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Heiner Müller (hinten M.) 1995 während einer Probenpause mit Schauspielern im Garten des Berliner Ensembles.

Heiner Müller

Hüter der Wunde

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In ihm hatte man einen, auf dessen Räuspern man bauen konnte: Heute wäre Heiner Müller 90 Jahre alt geworden.

Am Morgen nach dem Mauerfall flog der Dramatiker Heiner Müller in die USA. In New York sollte er in einer Inszenierung von Heiner Goebbels auftreten. Der Abstand tat Not. Schon sechs Tage vorher, bei der von Ost-Berliner Künstlern organisierten Demonstration auf dem Alexanderplatz, hatte er nicht gewusst, was er sagen sollte und einen Aufruf zur Gründung freier Gewerkschaften vorgelesen, den ihm zufällig jemand in die Hand gedrückt hatte.

Als Buhrufe aus der Menge kamen, war Müller Theatermann genug, abzubrechen und aus seinem unerschöpflichen Vorrat an Bonmots eines auszuwählen, mit dem er vor seinem Abgang noch einen Lacher ernten konnte: „Wenn nächste Woche die Regierung zurücktreten sollte, darf auf Demonstrationen getanzt werden.“ Als die Menschen dann tatsächlich tanzten, saß der bedeutendste Dramatiker deutscher Sprache jener Jahre – und wer weiß, vielleicht auch dieser – im Taxi zum Flughafen. Keine große Sache für ihn, den DDR-Bürger, der seit Jahren reisen durfte. Aber als Bild wirkt es wie eine Flucht: Wenn das Leben kommt, geht die Kunst.

Heiner Müller, das Orakel

Wenige Tage später, in der zweiten Novemberwoche des Jahres 1989, gab Heiner Müller von New York aus einem kanadischen Sender ein Interview zu den Ereignissen in Berlin – auf Englisch. Tapfer variierte er die Brocken der Fremdsprache, die er konnte, um seiner Sorge Ausdruck zu verleihen, dass im Leben der Ostdeutschen jetzt Geld eine große Rolle spielen werde, wobei sein eigener Platz weiterhin zwischen allen Stühlen sein werde und er jetzt wohl lernen müsse, was Demokratie sei: „Now I have to learn to breathe the air of democracy.“

Heiner Müller, das Orakel. Weich sächselnd, fast ohne Modulation, freundlich und unbeirrbar. Er war einer, der gefragt wurde und für Antworten immer zur Verfügung stand, auch wenn er keine hatte, sondern nur vielleicht die besseren Fragen. Heiner Müller, der fließende Fels. Der Pointenmümmler, Dauerräusperer, der Unverstellte und doch Posierende, der Schonungslose, der aber nicht verurteilte, sondern einfach konstant die Wunde offen hielt. Heiner Müller, Deutschland, seit 23 Jahren tot, heute wäre er 90 geworden – wo, um Gottes Willen, fängt man an?

Als die Mauer fiel, war Heiner Müller bereits legendär und (mit schwarzer Brille, Zigarre und Whiskeyglas) eine Ikone. Im Osten als Kritiker der Verhältnisse, als teilweise verbotener Autor („Die Umsiedlerin“, „Mauser“), der der DDR doch die Treue hielt, im Westen als urzeitlicher Meteorit, der zwischen all den bunten Kieseln im plätschernden Flussbett des Subventionstheaters mit Ehrfurcht gebietender Schwärze Anfang der Achtziger eingeschlagen hatte und den Horizont in Richtung Vergangenheit aufriss.

Seine Themen waren Verrat, Brudermord, Mangel an Gnade. Dass es keine Dankbarkeit gibt und kein Vergessen. Dass sich die Verbrechen der Geschichte wieder und wieder ereignen, ohne dass man auf Erlösung hoffen dürfte. Von den Nibelungen über Preußen, Stalingrad und den Führerbunker bis in die LPG und böse Clownsspiele hinein, verfolgt er jede Handlung bis zur moralisch schlimmstmöglichen Wendung, die er mit fast genüsslichem Fatalismus anbietet, wie in der Erzählung „Das Eiserne Kreuz“, in der ein Nazi bei Kriegsende seine Frau und Tochter erschießt, um ihnen ein „ehrloses Leben“ zu ersparen, dann aber, alleine auf der Lichtung, den Revolver wegsteckt und flieht, denn er fand, seine Lage sei „nicht ohne Hoffnung“. Oder auch: „Das ist der Lauf der Welt. Mach dir nichts draus, sie ist ein Schlachthaus, Bruder.“ („Germania Tod in Berlin“, 1956/71).

