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Tänzerinnen und Tänzer „müssen einen großen Brocken ihrer selbst geben“: Hofesh Shechter bei der Probe.
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Tänzerinnen und Tänzer „müssen einen großen Brocken ihrer selbst geben“: Hofesh Shechter bei der Probe.

Tanz

Hofesh Shechter: „Ich versuche, mein Publikum zu verwirren“

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Der Choreograf Hofesh Shechter über Tanz in Zeiten der Pandemie, seinen „Swan Cake“ und die Intelligenz des Körpers.

Herr Shechter, wie haben Sie das vergangene Jahr erlebt, konnten Sie als Choreograf arbeiten?

Zuallererst mussten alle Tour-Pläne für meine Company, auch meine Nachwuchs-Company aufgegeben werden. Die ersten drei, vier Monate waren beunruhigend, wir wussten nicht, was wir dürfen, was wir nicht dürfen. Dann jedoch, etwa von November an, war ich sehr beschäftigt, denn viele meiner Vereinbarungen waren mit Institutionen, die feste Häuser haben, wie das Royal Danish Ballet, das Nederlands Dans Theater. Ich konnte also Dinge machen, die ich in „normalen“ Zeiten vielleicht gar nicht gemacht hätte. Glücklicherweise waren ich und mein Umfeld die meiste Zeit ausgelastet. Aber natürlich dachten wir immer darüber nach, wie wir durch diese Zeit kommen, durch diese Herausforderung. Wir hoffen jetzt nur, dass es nicht noch weitergeht mit der Pandemie.

Hat die Pandemie einen Einfluss auf Ihre choreografische Arbeit gehabt, zum Beispiel dadurch, dass Tänzerinnen und Tänzer sich nicht anfassen durften?

Als wir im November in England wieder ins Theater durften, war es uns auch wieder erlaubt, uns anzufassen. Die Vorschrift war ähnlich wie die für Sportler, dass wir nämlich für einen Kontakt Blasen schaffen mussten. Wir hatten viel Glück, dass niemand erkrankte und keinen Corona-Fall im Studio hatten. Es ging also normal weiter, auch die choreografische Arbeit ging normal weiter. Aber es hat etwas mit dem Geist dieser Zeit zu tun, dass wir sehr aufgeregt waren, zusammen sein zu können. Alle waren sehr großzügig, sehr kreativ. Nachdem wir für einige Monate zuhause bleiben mussten, war dann die Energie sehr stark, sehr kreativ.

Sie beschäftigen sich jetzt für die Company von Eric Gauthier mit „Schwanensee“, dem Inbegriff des romantischen Balletts. Was interessierte Sie an dem Stoff?

Nun, Eric sagte mir, dass er diesen Abend plane (unterschiedliche Choreografien unter dem Titel „Swan Lakes“, d. Red.), ich zögerte. Er versicherte, ich könne alles tun mit diesem Stoff. Also mache ich nun einen „Swan Cake“. Ich habe mich entschieden, auf einen anderen Weg abzubiegen, ein bisschen Spaß damit zu haben. Ich habe mich von einem Teil der Geschichte inspirieren lassen, werde aber versuchen, ihr eine Wendung zu geben. Sie soll nicht vor allem von Schönheit und Perfektion erzählen, sondern viel Humor haben. Sie enthält die dunkleren Seiten von „Schwanensee“, aber auf eine leichte Weise. Ich hoffe jedenfalls, es wird leicht und lustig. Ich stehle ein paar von den musikalischen Motiven, spiele aber mit ihnen, auf eine jazzige oder Zigeunermusik-Art, in einer roheren Version.

Da ich Ihre Stücke kenne, dachte ich eher nicht an leicht und lustig. Kein dunkler „Schwanensee“?

Ich weiß nie, wenn ich beginne, wo das hinführen wird. Manchmal möchte ich ein fröhliches Stück machen und es wird dunkel, manchmal ein leichtes und es wird schwer. Ich weiß nie, wie ein Stück wird, ehe ich nicht mit den Tänzern im Studio arbeite. Aber diesmal hoffe ich, es entsteht etwas, über das die Leute lächeln können, das ist in dieser Zeit vielleicht wichtiger als alles andere.

Denken Sie, es wird die Tanzsprache sichtbar verändern, dass die Berührung jetzt so lange Zeit so belastet war?

