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Das Ehepaar Helmer, inklusive Weihnachtsbaum.

Wartburg Wiesbaden

Ein hübsches Paar

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Wartburg in Wiesbaden zeigt Henrik Ibsens "Nora oder Ein Puppenhaus" - durchaus heutig und plausibel.

Es ist eine Illusion darauf zu setzen, die Zeiten von Henrik Ibsens „Nora oder Ein Puppenhaus“ (wie es in der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel heißt) wären vorbei. Das wird aber nicht oft so klar und einfach erzählt wie jetzt in einer kleinen Produktion in der Wiesbadener Wartburg. Der Aufwand ist bescheiden, der von Matthias Schaller gewählte Weihnachtsbaum der Helmers ein flüchtig geschmücktes Kunsttännchen, die Geschenke für die Kinder beiläufig verpackt. Die Sitzmöbel: uninteressant, aber übrigens alles einer echten Puppenstubenausstattung ähnlicher als manches liebreizendes Wohnzimmer. Puppenstubenausstattungen tendieren ins Kärgliche. Drei winzige Paare Gummistiefel stehen an der Seite.

Markant allein die gelegentlich bespielte Leinwand: Die Augen von Helmer schauen zu, ein Fischauge zeigt außerdem an, wer vor der Tür steht. Auch das Riesenhafte könnte auf das Puppenhaus anspielen, als dessen Bewohnerin sich die ernüchterte Nora am Ende erkennt. Durch den schwachen Auftritt ihres Mannes ernüchtert, wie Ibsen deutlicher ausführt, als es in der Wiesbadener Zweistundenfassung zu erkennen ist. Dafür wird hier klar, dass die Bewährungsprobe ohnehin nur Helmers letzte Chance gewesen wäre. Sein kleiner Nervenzusammenbruch führt Nora vor Augen, was sie vorher wusste, aber nicht wissen wollte.

Dabei ist er in der Inszenierung von Tim Kramer nicht die Karikatur, die mancher Regisseur aus ihm macht. Tobias Lutze zeigt einen jungen, gutgelaunten, nicht übermäßig geistreichen Mann. Man muss Helmer zwar lieben, um ihn toll zu finden, aber Tag für Tag stehen solche Arbeitnehmer geduldig in der Bahn. Helmer hat soeben das Stadium erreicht, in dem er in die erste Klasse schlüpfen könnte. Man sieht es den Erste-Klasse-Karten-Inhabern seit jeher nicht an.

Mit Nora zusammen bildet er ein hübsches, überraschend heutiges Paar, ohne dem Text Unrecht zu tun. Das ist das Schmerzliche: Auch eine Frau wie diese Nora kann in eine solche Lage geraten.  

Mira Benser trägt einen Wolf auf dem schwarzen Shirt (Kostüme: Jessica Karge), ihr Herz aber nicht auf der Hand. Hinter ihrer Freundlichkeit wartet ein kompliziertes und zugleich etwas naives Innenleben. Es gibt etwas naive Menschen auch heute, Frauen, Männer. Und es ist in dieser unaufgeregten Ausgangssituation erneut spannend, dabei zuzusehen, wie sie sich behandeln lässt. Helmer ist kein Schläger. Viele Frauen stört es nicht, wenn ihre Männer sie nach Vogelarten rufen.

In der überwachten Puppenstube geht es nun zügig voran. Man sieht Llewellyn Reichman als beherrschte Frau Linde, Maximilian Pulst als unglücklichen, hier zurückhaltend verwüsteten Erpresser Krogstad, Ulrich Rechenbach als ebenfalls recht jungen Arzt Rank. Trotz der Abkürzungen wird plausibel nachgezeichnet, wie die beiden Frauen die Dinge eigentlich mehr voranbringen als die volltönenden Männer, die nicht die reflektiertesten sind.

In der Szene, in der die verzweifelte Nora für Helmer tanzt (um ihn am Gang zum Briefkasten zu hindern), wirkt er wie ein Freier. Dann tanzt sie ohnehin nur noch für sich und gegen das Vergehen der Zeit an. Auch dieser Abend stellt der Ehe als solcher kein gutes Zeugnis aus.

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