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Klein ist der Mensch und groß das Bühnenbild: Vorne liegt Lisa Stiegler, hinten drängt sich das verschworene Trüppchen der Gespenster.
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Klein ist der Mensch und groß das Bühnenbild: Vorne liegt Lisa Stiegler, hinten drängt sich das verschworene Trüppchen der Gespenster.

Schauspiel Frankfurt "Glaube Liebe ..."

„Ich freue mich auf meinen Tod“

Im Schauspiel Frankfurt nimmt Andreas Kriegenburg Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“ beim Wort und choreografiert einen kleinen Totentanz.

Zur Spielzeiteröffnung am Schauspiel Frankfurt folgte auf Brechts „Arturo Ui“ (siehe unten) Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“. Ein Drama aus dem Jahr 1932, von der Zeitenwende 1933 abgesehen nicht Lichtjahre entfernt von den ersten „Ui“-Überlegungen des Kollegen. Umso schärfer der Kontrast, wenn Ödön von Horváth in einem bloß auf den ersten Blick rührenden Volksstück mit letztlich mehr Härte und dazu mit frappierender Aktualität die gleichmütige Unzulänglichkeit eines Systems und seiner Protagonisten bloßstellt. Der Einzelne, der kurz den Boden unter den Füßen verlor, wird zwangsläufig zermahlen.

Elisabeth fehlt eine bestimmte Bescheinigung, durch eine Geldstrafe gerät sie in Schulden und Abhängigkeit zu unseriösen Elementen im Niedriglohnsektor. Eine kurze Gefängnishaft macht sie vor aller Welt zur Straftäterin. Sie kann sich nicht mehr über Wasser halten. Keiner wird leugnen, dass es ihr heutzutage nur mit Glück besser erginge, jenem Glück, das einem traditionell versagt bleibt, wenn es am nötigsten wäre. Und dass es für sie nie eine realistische Chance auf einen guten Ausgang gab, obwohl sie sich weiß Gott bemüht hat. Darum liegt Lisa Stiegler zu Beginn des Abends bereits zusammengekringelt und durchnässt auf der Bühne und wird als „Leich’“ entdeckt, um dann noch einmal aufzustehen und alles erneut zu erleben. Und nach knapp hundert Minuten wieder dazuliegen.

Ein Trüppchen müder Gespenster

Regisseur und Bühnenbildner Andreas Kriegenburg nimmt, es kann einen nicht überraschen und ist doch wieder grandios in der Durchführung, den Horváthschen Untertitel „Kleiner Totentanz“ beim Wort. Als Trüppchen müder Gespenster treten die Figuren auf, kalkig und hohlwangig im Gesicht. Die bräunliche Kleidung passt in Horváths Zeit. Katharina Kownatzki macht aus den Körpern mithilfe von Auspolsterungen halslose, bucklige Kästen. Auch weil Stiegler an die melancholische Totenbraut erinnert, ist es ein bisschen, als wär’s ein Zeichentrickfilm von Tim Burton, mit dessen Gestalten Kriegenburgs Personal das Possierlich-Böse teilt.

Seine Figuren tummeln sich auf einer großen Rampe, die in einem kontrastierenden und irritierenden Modefotografie-Chic eine überdimensionale, gleichfalls gekringelt daliegende nackte Frau mit nassen Haaren zeigt. Die Rampe ist beweglich, fährt sie hoch genug, kann man durch einen rechteckigen Durchgang treten. Die Gespenster sind aber praktisch ständig anwesend. Sie sind so erschöpft, dass sie sich nur mühsam zum Sprechen und Spielen aufraffen.

Elisabeth und der Schupo, der ihr nachher den Rest geben wird, Lukas Rüppel, sprechen vorerst gar nicht. Das übernehmen die anderen für sie, die den Text hinlänglich kennen. Das passiert alles nicht zum ersten Mal. Wie Spielpuppen lassen sich Stiegler und Rüppel die schlappen Arme anheben. Später kommen sie etwas in Schwung, aber nicht sehr. Eigentlich, das ist klar, würden sie lieber nicht.

Sie tut ihre Pflicht

Stiegler, deutlich und wohltuend weniger exaltiert als sonst gelegentlich, muss zwar mehrfach ausführlich lachen bzw. schluchzen, was hier weitgehend dasselbe ist. Sie zeigt jedoch insgesamt eine Elisabeth, die in einem Albtraum tapfer und mit Nüchternheit ihre Pflicht tut – am Leben zu bleiben und weiterzumachen, so lange es geht –, aber keinen Glauben, keine Liebe, keine Hoffnung hat. Der Titel des Stückes muss in dieser Totenwelt der Handlung noch mehr Hohn sprechen als gewöhnlich.

Elegante, geradezu geschmackvolle Tableaus tun sich auf, konstituierend viel Musik von Bach und Chopin und etwas tottraurige Walzerseligkeit gibt es dazu: also den Wahnsinn protestantischer Todessehnsucht („Ich freue mich auf meinen Tod“), romantischer Trauermusik und vorgespiegelter Leichtigkeit. Gaby Pochert mischt sich als geigende und Tasteninstrumente spielende Musikerin unter die Toten. Franziska Junge als armes Luder Maria singt mehr als achtbar dazu aus der Kantate „Ich habe genug“. Elegie, Schönheit, Irrsinn und die Strenge eines Regisseurs, ohne dessen ausdrückliches Ja hier offenbar kein Bein ins Schlenkern kommt, vermengen sich zu einem Erlebnis, das sowohl fesselnde als auch narkotisierende Züge hat. Das passt dazu, dass es sich um eine Art beweglichen Stillstand handelt. Obwohl keiner möchte, muss die Handlung fortschreiten, quasi gegen den Widerstand der Beteiligten.

Unversehens ein Taubenschwarm

Die wie die Regieanweisungen stets angesagten Szenen wachsen aus dem traurigen Grüpplein heraus, wie es aus Papierservietten unversehens einen Taubenschwarm herzustellen weiß, der lustig herumflattert. Bei aller Abgefeimtheit soll es die menschenhandgemachte Künstlichkeit sein, die hier ihre nächtlichen Triumphe feiert.

Links und rechts von der Rampe liegen Requisitenberge bereit, Ledertaschen, Blechdosen, Kleider, die später auf die und schließlich wieder von der Bühne geworfen werden. Ein etwas dekorativ wirkender Tatendrang. Zu diesem Typus gehört auch die Szene, in der die inzwischen wieder eingerollte Elisabeth aus Blechbechern mit Wasser besprengt wird, Wassertod und Bestattungsritual zugleich, aber doch auch eine gewisse Theaterbilderroutine. Kriegenburgs Strenge fällt in solchen Momenten schwerer auf ihn zurück, als es in einer leichtfertigeren Inszenierung der Fall wäre.

Die darstellerischen Leistungen im ansonsten ja maximal durchgeführten Minimalismus sind sensationell. Josefin Platt ist eine extrem schmallippige Frau Amtsgerichtsrat mit dem giftig bösen Blick, Felix von Manteuffel ein sanguinisch engagierter Präparator mit dem guten Herzen irgendwo tief drinnen, Michael Benthin ein milde-abgeklärter Kriminaler, Sascha Nathan eine herrlich wurschtige Arbeitgeberin Prantl, zum Beispiel. Ebenso halten Till Weinheimer, Martin Rentzsch und Viktor Tremmel bei aller Tarnung hinter Schminke und eckigen Schultern ihre Gesichter hin. Sie sind Typen, karikatureske Typen, aber unverkennbar auch sie selbst. Das ist immer die schaurigste, traurigste und überzeugendste Maskerade.

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