Ich bin nicht sicher. Aber ich denke, die Tanzwelt wird ein sehr kurzes Gedächtnis haben. Es gibt jetzt dieses Gefühl von Herzlichkeit und Großzügigkeit, das könnte unglücklicherweise schnell enden. Andererseits, etwas wird wohl bleiben von dieser Zeit, die uns etwas darüber gelehrt hat, wie wir unser Leben takten. Was ich während der Quarantäne sehr mochte, war dieser Moment des Innehaltens, des Durchatmens, der Meditation. Ich hoffe also, dass manche Dinge erhalten bleiben.

Sie sind ein sehr gefragter Choreograf. Was hat Sie veranlasst, sich von Eric Gauthier als Artist in Residence anheuern zu lassen?

Ich habe bereits mit der Company gearbeitet. Es war eine großartige Kooperation. Ich liebe die Tänzer, ich liebe die Atmosphäre, man arbeitet hier wirklich hart. Wir hatten bereits über dieses Projekt gesprochen und über eines im nächsten Jahr. Dann hat Eric vorgeschlagen, dass ich Artist in Residence werde, das fühlte sich nur natürlich an. Alles ist sehr freundlich hier, die Tänzer sind wandelbar, sie werden meiner Arbeit gerecht.

Was muss eine Tänzerin, ein Tänzer mitbringen, um Ihrer Arbeit gerecht zu werden?

Ein offenes Herz! Sie müssen bereit sein zu spielen, dazu, einen großen Brocken ihrer selbst zu geben. Natürlich braucht ein Tänzer auch technische Fähigkeiten. Aber ich suche nach einem bestimmten Gefühl für die Bewegung, einem Fluss, einer Art Smokiness …

Zur Person:

Hofesh Shechter , geboren 1975 in Jerusalem, hat eine Klavierausbildung begonnen, ehe er sich für Tanz zu interessieren begann. Nach einer Ausbildung an der Jerusalem Academy of Music and Dance tanzte er in der Batsheva Dance Company, studierte in Paris Musik und spielte Schlagzeug in einer Rockgruppe. 2008 gründete er in London, wo er lebt, die Hofesh Shechter Dance Company.

„Swan Lakes“ heißt ein vierteiliger Abend von Gauthier Dance in Stuttgart, neben Shechter steuern Marie Chouinard, Marco Goecke und Cayetano Soto Uraufführungen bei. Premiere ist am 24. Juni. www.theaterhaus.com

Smokiness“, also Rauchigkeit?

… ja, nach Musikalität, einer bestimmte Qualität des Ausdrucks. Die Tänzerinnen und Tänzer müssen sehr menschlich sein, ziemlich bescheiden auf eine gewisse Art. Sie wissen, dass meine Arbeit nichts damit zu tun hat, sich auf der Bühne zu präsentieren als stark, kraftvoll, sie beschäftigt sich mit den komplizierteren Abstufungen von menschlichen Affekten. Die Tänzer müssen wirklich präsent sein und die schwächeren Seiten des Menschseins erforschen.

Was werden die schwächeren Seiten Ihrer Schwäne sein?

Ich weiß nicht, das muss ich noch herausfinden. Vielleicht ist es ihr Sinn für Sarkasmus, ihre Zerbrechlichkeit. Die Art, wie wir lernen können, was Schönheit und Fragilität bedeuten. Aber wir können erst klug über eine Arbeit sprechen, wenn sie beendet ist.

Haben Sie sich vorab andere Versionen und Deutungen von „Schwanensee“ angesehen?

Ich versuche, mich nicht beeinflussen zu lassen, also nein. So ist es besser.

Wenn Sie keinen Ausgangspunkt haben wie „Swan Lake“, woher kommen Ihre Stücke, was sind die Inspirationen?

