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Hoffmann und die untote Antonia im Badezimmer.

Staatstheater Mainz

„Hoffmanns Erzählungen“: Hoffmann bei den Gespenstern

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Jacques Offenbachs Oper weckt in Mainz gemischte Gefühle, sängerisch werden Glanz und Gloria geboten.

Am Staatstheater Mainz schickt die Regisseurin Elisabeth Stöppler Hoffmann nun in einen anhaltenden Alptraum. Diesen erlebt er in einem mittelklassigen Hotel, so dass Valentin Köhler Schlafzimmer und Bad bauen ließ, die freilich immer wieder in Bewegung geraten, dies in einer Intensität, die der Intensität des Bühnengeschehens nicht zuträglich ist. Allerdings handelt es sich offenbar um eine bewusste Entscheidung, sicher wäre es auch anders gegangen, erst recht ohne die allenthalben ins Bild kommenden Kulissenschieber beim klassischsten Einsatz.

Farbe gibt es im Hotelzimmer nur durch die bühnengroßen Videoprojektionen (Andreas Etter), die eine blonde junge Frau im roten Kleid und im recht starken Wind zeigen. Auch im eigentlichen Geschehen sind es die sonderbaren drei Frauen, die eine Spur Farbe in Hoffmanns Leben bringen, und seien es bloß die blutroten Handgelenke von Antonia, die als eine Art Untote aus der Badewanne gleitet.

Jacques Offenbachs Fantastische Oper „Hoffmanns Erzählungen“ als gruseliger Schwarz-Weiß-Film: Das kann man schon gut nachvollziehen, aber ist es nicht seltsam, dass ausgerechnet ein gruseliger Schwarz-Weiß-Film sich mit so einer eigentümlichen Mattigkeit über den Saal legt? Es mag an der Leerstelle liegen, die die Figur Hoffmann selbst hinterlässt. Denn Eric Laporte hat als Tenor zwar einen ganz großen Abend und bewältigt die riesige, durch seine ständige Präsenz auf der Bühne (es ist sein Alptraum) psychologisch noch vergrößerte Partie vorzüglich und mit gepflegter Stimmkultur – seine seltenen Schwächen in den brutalen Höhen machen ihn nur menschlicher. Wer dieser Hoffmann aber ist, was sein Begehr und Problem, das erfährt man nicht. Angst vor seinem Alptraum scheint er nicht zu haben (vielleicht eine simple Hauptschwäche der Inszenierung: Wenn es gruselig wird, müssen es entweder die Personen auf der Bühne oder die Zuschauer mit der Angst bekommen).

Dass Hoffmann sich immer wieder einmal Notizen macht und zwar vornehmlich dann, wenn ihm die Frauen ihr Leid und Leben darbieten, die er als Dichter sozusagen weiterverwenden kann, ist doch zu dünn. Mit den zwei-, dreimal eingestreuten pessimistisch-depressiven Houellebecq-Textpassagen ist die Oper schwerlich, dieser Hoffmann gar nicht in Verbindung zu bringen.

Anderes gelingt dann gut. Alle drei Frauen haben großartige Auftritte, vor allem singen sie grandios: Olympia, Alexandra Samouilidou mit leichtem, aber nicht übermäßig soubrettigem Sopran, ist eine futuristische Kunstfigur, vielleicht Sexpuppe, die desinteressiert und schlapp, aber nicht dumm ihre Aufgaben erfüllt, bis sie sich die glänzenden Rüstungsteile abschnallt und die blonde Perücke herunterreißt. Darunter ist sie nurmehr eine arme nackte haarlose Schaufensterpuppe. Das Bild, wie Samouilidou auf einem Labortischlein zusammengeklappt liegt und weggeschoben wird, wird sich nicht so rasch übertrumpfen lassen.

Im Antonia-Akt, in dem es ja um Oper geht und in dem der Abend auch orchestral deutlich an Fahrt gewinnt, ist Dorin Rahardja eine besonders interessante Titelheldin, stimmlich enorm und in den Höhen verschwenderisch und souverän, darstellerisch durch die ihr bevorstehende Geistererscheinung vielleicht am besten in das Schauergeschichtenkonzept einzupassen. Das Rettungslose verjagt jeden Hauch von Liebeskonvention.

Giulietta ist Nadja Stefanoff mit ihrer dunkler timbrierten Stimme und in einem spektakulären roten, ähm, Teil. Vom Rang aus kann man an Grace Jones denken. Trotz der aufwendigen Masken und des gelungenen Tableaus, das sich daraus ergibt, bleibt der Akt atmosphärisch wieder hinter den Möglichkeiten zurück. Dass Schlemihl zum devoten Lustknäblein gemacht wird, ist typisch für so ein ambitioniertes Nachdenken und Ausstatten, dann aber doch Wegwalzen über Handlung und Stimmung des Moments.

Derrick Ballard singt als Inbild der dämonischen Schlechtigkeit profund, bekommt dazu einen teuflischen Hinkefuß. Und doch gilt auch hier: Selten vom Bösen so wenig gepackt worden (am ehesten im Antonia-Akt). Solenn’ Lavanant-Linke gefällt als Stella/Muse/Nicklausse mit ihrer eleganten Art und ihrem kühlen, weichen Mezzo, sinnvoll ins Geschehen eingefügt wird sie kaum.

Ja, auch die Musik gerät gerade am Anfang in die Sphäre der Spannungslosigkeit. Robert Houssart dirigiert verhalten, der Chor, der nicht immer ins Schlafzimmer passte, singt zum Teil nicht ideal aus dem Off. Gespielt wird auf Grundlage der noch relativ jungen Fassung von Michael Kaye und Jean-Christophe Keck. Äußerst geschickt und vielversprechend wurden kurze, glänzend beiläufig gesprochene Dialoge auf Französisch eingebaut, die anreichern, nicht unterbrechen.

Staatstheater Mainz: 8., 19., 22. September, 1., 12., Oktober. www.staatstheater-mainz.com

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