jeweils ab 20 Uhr.

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