Meine Stücke kommen immer aus dem Jetzt, aus dem, was im Jetzt passiert. Das ist ein großer Satz. Aber ich schreibe stets in mein Notizbuch, was in meinem Leben passiert, was mich irritiert, was meine Gedanken beschäftigt. Was im Studio mit den Tänzern, was in der Welt um uns herum passiert. Ich lasse diese Informationen sich ansammeln und schaue dann, was sich in eine Form, in die Form eines Tanzstückes bringen lässt, was ich zusammen mit den Tänzern verdauen kann. Meine Inspiration ist also tatsächlich das, was sich ereignet. Ich persönlich schlage nicht gern Bücher auf oder mache Recherchen, sagen wir zum Beispiel: über Malerei im 15. Jahrhundert, um dann darüber etwas zu entwickeln. Meine Arbeiten sind eine Reaktion auf das, was im Heute geschieht. Wie wenn wir beide gerade in einem Café säßen und uns über das Leben unterhalten würden – so sollen meine Stücke sein. Wie etwas, über das man plaudern kann. So kann ich Dinge verdauen, in einer Gemeinschaft teilen, was ich in dieser wichtigen Zeit fühle, welche Gedanken ich einbringen will. Das macht für mich die Kraft dessen aus, was ich und die anderen tun.

Kann Tanz also politisch sein?

Ich glaube, dass alles politisch ist. Wir existieren in einem Konstrukt, das politisch ist, dem kann man nicht entkommen. Aber es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass es nur eine Idee ist. Sobald der Begriff „politisch“ auf dem Tisch liegt, bezieht sich alles darauf. Sie können in Tanz verloren gehen, sie können in einer Vorstellung sitzen oder selbst tanzen, und sich dabei in der Energie verlieren. Sie werden sich Gedanken machen, Sie werden Emotionen haben, aber Sie können irgendwann an einem zeitlosen Ort landen, an dem Sie nur die Energie spüren. Unser Gehirn ist sehr stark, mir ist bewusst, dass man in einer Vorstellung sitzt und versucht, sie zu verstehen. Und insbesondere da ich ein israelischer Choreograf bin, werden politische Gedanken kommen. Denn Ihr Gehirn versucht zu analysieren. Die Antwort auf Ihre Frage lautet also ja, jedes Gedicht, jedes Bild ist politisch. Sie können sich dafür entscheiden, nicht darüber nachzudenken oder die Dinge auf eine andere Art und Weise zu verbinden. Es gibt Künstler, die politische Statements abgeben wollen, aber das möchte ich nicht. Ich habe keine Botschaft, die ich meinem Publikumvermitteln will. Ich versuche, mein Publikum zu verwirren, auf der Bühne Fragen zu stellen. Fragen vielleicht über politische Konstrukte, über Liebe, Fragilität … ich habe keine Antworten, mein Job ist es zu fragen.

Verändern Sie Ihre Stücke nach der Premiere noch?

Nur, um sie besser zu machen (lacht). So ein Stück ist eine sehr unordentliche Sache. Es ist schwer zu erklären, aber lassen Sie uns sagen, Sie kochen Suppe. Und denken: Ich würde gern einen Teil des Salzes weglassen. Oder Sie wollen die Karotten weglassen. Aber sobald Sie die Karotten weglassen, verändert sich die ganze Suppe. Die Arbeit an einem Stück erfolgt zu einer bestimmten Zeit, es repräsentiert, an welcher Stelle ich zu dieser Zeit war, ich und die Tänzer zu dieser Zeit waren. Dann, wenn man ein Stück verändert, ist es, als verändere man das Gedächtnis. Ich mache das nur ganz selten. Auf Englisch sagt man: man muss sich die Hände wirklich schmutzig machen. Es ist wie eine große Operation. Normalerweise sage ich also: das ist nicht perfekt, aber es ist, was es ist. Lass es sein Leben leben.

Entsteht eine Choreografie also nicht nur aus dem Augenblick, sondern auch aus dem Bauch?

Nun, wie Sie sehen können, verwickle ich mich in meinen Gedanken, in meinen Ideen, dem Versuch zu verstehen, um was es in einem Stück geht. Aber es kommt immer ein Punkt, und ich liebe diesen Punkt, an dem mir glücklicherweise die Zeit ausgeht. Die Deadline zwingt mich dazu, Entscheidungen zu treffen. Ich kann dann nicht mehr viel darüber philosophieren, warum ich dies oder das tue, was gut oder schlecht ist. Das ist der Moment, in dem der Instinkt übernimmt. An einem gewissen Punkt, glaube ich, entsteht meine Arbeit also aus dem Instinkt heraus. Und wenn es ein gutes Stück ist, dann fließt es einfach. Dann kann ich Jahre später versuchen, es zu verstehen. Aber es geht um Energie, das Nachdenken wird überbewertet. Sie können mit dem Verstand nur so weit kommen, der Körper und der Instinkt sind intelligenter, sind voller Leben.

Interview: Sylvia Staude

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