Sprachlich schloss er, so fand Müller selbst, an die deutsche Klassik an. Das besessene Schillerstudium als Jugendlicher hatte Spuren hinterlassen. Aber auch Kleist, Büchner und Brecht klingen durch. Die höchste Verdichtung in militärisch verknappter, musikalisch gesetzter Sprache, szenisch prinzipiell collagiert. Antipsychologisch, materialistisch, aber nicht ohne bösen Ewigkeitszug. „STALIN: Wer sind die Deutschen/ Ein Haufen Kleinvieh am Westrand von Asien (...) Der letzte Sieger ist der Tod.“ (Germania 3 Gespenster am Toten Mann“, 1995) In den neunziger Jahren war der Sog dieser wie aus Stein gehauenen und doch postmodernen Sprache enorm, im neuen Jahrtausend stieß das Pathetische daran zunehmend ab, die Fortschrittsverneinung schien irgendwie auch kokett. Jetzt ändert sich das gerade wieder und die Schönheit der Form tritt nach vorne. Rein subjektiv gesprochen natürlich, die Rezeption insgesamt scheint mit ein paar Dutzend Inszenierungen im Jahr konstant, und die Nachwirkung reißt nicht ab, wie eine Publikation zu Müllers „medialem Nachleben“ schön zusammenfasst: „Material Müller“ (Verbrecher Verlag, 2018)

Das Verständnis von allem als Material gehört ebenfalls zum Müllererbe. Sein wichtigstes Material war die Gesellschaft, in der er lebte. Weswegen er im Osten blieb, als seine Eltern mit seinem jüngeren Bruder 1951 in den Westen gingen. „Ich hatte keine Funktion, ich konnte ein Außenseiter bleiben und darüber schreiben“, sagte er 1995 in einem „Zeugen des Jahrhunderts“-Gespräch mit Frank Schirrmacher (ein Beitrag unter vielen O-Tönen in der unschätzbaren Audio-Anthologie „Müller MP3“, herausgegeben von Kristin Schulz 2011 im Alexander Verlag). Wobei das mit dem „Außenseiter“ durch die Existenz eines „IM Heiner“ im Ministerium für Staatssicherheit konterkariert wird. Aber wie er selbst im Oktober 1989 sagte: „Ich habe ein bisschen Angst vor Leuten, die nie Fehler machen und nie Fehler gemacht haben.“

Müller, Deutschland. Weil er künstlerisch von der DDR lebte, hatte er zu deren Ende nichts zu sagen, und tatsächlich verstummte er als Dramatiker, bis er 1995 mit „Germania 3“ etwas tönern nachlegte, und seine Regiearbeiten wiesen ästhetisch nicht wirklich in die Zukunft (auch wenn Martin Wuttke in Müllers letzter Inszenierung, Brechts „Arturo Ui“, noch heute gelegentlich im Berliner Ensemble zu sehen ist). Aber als Instanz wurde er gebraucht, als Hüter der Wunden, als einer, der sich als Fragensteller zuverlässig zur Verfügung hielt. Im Jahr 1990 wurde er zum letzten Präsidenten der Akademie der Künste (Ost), 1992 Mitglied der west-östlichen Intendanz des Berliner Ensembles, und sein Gesprächswerk der letzten Jahre ist immens.

Als Heiner Müller am 30. Dezember 1995 an den Folgen einer Krebserkrankung starb, setzte das BE eine tagelange Dauerlesung seiner Werke auf das Programm, als Happening und als Beschwörung, als Versicherung gegen eine Zukunft ohne Vergangenheit – und tatsächlich kann es eine solche auch heute wohl noch nicht geben.

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