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Bettina Kaminski als Kurärztin Stockmann und Adrian Scherschel als Bürgermeister Peter.. Foto: Felix Holland
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Bettina Kaminski als Kurärztin Stockmann und Adrian Scherschel als Bürgermeister Peter..

Theater

Ibsens „Volksfeindin“ in Frankfurt: Ich drücke hier, und du ziehst weg

  • VonMarcus Hladek
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Das Freie Schauspiel Ensemble stellt im Titania Theater grundsätzliche Überlegungen zur Demokratie an. Von Marcus Hladek

Hübsche Inszenierung Reinhold Hinzpeters, die uns im Titania Theater in Frankfurt um Augen und Ohren wettert. Wer immer die Lieder für Rednerempore und Szenenrand wählte, dem ging mit Bandoneon, Gitarren, Ukulele recht sympathisch der innere Volkspädagoge durch.

Ibsens „Volksfeind“ handelt von einem Badearzt, der die industrielle Verseuchung des Kurbetriebs entlarvt und naiv auf Besserung drängt. Da kann er lange warten. Stockmann (Bettina Kaminski) wird mal vom reichen Klüngel, mal der „kompakten Mehrheit des Volkes“ attackiert, denn die wollen Badegäste, tot oder lebendig, und keine teure Sanierung.

Zum Öko-Krimi passen die Lieder: „Der letzte Kranich vom Angerburger Moor“ beklagt die Killer Öl und Teer, ein Punk-Ausreißer schnulzt „Erde, das ist für dich“, und Reinhard Meys Öko-Elegie behauptet „Es gibt keine Maikäfer mehr“. Wie voreilig: Maikäferplagen gibt es immer noch (Spiegel vom 28. Mai), und Pasolinis „verschwundene“ Glühwürmchen glimmen luziferisch weiter. Höhepunkt ist das Pfadfinderlied „Der Pfahl“ von Lluis Llach, eine Hymne des freien Katalonien. Dass der Text („Ich drücke hier, und du ziehst weg, so kriegen wir den Pfahl vom Fleck“) ungewollte Komik transportiert, stört nicht.

Selbstverständigung aufs gute Gemeinschaftswerk steht auch sonst im Zentrum der Regie. Sie tut, was Theater immer tut: aktualisieren. Gerd Friedrichs Bühne nutzt das Oben-unten-Gefälle im Titania für die Lieder und als Rednertribüne im Volkshaus, mit uns als Bürgern. Die Spielfläche füllt sich mit dem, was bereitsteht: Sofas, Krankenliege, Tischchen, Schreibtisch, dem Müll amoklaufender Bürger. Die Räume sind im Nu geschaffen, grundiert vom Foto-Prospekt: von Bergquell zu Bach zu Dammbrache.

Eine Art unsteter Teufel

Schön auch Kostüm (Ives Pancera) und Maske, wenn man nur an Bürgermeister Peter (Adrian Scherschel) denkt. Wer sich so überschminkt, muss etwas im Schilde führen (sagt Hamlet), und Peters roter Anzug mit seltsamen Musterbändern ordnet seinen Habitus einer Art unstetem Teufel zu. Kaminskis schlicht-kurzes blaues Kleid mit komisch großem Kragen spiegelt die arglose Offenheit von Rolle und Darstellung ins Offenherzige, derweil Dr. Stockmanns Ex, der sanguinische Fabrikant Morten (Hans-Peter Schupp), wie Peter in reich dasteht. Dann Jana Saxler hochgeschlossen, hell und bunt als natürliche Lehrerin, Ives Pancera leger als link-rechter Journaille-Opportunist mit Aufstiegs-Ressentiment, zuletzt Michaela Conrad als Aslaksen mit einem Hauch Frida-Kahlo-Exotik aus Rosen, Ohrgehänge und Handtäschchen.

Toll ihr Bandoneon-bewehrter Auftakt oben, der den Rahmen eines Tierschutz-Benefiz setzt. Unten am Schreibtisch spielen Kaminski – Scherschel später souverän (sie) und spitz-bedrängend (er) alle Mischformen aus ärztlicher Kompetenz und Manipulation im Amte durch. Scherschel als Peter: das ist ganz genau wie Justizminister William Barr, wie er der Welt den FBI-Bericht über russische Wahlhilfe für Donald Trump vorenthält und den Inhalt verzerrt. Wenn mittig die Sofas kopulieren, genießt Petra den Moment mit Panceras Schreiberling Hovstad, bis sie den Opportunisten durchschaut. Wusch, abgeblitzt.

Demokratie abwählen?

Was Hinzpeter wurmt und umtreibt, ist eine „breite Mehrheit der Bevölkerung“, die sich bei Macht und Geld prostituiert. Was also tun, wenn die Demokratie die Demokratie abwählt? Hinzpeter spräche gern, mit Platon, der weisen Minderheit das Wort – mit der Kurärztin als Emblem. Wie aber konstituieren sich weise Minderheiten? Harte Wissenschaft ist wahr, wählt aber nicht. Akt IV schürt die Publikumsdiskussion. Dass jede Volksbefragung nach hinten losgehen kann, weiß Hinzpeter. Doch während Trumpisten-beherrschte US-Staaten per Gesetz Schwarze und Demokraten vom Wählen abschrecken, wünscht sich die Linke beim Blick auf massenverdummte Fox-News-Gucker und gehirngewaschene Antivaxxer auch schon mal, so etwas wäre noch einen Tic törichter: zu blöd zum Wählen. Von solchen Versuchungen handelt Hinzpeters „Volksfeindin“.

Freies Schauspiel Ensemble:

29., 30., 31. Oktober. 5., 6., 7. November., 2., 3. Dezember. freisesschauspiel.de

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