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Elvira mit ihrem Onkel: Brenda Rae (r.) und Kihwan Sim.

Oper Frankfurt

In höchsten Tönen

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Bellinis "Puritaner" an der Oper Frankfurt sind musikalisch schön, szenisch sind sie ein gutaussehender Irrwitz.

Wie die geistige Verwirrung einer Bühnenfigur zu den schönsten Arien führen kann, so ist auch ein weniger einfach nachzuvollziehendes Libretto selten ein Hinderungsgrund für große Erfolge. Das sind aber Eigenarten der Gattung Oper, aus denen man auf keinen Fall etwas für weitere Bereiche des Lebens ableiten kann. Unter einem schlechten Ruf leiden in dieser Hinsicht Vincenzo Bellinis „Puritaner“ mit einem wahrlich unter Leiden entstandenen Text. Triumphal aber verlief die Uraufführung 1835 (wenige Monate vor Bellinis frühem Tod).

Für Furore sorgten sofort die sportiven Herausforderungen der anspruchsvollen Sopranpartie und für den Tenor, der am Ende noch irgendwie ein hohes f erreichen soll. Anders als bei den meisten Sportarten muss die Anstrengung in der Oper zudem ganz unbemerkbar bleiben. In Frankfurt sind bei diesem Kunststück jetzt die Amerikanerin Brenda Rae und ihr Landsmann John Osborn zu erleben. Rae, als Elvira-Debütantin und bezaubernde Darstellerin, absolviert ihren Part technisch bravourös, nichts wird weggemogelt, alles perlt und sitzt makellos. Reste von Anspannung – vielleicht auch bloß durch die recht exaltierte Rollenauffassung der Regie vermittelt – dürfen sich gerne in noch mehr Schmelz auflösen. Sie kann es ja. Man erlebt bei Rae, die von Frankfurt aus ihre große Karriere startete und dem Haus verbunden geblieben ist, auch beeindruckt, wie sich eine Stimme entwickelt, größer und breiter wird, hier noch ohne Einschränkung in Höhe und Beweglichkeit. Osborns Arturo bewältigt die Spitzentöne ebenfalls sicher – sowohl bei ihm als auch bei ihr klingt sogar das fast noch schön. Dazu bietet er eine Unermüdlichkeit, die sich trefflich in das insgesamt junge und sehr fitte Ensemble einpasst. Dessen Homogenität ist essenziell in einer Komposition, die noch mehr mit den Ensemblenummern auftrumpft als mit den Arien.

Sämtliche weitere Solisten, aus wiederum sportlicher Sicht ein fulminanter Erfolg des Hauses, haben als jetzige Ensemblemitglieder im Opernstudio begonnen beziehungsweise sind derzeit dort engagiert (Bianca Andrew, den Kollegen ebenbürtig in der überschaubaren Partie der Königin). Großartig breiten sich Kihwan Sims fundamentaler Bassbariton als Elviras Onkel und Iurii Samoilovs weicher, staunenswert reifer Bariton als Arturos Rivale in der Tiefe aus. Ihnen gehört das wahre Herz der „Puritaner“ mit dem Duett am Ende des 2. Aktes. Inhaltlich ein irres Teil, indem zunächst auf dieselbe Melodie grundlegend unterschiedliche Meinungen aufeinanderprallen. Sodann raffen sich die Herren in einer mit dem Vorangegangenen nur lose verbundenen Volte zu einem ad hoc total patriotischen Finale auf (im Risorgimento war das natürlich der Hit). In Frankfurt wird die Szene von den Bläsern des Opern- und Museumsorchester köstlich und hochkompetent flankiert, wobei das Dirigat von Tito Ceccherini nicht immer maximale Rücksicht auf die Singenden nimmt, sondern gediegen, aber auch eher massig angelegt ist. Dem Tutti fehlt dadurch manchmal der Biss, den die Soloinstrumentalisten mitbringen.

Massig nun aber auch die Optik, schon vor dem ersten Ton aus dem Graben. Zum dritten Mal – nach Glucks „Ezio“ und Cileas „Adriana Lecouvreur“ – haben sich Regisseur Vincent Boussard und Modeschöpfer Christian Lacroix hierfür zusammengetan, eine Koproduktion mit der Oper im belgischen Liège, wo im Juni 2019 Premiere ist. Diesmal hat Johannes Leiacker ein imposantes Bühnenbild beigesteuert, ein halbfertiges Rundgebäude mit Galerien, theaterhaft. Auf einen transparenten Vorhang vor der Bühne werden vage und weniger vage (Lavafluten, Schmetterlinge) Videobilder (Isabel Robson) projiziert.

Die Schauwerte verselbstständigen sich noch mehr mit Blick auf Lacroix’ Kostüme, traumhafte Abendgarderoben für Brenda Rae, Andrews und eine mysteriöse Frau (die Tänzerin Sofia Pintzou), die immer auftaucht, wenn es dramatisch wird und namentlich Riccardo behelligt. Die Herren tragen gut geschnittene Anzüge und Zylinder, der Chor (Tilman Michael) – bloß stehend, selten gehend, aber eine kompakte, Kraft in reine Schönheit transformierende Einheit bildend – zeigt außerdem duftige Capes in Rosarotorange und nachher etwas im weitesten Sinne Puritanisches.

Die Regie zeigt sich entschlossen, Elvira von vornherein als höchst verstört zu präsentieren (Brenda Rae spielt hingebungsvoll und grundsympathisch), aber sonst eigentlich nichts. Es wird eine Rahmenhandlung angedeutet, bei der wir aus dem Programmheft erfahren, dass damit die Trauerfeier für Bellini gemeint und die Handlung selbst eine Art Reminiszenz ist. Es werden auch Zusammenhänge zwischen Arturo und dem Komponisten angedeutet, und über weite Strecken steht ein Flügel im Zentrum der Bühne, in dem sich immer wieder einmal interessante Dinge zu befinden scheint. Obwohl der Deckel effektvoll nach oben fliegt und Teile des Inneren spiegelt, bleibt das vom Parkett aus unklar.

Zwischen allerlei Einfällen und dem ansonsten eher schlichten Einhalten von Opernkonventionen hat es eine solche Geschichte schwer. Das ist allerdings nur bitter, wenn man daran denkt, wie klug etwa Jossi Wieler und Sergio Morabito in Stuttgart vor zwei Jahren die Handlung zum Laufen brachten, als spannende Konfrontation zwischen eisern Frommen und denen, die auf ihrem Recht auf Lebensfreude bestehen. In Frankfurt, wo im tüchtigen Schlussbeifall höchstens zwei Buhrufer gegen das Inszenierungsteam die Fahne ernsthaft ein Werk durchdringender Opernregie hochhielten, darf man es nur nicht dem Werk selbst verübeln. Es ist unschuldig daran.

Oper Frankfurt: 6., 8., 14., 16., 21., 26., 28. Dezember, 4., 12., 18. Januar. www.oper-frankfurt.de

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