Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Isaak Dentler.
+
Isaak Dentler.

Schauspiel Frankfurt

„Ich bin ein Jud“: Im Recht sein, Zweifel haben

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
    schließen

Isaak Dentlers furioser Vortrag von Walter Jens’ Text „Ich bin ein Jud“.

Die Verlogenheit der Evangelien und ihrer Interpreten und Interpretinnen, Leser und Leserinnen zeigt sich im Fall des Judas in besonders krassem und folgenreichem Ausmaß. Heute wirkt das so lange passé, bis man an die Falschen gerät oder in den falschen Gottesdienst. Walter Jens veröffentlichte 1975 den Text „Ich bin ein Jud. Die Verteidigungsrede des Judas Scharioth“, der seither in den zentralen Überlegungen weitgehend im Bewusstsein der hieran interessierten Bevölkerung angekommen sein dürfte.

Wesentlicher noch wird sein, dass die Frage, wer warum und inwiefern den Herrn Jesus „verraten“ hat, heute nicht mehr sehr viele beschäftigt. Oder ist es nur umso bedenklicher, weil die dazugehörigen, verselbstständigten Stereotype (die Judas unterstellte Boshaftigkeit, Geldgier und unauslöschliche Schuld) weiter durch die Köpfe schleichen?

Walter Jens’ Text ist eine logikorientierte, um juristische Genauigkeit bemühte Abrechnung mit der Darstellung der Evangelien – Tenor: wie hätte Gott und Jesus dieser noch dazu total überflüssige Verrat entgehen können, der also Teil eines (abwegigen) Plans gewesen sein muss und Judas damit dessen treuester Verfechter. Zugleich ist der Text von Furor geprägt, Zorn, aber auch Selbstzweifeln und Verzweiflung, insgesamt ein Stück intellektueller und doch unmittelbarer Prosa. Der Text setzt auf Verstand und Herzensbildung seines Publikums, er appelliert daran auf eine ergreifende Weise.

Das Schauspiel Frankfurt präsentierte ihn jetzt im Umfeld seines diesjährigen Schwerpunkts zu Antisemitismus und Rassismus, in einer Lesung mit dem Schauspieler Isaak Dentler und den Musikern Max Mahlert (Schlagzeug) und Tim Roth (Kontrabass und Elektronik). Die drei haben das Programm ursprünglich für einen Kirchenraum vorbereitet, aber auch auf der Bühne im Video zeigt sich das Existenzielle neben der Suche nach Argumenten. Die stete Instrumentalgrundierung geht die Stimmungswechsel des Textes mit, eine gelungene Intensivierung, gerade weil sie nicht direkt notwendig ist. Dentler braucht gar nichts weiter, um der ruppig verbitterte, der eindringlich vernünftige, der verzweifelt zweifelnde Judas zu sein – und hier zu dokumentieren, dass gerade das Recht-Haben am Selbstzweifel doch nicht hindert. Und trotzdem ist es auch die Musik, die aus dem Monolog endgültig einen wuchtigen Vorgang macht.

Das Video blieb zunächst leider nur über das Wochenende online, empfehlenswert aber auch der Podcast, in dem Dentler und der Schauspieldramaturg Lukas Schmelmer mit Moderator Leon Joskowitz weniger über den Text als über seine mögliche Wirkung sprechen. Auch unter dem Aspekt von Jens’ NSDAP-Mitgliedschaft.

Interessant aus Theatermachersicht ferner Dentlers Anmerkung (zur Musik, überhaupt zur Umsetzung): Entweder müsse ein solcher Text im stillen Kämmerlein gelesen werden oder er müsse laut sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare