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Selbst-Impeachment mit Gabriele Drechsel, Jörg Zirnstein.

Staatstheater Darmstadt

Die Hybris der Macht

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„Ödipus, Tyrann“ von Heiner Müller am Staatstheater Darmstadt.

Zweimal betreten die Akteure als großer Chor die Bühne, tänzelnd unter Hohnlachen mit vorgehaltener Stabmaske: als Klammer ums Geschehen. In den zwei Stunden zehn, die im Staatstheater Darmstadt Christoph Mehlers witzige, klare, schlanke Interpretation des tragischen Schichtkuchens braucht, spielt den Chor sonst hingegen ein Duo: Mathias Znidarec und Robert Lang. Ihre Kostümierung (und Bühne: Jennifer Hörr) verdeutlicht in Keimform das anachronistische Kaleidoskop der Ausstattung für einen Spieltext, der sich bei Heiner Müller ja weniger um Ödipus als um die Pest der Gesellschaft drehte, die Ödipus regiert. Mehler aktualisiert das und analysiert nicht mehr (wie Müller 1965) den Stalinismus, sondern die Hybris heutiger Macht.

Die beiden Bärtigen tragen den gefältelten kurzen Männerrock namens Fustanella, der sie auch „oben ohne“ zu Ur-Hellenen wie im Befreiungskampf macht. Sobald das Stück aber dem Heute auf die Pelle rückt und der Herrscher wankt, schlüpft ihr Mini-Chor in ärmellose Hoodies und hängt sich im drohenden Aufruhr Karabiner um. Während dieses Hoodie-Modus für den Straßenkampf tritt gern auch Judith Niederkofler in Aktion, die sich als Priester-Dienerin im Hintergrund zum irren Tier schminkt, Skelette bespringt oder im schwarzen Netzstoff ihre Reize für Punk- und Pogo-Crescendi verwertet.

Mehlers Ödipus, mit berlinerndem Zungenschlag gespielt von Jörg Zirnstein im Griechenkostüm plus absurden Sowjet-Marschallsstreifen (ihm gegenüber: Daniel Scholz im seidigen Anzug als mitrauchender Technokrat der DDR), könnte kurz gesagt Donald Trump heißen. Die Suche des Mörders nach dem Mörder: ein Selbst-Impeachment, das sich wie das reale in Amerika rasant vor aller Augen zuspitzt.

Schrecklicher „Perfect Day“

Wie des Ödipus Mutter-Gemahlin Jokaste (Gabriele Drechsel im altrosa Kleid) auch noch Greenback-Dollars aus der Nobeltasche klaubt und ans dumme Volk verteilt, um es trotz aller Übeltaten und maroden Fundamente alter blutiger Gewalt stillzuhalten, passt so perfekt dazu wie der tragische Sarkasmus der Regie. Die segnet den schrecklichsten aller Tragödien-Tage nämlich mit Lou Reeds Song „Perfect Day“ aus und lässt wie zufällig an Trumps Formel vom „perfect call“ denken: jenes Telefonat, worin der US-Präsident den ukrainischen um Hilfe gegen Trumps Rivalen erpresste. Was zum Ende seiner Präsidentschaft führen könnte.

Ödipus der Mörder also ruft: Mörder! Der korrupte Trump schreit: Korruption! Äxte werden geschliffen. Chor trommelt, wackelt einher wie Duracellhasen. Seltsam, dass kleinste Eingriffe reichen, um Müllers Hybris-Ost in Hybris-West umzuprägen, und dass der Hölderlin-Text, den Müller mit eleganten Minikorrekturen politisierte, per Regie genauso mühelos Whistleblower und „subpoenas“ abwirft. All das in einer Raumlösung mit Kreisbühnen-Podest, das über die steile Laufsteg-Achse mit dem Königsthron im Publikum verbunden ist. Höhe der Macht, Auf- und Abstieg, Karneval des Herrscherwechsels: alles da und angespielt, nachdem Erwin Aljukic als Teiresias, ein Bote (Hans-Christian Hegewald) und Hirte die blutige Machtübernahme Thebens zurückbringen.

Als stecke im Staatsgebälk ein Hornissennest, hört man permanent ein Surren, das in Momenten politischer Pest in laute Musik ausbricht. Stefano Di Buduos Videos setzen Palastfassaden in Brand, beschwören dunkle Sonnen, kalte Monde, Griechenköpfe, eine Brandung wie vom Dionysostheater aus.

Staatstheater Darmstadt:

19., 20. Oktober, 9., 23., 29. November.

www.staatstheater-darmstadt.de

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