Theater

In der Hüpfburg

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Die Welt als aufgeblasenes Nichts: Georg Büchners „Leonce und Lena“ am Staatstheater Darmstadt.

Genialisch einfach wuchtet Julia Prechsl (Regie) Georg Büchners Lustspiel ins Staatstheater Darmstadt. So beherrschend wie der Machtanspruch des grotesken Duodez-Königs Peter von Popo (Thorsten Loeb) ist szenisch die große schwarze Hüpfburg von Valentin Baumeister (Bühne).

Die bläst sich nach Hochfahren des Eisernen Vorhangs umgehend auf und erhebt phallisch ihre Türme, so wie der Monarch sich mit seiner preußisch-kantianischen Systemphilosophie aufbläht wie ein Ochsenfrosch. Am Ende sinkt sie wieder zusammen, denn Prinz Leonce (Béla Milan Uhrlau) zieht mit Prinzessin Lena von Pipi (Anabel Möbius) den Stecker.

Die Handlung von 1836 ist ebenfalls ein Zirkel, da das arrangierte Thronfolger-Paar eine unbekannte Braut oder Bräutigam heiraten soll und quer durch die Romantik nach „Italien“ flieht, nur begleitet von Vertrauten (Victor Tahal, Nicola Lembach). Natürlich verlieben sie sich da just ineinander und kehren zurück. Wahre Liebe bestätigt also den Triumph der Konvention. Willensfreiheit? Die Luft ist raus. Wo jeder Simpel auf „individuell“ macht, sehen am Ende wieder alle gleich aus.

Prechsls Hüpfburg-Einfall ist nett, aber nicht neu. Zehn Jahre ist es her, da konzipierten William Forsythe und Dana Caspersen ihre weiße Riesen-Hüpfburg, der die Darmstädter sehr ähnelt, als „choreografisches Objekt“ namens „White Bouncy Castle“, zu betanzen vom Publikum selbst, bis ihm sein innerer Tänzer schwant. Eine Tonne Plastik: Symbol der Leichtigkeit?

Neu an Darmstadts Black Bouncy Castle ist Prechsls Unterfangen, aus allen Stückdeutungen diejenige zu erwählen, die das von Büchner verachtete Prinzip monarchischer Macht wie im Matchbox-Modell zur Darstellung bringt.

Wie macht man Blinden einen Elefanten begreiflich, den sie nie im Ganzen sehen und wahrnehmen? En miniature. Prechsls „L&L“ ist Macht für Sehende: als aufgeblasenes Nichts mit Attributen. Eine Burg-Gummizelle für den Prinzen etwa, der wie Shakespeares Romeo zunächst das Übungs-Liebchen Rosetta hat (hier ein Quartett) und mehr aus Langeweile gegen bouncy Wände anrennt und zurückgeworfen wird. Dank Drehbühne zeigt die Königs-Hüpfburg auch Rundbögen, die bei Nacht und Nebel im Blendlicht romantische Liebes-Eskapismen zeugt. Den Räten in Grau mit Kartenspiel-Appeal aus Wonderland (Karin Klein, Stefan Schuster) taugt der hüpfige Untergrund, um dem königlichen Denker-Schwein in seinem langen Haar und Umhang zum Gold-Slip staatsfromme Symmetrien vorzuhopsen. Birgit Leitzingers Kostüme bedienen die Groteske mit Puste-Krone und dummen Polizisten mit Laufband-Koppel „Pozilei“ ebenso wie feinere Nuancen: Lenas Bordeaux- und Handtuchnoppen-Kleider. Valerios papageienblaues Jäckchen geht mit subversiver Nagerei am Beckett-Rettich einher und mit grellen Bouncy-Auftritten im Dialog mit Leonce. Der spielt wie Lena sehr beachtlich.

Größter Texteingriff Prechsls: die Titelhelden im Finale von der Macht zu lösen und die Täuschungsszene ganz dem Unterklassen-Duo zu überlassen, das mehr Geschmack an Macht und Privileg hat. Leonce und Lena geben lieber Film-Verliebte von heute: und kappen der Macht den Strom.

Staatstheater Darmstadt: 8., 22. , 30 November.

www.staatstehater-darmstadt.de

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