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"Ich möchte zeigen, was in der Welt vor sich geht": Coline Serreau in Berlin, links Schauspielerin Katharina Thalbach.

Coline Serreau

"Ich habe keine Liebe zur Macht"

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Die französische Theater- und Filmemacherin Coline Serreau spricht im FR-Interview über ihre Beziehung zu Benno Besson, den Kampf der Gelbwesten, für Frauenrechte und den Schutz der Umwelt.

Sie arbeiten zur Zeit in Berlin, Madame Serreau. Was für eine Beziehung haben Sie zur Stadt?
Ich bin seit 1970 sehr viel in Berlin gewesen. Auch wegen des Filmfestivals. Und einmal im Monat stand ich am Grenzübergang Checkpoint Charlie. 

Das war der Grenzübergang, über den Sie als Ausländerin nach Ost-Berlin gelangen konnten. Was war der Grund für diese Reisen in dieser Zeit?
Das war ein sehr privater Grund. 

Zu privat, um darüber zu sprechen? Man weiß ja, dass Sie eine Beziehung mit dem Schweizer Theatermacher Benno Besson hatten, der auf Einladung Brechts ab 1949 als Schauspieler und Regisseur am Berliner Ensemble arbeitete und in den 70ern an der Volksbühne.
Nun ja, Benno ist der Vater zweier meiner Kinder. Da gab es schon eine kleine Beziehung zwischen uns. Es gab aber noch andere Verbindungen nach Ost-Berlin. Meine Eltern haben Brecht gekannt, sie haben seine Werke ins Französische übersetzt. Mit der Geschichte des Theaters dort waren sie eng verbunden. 

Benno Besson hat bei der Uraufführung Ihres ersten Bühnenstücks „Hase Hase“ 1986 in Frankreich Regie geführt, und es 1992 am Berliner Schillertheater inszeniert. 
Und danach ist es mit Unterbrechungen an verschiedenen Bühnen in Deutschland zehn Jahre lang immer wieder zu sehen gewesen. 250 Inszenierungen hat es gegeben. Und es geht weiter. 

Jetzt, fast 30 Jahre später, inszenieren Sie selbst Ihr Stück am Schillertheater. Und wenn man sich die Besetzungsliste  ansieht, dann hat man das Gefühl, Sie haben ein großes Familientreffen organisiert. Es spielen fast alle Kinder Benno Bessons von Ihnen und anderen Frauen mit: Katharina Thalbach, Pierre und Philippe Besson, Ihr Sohn Nathanael Serreau. Marie Besson hat das Stück übersetzt.
Ich bin hochzufrieden mit dieser Besetzung. Katharina hat damals in den Neunzigern den Hase gespielt.

Welche Rolle hat sie jetzt?
Sie wird wieder Hase sein.

Kannten Sie einander?
Aber natürlich. Benno und ich hatten im Grunde sieben Kinder. Drei von mir, vier von ihm. Wir waren eine Familie. Ich kenne die Kinder von klein auf. Und auch auf künstlerischem Gebiet ist die Beziehung immer eng geblieben. 

Gehörten die anderen Mütter, Sabine Thalbach und Ursula Karusseit, auch zu dieser Familie? Ich frage nicht als Klatschreporterin, sondern weil vielleicht in diesen privaten Beziehungen etwas Politisches steckt.
Ursula Karusseit, die Mutter von Pierre Besson, ist eine sehr gute Schauspielerin. Sie hat damals in „Hase Hase“ am Schillertheater die Mutter der Familie Hase gespielt. Ich habe sie immer sehr bewundert. Das Private geht niemanden etwas an, aber der Respekt für sie als Künstlerin war immer da. Wir sind durch die Kunst miteinander verbunden. 

Es gibt auch noch zwei Brecht-Enkelinnen, die an der Produktion beteiligt sind. Johanna Schall als Schauspielerin, ihre Schwester Jenny Schall ist für die Kostüme zuständig. Kannten Sie die beiden?
Nein, aber ich bin sehr froh, dass sie dabei sind. Daraus ergibt sich eine Kontinuität, weil ja wie gesagt schon meine Eltern mit Brecht sehr verbunden waren. 

„Hase Hase“ ist eine Familiengeschichte, es geht um Arbeitslosigkeit, um Terrorismus. Aber es ist eine Komödie wie auch Ihr Film „Drei Männer und ein Baby“ über Geschlechterstereotype. Ernste Themen. 
Die Komödie ist die beste Waffe. Wenn Sie etwas sagen wollen, dem die Menschen zuhören, müssen Sie sie zum Lachen bringen. Das wusste Molière. 

