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Der Lehrer (Jörg Hartmann, stehend) versucht den Fisch (Moritz Gottwald, mit Speiseeis) zu fangen.

Salzburger Festspiele

Horváths „Jugend ohne Gott“ in Salzuburg: Deutschland, ein Wald

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Thomas Ostermeier inszeniert Horváths „Jugend ohne Gott“ spröde und genau bei den Salzburger Festspielen.

Am Anfang eine Klarstellung, bei der einem kalt ums Herz werden soll und wird. Horst R. aus Braunschweig erklärt im Sommer 1935 ausführlich, was er dem Führer zu verdanken hat, zählt mancherlei auf – vor allem hat er wieder Arbeit – und kommt zu dem Schluss: „Alles!“ Jörg Hartmann, schwarze Hose, schwarzes T-Shirt, spricht den Text, man kann es sich vorstellen, lapidar und doch aufmerksam und intensiv dahin. Der Abend wird fürs internationale Publikum englisch übertitelt. Man schämt sich doppelt, man ist doppelt fassungslos. Aber der Auszug aus dem Band „,Geliebter Führer‘. Briefe der Deutschen an Adolf Hitler“ ist auch eine Grundlage für das Kommende.

Ödön von Horváths Roman „Jugend ohne Gott“ – 1936 im Exil in Henndorf, nicht weit von Salzburg, geschrieben – thematisiert subtil und scharfsinnig den katastrophal schlechten geistigen und moralischen Zustand der Deutschen in den Jahren vor Kriegsbeginn. Mit das Allerschlimmste ist, dass sie auch noch so zufrieden wirken. Dass sie so engagiert daran mitarbeiten, sich selbst und alle anderen auf Linie zu bringen, einer Linie außerhalb der Zivilisation. Dass sie so hart, dumm und egoistisch sind und wirklich glauben, da wäre eine gute Zukunft für sie drin.

Regisseur Thomas Ostermeier, der mit dem Dramaturgen Florian Borchmeyer die Textfassung erarbeitet hat, stellt also vorab klar, wie die Dinge zum Zeitpunkt der Handlung stehen. Es ist das Grauen, aber die Mehrheit der Deutschen ist einverstanden.

Ab jetzt kann die Regie, können die Darsteller sich auf das Geschehen konzentrieren, ohne überdeutliche Signale auszusenden: Einen soliden, nicht zuletzt durch Hartmann nüchternen und merkwürdigerweise gelassenen Blick in den Abgrund bietet die erste Schauspielpremiere der Salzburger Festspiele. Es ist ja nicht zu ändern. Es gibt ja etliche Details, die man eh auch heute wiedererkennt, die schamlose Härte, das Nicht-Aushalten von anderen Haltungen, und wäre es bloß für eine Minute. Dem ist nicht viel hinzuzufügen, und Ostermeier verzichtet auch darauf. Für das Theater stellt sich die Frage, was es einem solchen Roman hinzufügen kann. Da es sich um einen wichtigen Text handelt, muss man sich damit aber nicht zu lange aufhalten.

Zumal Jan Pappelbaum einen kahlen Wald auf die Bühne des Landestheaters gestellt hat, aus dem schon das Personal herauslugt. Manchmal sieht man nur ein Bein – Jungen in kurzen Hosen – oder etwas entlanghuschen. Deutscher Märchenwald in seiner unbehaglichen Form, auch dies bereitet das Spiel ordentlich vor. Kaum hat sich Hartmann umgezogen, jetzt trägt er einen Anzug, der in die Romanzeit passt (Kostüme: Angelika Götz), geht es los.

Hartmann ist der Lehrer, der nicht über das hier gestrichene N-Wort stolpert, aber über die Behauptung, dass „alle Afrikaner hinterlistig, feig und faul“ seien. Eine ebenfalls heftige Formulierung, die durch den politisch korrekten Eingriff für die Bühne eher eine böse Heutigkeit dazugewinnt. Analog zum Erzähler bei Horváth bleibt Hartmann ruhig, ein Mensch, der nicht den Mut zur Auflehnung hat, dem aber das Mitmachen unmöglich ist. Er verharrt, bis sich ein unerwarteter Ausweg hin zum Schlusssatz findet, der auf der Bühne nun lautet: „Der Afrikaner fährt zu den Afrikanern“ (an dieser Stelle klingt es nicht ganz so hart, muss man sagen, überhaupt versickert der letzte Moment ein bisschen).

Der Lehrer verharrt, er beobachtet, er lauert sogar, wobei Hartmann erwartungsgemäß ein stoisch Lauernder ist, und die Regie hier zum Teil auf Videos setzt, die den schauspielerischen Anteil des Augenblicks hinter den technischen Effekt sortieren. Sébastien Dupouey zeigt dann Hartmanns Gesicht als Projektion im Wald. Eine Zeltwand oder ein zusammenzuknüllendes Laken sind ebenfalls effektvolle Projektions-, aber doch auch Spielereiflächen. Die Unberechenbarkeit der Bilder vermittelt einen Eindruck von der mangelnden Privatsphäre, das ist fast zu naheliegend.

Bald sind die entkultivierten Schüler mit ihrem Lehrer bei einem semimilitärischen Ferienlager. Hier entwickelt sich die Krimihandlung um den Tod eines Schülers, auch sie aber ohne Eile. Sparsam und präzise bleibt das Spiel – sparsam und vage ist die reingehauchte Musik von Nils Ostendorf, hier ein matter Wirbel, da ein Stückchen Melodie –, zwischen dem Genauen und dem Zähen führt allerdings ein schmaler Grat. Angesichts einer Geschichte, in der es genau darum durchaus geht (wer behält die Nerven?), ist das respektabel. Zweieinviertel Stunden ohne Pause sind dennoch eine Herausforderung.

Nur Hartmann bleibt in seiner Rolle. Seinen Text übernehmen zum Teil Kollegen als „innere Stimmen“. Bernardo Arias Porras, Damir Avdic, Veronika Bachfischer, Moritz Gottwald, Laurenz Laufenberg, Alina Stiegler und Lukas Turtur lassen unterdessen Dutzende weitere Rollen flugs durch ihre Reihen gleiten. Wie im Leben kristallisieren sich bloß ein paar Figuren heraus: Gottwald als Schüler T, der Fisch – selbstverständlich bekommt er eine besonders glubschäugige, glubschmündige Videoprojektion –, oder Laufenberg als Tagebuchschreiber Z oder Arias Porras als widerständiger B. Denn während der Lehrer der Lehrer bleibt und Hartmann sich keine Veränderung anmerken lässt, wird um ihn herum alles immer vielfältiger. Stiegler als Mädchen Eva hat hinterm verfitzten Haar wenig Gelegenheit, sich zu zeigen. Das Typisierte ist hier wichtiger als das Individuelle. Die Frage, ob das Theater bei dieser Gelegenheit dem Roman gegenüber hätte Boden gutmachen können, bleibt offen.

Nicht offen bleibt, dass das Geschichteerzählen über das Theatermachen obsiegt, und man das im Allgemeinen beklagen kann, im Konkreten aber nicht. Eine Gesellschaft ist nicht besser, aber gewarnter und sogar gewappneter, wenn alle „Jugend ohne Gott“ kennen.

Termine

Salzburger Landestheater: 30. Juli, 1., 4., 7., 9., 10., 11. August. Premiere an der Berliner Schaubühne: 7. September. www.salzburgerfestspiele.at

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