Sie waren Ihr Leben lang Aktivistin, Feministin. In Ihrem ersten Film „Mais qu’est ce qu’elles veulent“ haben Sie Frauen aus allen möglichen Gesellschaftsschichten zu Wort kommen lassen, eine Bäuerin, eine Prostituierte, eine Pornodarstellerin, eine Hausfrau. Wie wurden Sie zur Feministin?
Ich bin eine Filmemacherin und Theaterautorin, die die Welt beobachtet und sie zu verstehen versucht. Gesellschaftlicher Wandel interessiert mich. Und eine der großen Wandlungen des 20. und 21. Jahrhunderts ist unsere Beziehung zum Patriarchat. Es wird in Frage gestellt, so wie viele andere Ungleichheiten auch. Die Beziehung zwischen Männern und Frauen verändert sich. Und das interessiert mich, weil ich eine Künstlerin bin, die zeigen möchte, was in der Welt vor sich geht. Das bezieht sich auch auf den Umweltschutz. Ich bin da sehr engagiert. Zwischen dem Patriarchat und der Zerstörung der Umwelt gibt es übrigens eine Verbindung. Und was die Frauen angeht: Ich verteidige da nicht meinen eigenen Laden, es geht nicht um mich persönlich. Es geht um etwas Allgemeines. Seit Weinstein hat sich das Tempo der Veränderungen beschleunigt. Es gab sozusagen eine erste Runde in den 70er Jahren, und jetzt gibt es eine zweite, die noch stärker ist. 

Haben Sie nicht 2012 zusammen mit anderen Frauen auf dem Filmfestival von Cannes dagegen protestiert, dass für den Wettbewerb nur Filme von Männern ausgewählt wurden?
Ich war nicht dabei. Es gehört für mich als Feministin dazu, nicht nach Cannes zu gehen. Ich ziehe mich nicht an, um für Dior Werbung zu machen. Ich bin kein Kleiderständer für die Luxusindustrie. 

Sie als erfolgreiche französische Filmregisseurin waren nie in Cannes?
Nie. Und ich habe trotzdem Karriere gemacht. Cannes ist mir völlig schnuppe. 

Lassen Sie uns über diese zweite, von den Vorwürfen gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein beschleunigte Runde des Feminismus sprechen.
Es ist sehr wichtig, was da passiert. Das, was früher normal schien, ist jetzt nicht mehr normal. Und auch der Protest der Gelbwesten ist sehr wichtig. Da geht es genau um das, was auch „Hase Hase“ thematisiert. Und ich habe das Stück 1980 geschrieben! Es geht um die kleinen Leute, die kein Geld haben, denen es kaum gelingt zu überleben. Die man vergisst.

Sie haben also Sympathie für die Proteste?
So wie 80 Prozent der Franzosen. Im Fernsehen zeigen sie nur die Zerstörungen auf den Champs-Elysées. Aber das ist nicht die Realität. Das ist eine profunde soziale Bewegung, eine Massenbewegung. Und sie wollen keinen Anführer. Das ist sehr wichtig. 

Es gibt auch Beziehungen zwischen den Gelbwesten und dem Front National, oder?
Ja, zum Front National, also zur extremen Rechten und auch zur extremen Linken, zu Mélenchon. Man kann diese Bewegung nicht einordnen, sie ist sehr kompliziert. Sie fordern mehr Geld, aber auch eine andere Art, das Land zu regieren. Das ist noch nicht ausformuliert, aber eigentlich wollen diese Menschen die Gesellschaft verändern. 

In welche Richtung soll das gehen? Sicherlich weg von Macrons Neoliberalismus?
Das auf jeden Fall. Die Situation ist vielleicht mit der von Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg vergleichbar. Sie ist sehr aufgewühlt. Und das kann nach ganz links oder nach ganz rechts driften. Was die Umwelt angeht und auch die finanzielle Situation, ist die Gesellschaft am Ende. Ihr in Deutschland seid wohlhabender, aber es gibt ähnliche Formen der Verzweiflung. Wir werden gerade Zeugen großer Veränderungen. Aber die Wurzeln sind alt. Ich habe „Hase Hase“ geschrieben, um genau das zu erzählen. Und das war schon in den 80er Jahren. 

Zurück zu MeToo. Die Vermischung von Macht und sexuellem Missbrauch passiert ja vor allem im Filmgeschäft, auch im Theater. Haben Sie eigene Erfahrungen gemacht? 
Darüber möchte ich nicht sprechen. Aber um Filmemacherin zu werden, musste ich als Frau doppelt kämpfen und zweimal so viel Talent haben wie ein Mann. Es war schwer, sich durchzusetzen, aber ich will mich nicht beschweren. Ich habe die Filme gemacht, die ich machen wollte. In Frankreich gibt es tatsächlich viele Filmregisseurinnen, auch wenn das Geschlechterverhältnis nicht ausgeglichen ist. Genauso wenig wie in der übrigen Arbeitswelt. In der Hierarchie gibt es immer eine sexuelle Konnotation. Auch in den Zeitungsredaktionen, in den Universitäten, in der Industrie. Überall gibt es diese Verbindung von Macht und sexuellen Übergriffen. Frauen verdienen auch schlechter. Aber jetzt kann man es zumindest aussprechen.

Anfang des Jahres gab es einen offenen Brief in „Le Monde“, der sich gegen die denunziatorische Tendenz von MeToo wandte. Vergewaltigung sei strafbar, nicht aber die Hand auf dem Knie. Unterschrieben haben viele prominente Französinnen, etwa Catherine Deneuve. Und Sie?
Auf gar keinen Fall! Und Catherine Deneuve hat dadurch viel an Popularität eingebüßt. Sie gehört eben zum Großbürgertum und hat keine Ahnung, was Frauen erleben, was ihnen widerfährt. Dass es Frauen gibt, die mit Männern schlafen müssen, um einen Job zu bekommen. Sie lebt in einer anderen Welt. Was sie sagt, ist nicht von Interesse. Es hat nichts mit der Realität zu tun. Vor ein paar Wochen haben tausende Frauen in Paris auf dem Place de la République gegen Gewalt protestiert. In Frankreich wird alle zwei Tage eine Frau getötet. In Deutschland sind es nicht weniger. Und auf eine Tote kommen hundert schwer verletzte Frauen. Die Krankenhäuser sind voll von Frauen, die von ihren Männern geschlagen worden sind. Würde alle zwei Tage ein Moslem, ein Farbiger oder ein Jude sterben, oder irgendein anderer Angehöriger einer Minderheit, dann wären alle auf den Barrikaden. Aber das sind ja nur Frauen. Das ist quasi ein Genozid! 

Wie arbeiten Sie selbst als Regisseurin? Gibt es Unterschiede zu der Art wie ein Mann arbeitet?
Meine Arbeitsweise beim Film ist sehr technisch. Aber die Art die Welt zu sehen und auch die Funktion des Anführens, die ist sicher anders. Man muss führen. Und ich führe während der Arbeit auch, aber danach führe ich nicht mehr, dann bin ich wieder ein normaler Mensch. Ich habe keine Liebe zur Macht. Während des künstlerischen Schaffensprozesses reiße ich die Macht an mich. Aber anschließend lasse ich sie los. Das ist vielleicht der Unterschied zu einem Mann. Wir Frauen haben eine andere Sicht der Dinge, wir sind anders.

Inwiefern sind wir das?
Wir waren immer untergeordnet. Und das gibt uns eine Sicht auf die Welt, die viel gerechter ist, viel realistischer als die von einem, der oben steht. Die Position der Frauen ist insofern eigentlich besser. Aber es gibt natürlich auch Männer, auch Künstler, die so eine Perspektive haben. Und das wird die Zukunft sein.

Sie haben gerade von Gerechtigkeit gesprochen. Darum geht es in Ihrem Werk eigentlich auch immer. Wie ist es um die Gerechtigkeit bestellt?
Ich bin eigentlich die Enkelin eines Pastors. Und das bringt mir auch Deutschland sehr nah, der Protestantismus. Und der Mann der mir am nächsten ist seit meiner Kindheit, mit dem ich Tag für Tag lebe, ist ein Deutscher.

Wer ist das?
Johann Sebastian Bach. Ich bin ja eigentlich Musikerin von meiner Ausbildung her. Ich spiele die Orgel und ich dirigiere einen Chor. 

Zurück zur Gerechtigkeit ...
Sehr schlecht ist es mit der Gerechtigkeit bestellt. Auch wenn es hier und da vorangeht. Die Sklaverei ist in Europa verschwunden, dafür gibt es sie jetzt anderswo. Gerechtigkeit ist ein Kampf, den man nie gewinnen kann. Es gibt Fortschritte, aber keinen Sieg. Und was die Umwelt angeht, haben wir den Kampf verloren. In Deutschland waren Sie ja Vorreiter beim Umweltschutz, viel mehr als wir Franzosen. 

Genützt hat es nicht viel.
Ich hoffe nicht, dass es so kommen wird, dass man nur durch Katastrophen dazulernt. Es wird große Probleme geben, das hat ja schon angefangen mit Dürren und Bränden, Umweltflüchtlingen. Aber wir machen trotzdem weiter Theater und versuchen die Menschen glücklich zu machen. Durch die Schönheit, durch das Lachen, durch die Hoffnung.

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